Lüneburg, am Freitag den 19.07.2024

Jüdisches Leben in Lüneburg — nicht vergessen

von Carlo Eggeling am 08.07.2024


Es ist ein kleiner Satz, der die Gemeinheit gegenüber den jüdischen Nachbarn zeigt: "Deutschen Mitgliedern der Lüneburger Gemeinde wie Anny Rosenhain, geboren und aufgewachsen in Leipzig, die nach Auschwitz deportiert wurde, überlebte und sich nun mit Wohnsitz in Lüneburg anmeldete, erhielt vom Einwohnermeldeamt den Eintrag 'staatenlos'. Denn sie war nicht im Deutschen Reich in ein Konzentrationslager verbracht worden, sondern in Polen." Die Bürokratie der Nationalsozialisten funktionierte weiter, auch nachdem sie den von ihnen angezettelten Zweiten Weltkrieg verloren hatten. Erst nachdem der Parlamantrische Rat das Grundgesetz 1949 verabschiedete, wurde das Gesetz aufgehoben.

Gebürtig in Leipzig? Staatenlos? Wie kann man darauf kommen? Nachzulesen ist dieses Stück Zeitgeschichte im Heft "Über die Jüdische Gemeinde in Lüneburg von 1945 bis 1959". Mit Unterstützung von anderen haben Gabi Bauer und Peter Asmussen das vergessene Schicksal der Lüneburger auf Zeit recherchiert. Mehr als 600 Menschen lebten in Lüneburg, bevor die meisten von ihnen die Stadt verließen, sie gingen vor allem in die USA und auch nach Israel. Die 170 Seiten Historie sind der zweite Teil dieses Aspekts, zuvor hatte sich die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) als Herausgeberin mit dem Thema „Ein jüdisches Kinderheim in Lüneburg 1946 bis 1948“ beschäftigt.

Bevor die Nationalsozialisten von 1933 an Deutschland regierten, prägte auch in Lüneburg eine mosaische Gemeinde das Leben mit. In Sportvereinen, als Bankiers und Mäzene des Museums, als Ärzte und Händler. Ihre Synagoge stand am Schifferwall. Von 114 Juden überlebten drei Juden den staatlichen Terror. Nach dem Ende des Nazi-Reichs kamen unter anderem Menschen aus Konzentrationslagern wie Bergen Belsen an die Ilmenau.

Hier hatten die Briten das Regiment übernommen. Kranke und Geschwächte wurden versorgt wie im Hamburger Kinderheim an der Uelzener Straße, ein anderer Ort war die inzwischen verschwundene Pension Heiderose am Kurpark, Mädchen und Jungen fanden in einem Haus in Ochtmissen eine Bleibe.

Es entwickelte sich wieder ein jüdisches Leben in der Stadt. Ins Café Rauno an der Bäckerstraße zog im November 1945 ein Restaurant mit koscherer Küche und einer Mikwe, einem rituellen Tauchbad, ein. Es war ein verhaltenes Willkommen durch Regierungspräsident Fehrmann und Oberbürgermeister Bockelmann: "Gute Wünsche für die jüdischen Mitbürger, die hier -- die meisten nur vorübergehend -- eine Heimat gefunden haben." Ein "Ersatz" für die Synagoge entstand an der Neuen Sülze 9, in einem Saal fanden Gottesdienste statt.

Gleichwohl blieben Männer und Frauen tonangebend, die es auch im Nationalsozialismus waren. Etwa Wilhelm Wetzel, der als Oberbürgermeister an der Spitze der Stadt gestanden hatte und 1951 aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte und später für die FDP im Stadtrat saß. Aber auch andere wollten ungern an ihre Zeit zwischen 1933 und 1945 erinnert werden. Sie hatten bei einer Zwangsauktion im Haus der angesehenen und dann verfemten Familie Heinemann für kleines Geld Kostbarkeiten gekauft. In den Dokumenten finden sich Namen, deren Nachfahren noch heute eine Rolle spielen.

Im Land der Täter wollte viele Juden nicht bleiben, sie gingen in eine neue Heimat, auch in ein Land, das Sicherheit versprach: Israel. 1956/57 zählt die Gemeinde noch zwei Dutzend Personen, 1959 löst sie sich auf. Im Lüneburg Adressbuch von 1982/83 findet sich ein letztmals jüdischer Name -- jüdisches Leben der Nachkriegszeit endet damit.

Es ist ein großes Verdienst des nimmermüden Peter Asmussen, der gemeinsam mit anderen seit Jahrzehnten die Zeit des Nationalsozialismus ausleuchtet und zeigt, wie furchtbar normal Lüneburg in diesen Jahren war -- mörderisch und verfolgend. Es gab eben keine Stunde null, viele verdrängten nach 1945 die Vergangenheit.

Das Heft ist nicht nur wichtig, weil es Menschen erinnert, die in Lüneburg nur begrenzt willkommen waren und es trotzdem mitprägten, sondern weil man es als Mahnung lesen kann, dass es Demokraten braucht, die für die Demokratie eintreten. Wer das nicht garantiert, sind Menschen, die all die Unmenschlichkeit relativieren und sich als vermeintliche Alternative für Deutschland gerieren. Und es erklärt auch, warum Israel für Juden eine Grundlage jüdischen Lebens bedeutet, ja, sein muss. Carlo Eggeling

* Die Broschüre „Über die Jüdische Gemeinde in Lüneburg 1945 bis 1959“ (172 Seiten) ist erhältlich zum Preis von 5,00 € im Avenier-Ladencafe im Utopia, Katzenstraße 1 a und kann auf Rechnung bestellt werden (plus 3,00 € Porto) über: vvn-bda-lueneburg@vvn-bda-lg.de

Die Bilder erinnern an Orte jüdischen Lebens. Die VVN stellt sie zur Verfügung.

© Fotos: VVN


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