Lüneburg, am Sonntag den 27.11.2022

Warum radikalisieren sich Menschen?

von Winfried Machel am 22.11.2022


Warum radikalisieren sich Menschen? - Psychologe und Extremismusforscher Ahmad Mansour als Referent zu Gast bei Woche der Demokratie der Polizei Lüneburg

Lüneburg/Lüchow-Dannenberg/Uelzen - NordOstNiedersachsen

"Wir bewahren unser freiheitlich-demokratisches Selbstverständnis und stärken unsere Widerstandskraft gegen demokratiegefährdende Erscheinungen." Vor dem Hintergrund dieses strategischen Ziels fanden in der zweiten Novemberwoche im Rahmen der Demokratiewoche der Polizeidirektion Lüneburg verschiedene von polizeiinterne Fortbildungsveranstaltungen in den Landkreisen der gesamten Polizeidirektion statt.

Einen ganz besonderen Gast konnte dabei die Polizei Lüneburg für ihre Präsenzveranstaltung am 09.11.22 mit dem bundesweit bekannten Psychologen und Extremismusforscher Ahmad Mansour aus Berlin gewinnen. Bereits für das Frühjahr des Jahres hatte die Polizeiinspektion einen Kontakt mit dem deutsch-israelische Psychologen für eine ähnliche polizeiinterne Vortragsveranstaltung hergestellt, die flankierend zur bundesweiten Wanderausstellung "Was' los, Deutschland!?" laufen sollte, jedoch aufgrund der Corona-Situation abgesagt werden musste. Besonders freuten sich die Organisatoren, dass im Rahmen der Demokratiewoche der Präsenzvortrag nun doch noch realisiert werden konnte.

Für die Veranstaltung war die Polizei aufgrund der hohen Teilnehmerzahl zu Gast bei der Bundeswehr in der Theodor-Körner-Kaserne in Räumlichkeiten des Aufklärungslehrbataillons 3, so dass neben gut 120 Polizeibeamt:innen von Polizeiinspektion, Polizeidirektion, Zentraler Kriminalinspektion und 4. Bereitschaftspolizeihundertschaft auch zahlreiche Soldat:innen des Aufklärungslehrbataillons den Vortrag von Ahmad Mansour verfolgen konnten.

Stellvertretend für die Polizei begrüßte die Abteilungsleiterin 2 der Polizeidirektion, Frau Inga Ritters-Timm, die Anwesenden und sprach ihren besonderen Dank auch dem anwesenden stv. Bataillons-Kommandeur Oberstleutnant Ludwig aus.

Parallel erinnerte Ritters-Timm, "dass wir die freiheitliche Demokratie nicht als selbstverständlich nehmen dürfen. Dies lehrt uns neben der Geschichte aktuell auch das derzeitige Weltgeschehen. Gerade die Polizei als Exekutive muss stets wachsam sein und aktiv für den Erhalt der Demokratie eintreten, in dem wir ihre Werte aktiv leben, uns mit ihr und unserem Handeln selbstkritisch auseinandersetzen, schützen und bewahren wir sie. Dazu gehört insbesondere auch, dass sich die Polizei als Organisation nach innen stärkt, um der Aufgabe, dem Schützen und Bewahren der freiheitlich demokratischen Grundordnung, gerecht zu werden. Nur so wird es uns dauerhaft gelingen die demokratischen Werte nach außen zu tragen."

"Um Vorurteile, Kognitive Dissonanz, Empathie, Warum radikalisieren sich Menschen? und die Polizei", ging es dann im fast dreistündigen Vortrag, Gedankenaustauch und Diskussion von Ahmad Mansour

Ausgehend von seiner eigenen Situation beschrieb Mansour die Verhältnisse, unter denen muslimische Jugendliche sich von radikalen Islamisten angezogen fühlen. Er selbst - in einem kleinen arabischen Dorf in Israel 1976 geboren, aufgewachsen und eher ein Außenseiter - fühlte sich nicht angenommen und akzeptiert. Das änderte sich, als er über die Ansprache eines Imams Kontakte zu radikalen Islamisten bekam; so wurde er in seiner Jugend selbst radikaler Islamist.

Insbesondere seine veränderte Lebenssituation zu Beginn seines Psychologiestudiums führte dazu, das Erlernte in Frage zu stellen, Widersprüche aufzudecken und sich vom Islamismus loszusagen. Sein persönlicher Hintergrund führte dazu, dass er sich in vielen Projekten für den Kampf gegen Radikalisierung von Jugendlichen engagiert - seit 2004 lebt und arbeitet er in Berlin. Seine eigenen Erfahrungen und Einblicke erleichtern ihm, an Schulen und in Vorträgen die zentralen ideologischen Komponenten und Strategien radikaler muslimischer Gruppierungen aufzuzeigen.

Mit kurzen Sequenzen und Bildern veranschaulichte Mansour die ideologischen Komponenten mit Stichworten wie Antisemitismus, Buchstabenglaube, Betonung der Opferrolle und dem Angebot, sich in salafistischen Gruppen von dieser zu befreien und gleichberechtigt, akzeptiert und anerkannt zu werden. Die Strategien basieren dabei auf einer Angstpädagogik, die bei Abweichungen Tod und Hölle heraufbeschwört, die aber andererseits denen, die sich den Regeln unterwerfen, ein moralisches Überlegenheitsgefühl und Macht über andere verleiht. Die Ideologie wird zur Legitimation, Gewaltphantasien auszuleben, die noch zusätzlich mit der Aussicht auf das Paradies belohnt werden.

Patriarchalische Familienstrukturen

Dabei können sich die Islamisten auf Strukturen und Ansichten stützen, die auch in gemäßigten Varianten des Islam zu finden sind. So werde der Buchstabenglaube von vielen Imamen gepredigt, die restriktiv und strafend auf Fragen reagieren, statt sie zu beantworten oder zu erklären. Des weiteren seien patriarchalische Familienstrukturen, in denen eine starke Hierarchie zu Bevormundung und teilweiser Entmündigung der Kinder, insbesondere der Mädchen führt, mitverantwortlich für deren Steigerung zu autoritären islamistischen Weltbildern. Viele betroffene Eltern berichten ihm, dass ihre Kinder plötzlich hochmotiviert seien und sich gerne für die Salafisten-Szene engagieren würden. Es mache Ihnen schlicht und ergreifend Spaß, mit anderen Jugendlichen für eine gemeinsame Sache zu kämpfen. "Salafisten sind leider häufig noch die besseren Sozialarbeiter", konstatierte Mansour.

Empathie als Basis einer gesunden Gesellschaft

Immer wieder warnte er jedoch auch davor, zu verallgemeinern und unikausale Ursachen beziehungsweise Lösungen zu suchen. Vielmehr müsse jeder Einzelfall genau betrachtet und hinterfragt werden, bevor Urteile gefällt würden. Empathie, so Ahmad Mansour, ist der Grundstein einer gesunden Gesellschaft, eines guten Umgangs miteinander und das beste Mittel gegen Hass.

Es müsse ein Umdenken in Politik, Sozialarbeit und Pädagogik geben und nicht nur punktuelle, sondern flächendeckende und langfristige Präventionskonzepte entwickelt und umgesetzt werden, die demokratische Werte vermitteln und Partizipationsmöglichkeiten anbieten.

Neben Begegnung, Kontakt und Kommunikation forderte Mansour jedoch auch deutlich die Probleme zu benennen und über Realitäten offen zu sprechen, denn nur so sie es möglich wirklich die Demokratie zu schützen.

Polizei: Unterschiedlichkeit sowie konsequentes und rechtsstaatliches Handeln

Die Polizei auch als Spiegelbild der Gesellschaft setzt sich aus sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten zusammen, mit individuellen Biographien, sozialem Umfeld, Religionszugehörigkeit. In den vergangenen Jahren ist auch die Polizei deutlich "multikultureller" geworden. Immer mehr Menschen im Polizeidienst haben einen Migrationshintergrund, denn Unterschiedlichkeit ist auch im Polizeidienst ein wichtiges Thema. Mansour ist überzeugt, dass es der Polizeiarbeit gut tut, wenn Menschen mit den verschiedensten Erfahrungen gemeinsam am gleichen Ziel arbeiten: der Inneren Sicherheit.

Wer exekutive Gewalt in einem Rechtsstaat ausüben darf, verfügt über ein Privileg, dessen Missbrauch hart bestraft werden muss. Nur so erhalten wir das Vertrauen in unseren Rechtsstaat, unsere Demokratie und letztlich unsere Freiheit, ist sich Mansour sicher. Die Konsequenz aus erodierendem Vertrauen wäre Selbstjustiz.

Richtig zu handeln ist in der polizeilichen Praxis oft knifflig. Inwieweit ist es legitim Menschen mit anderer Hautfarbe zu kontrollieren, ohne sich dem Vorwurf von Rassismus bzw. von "Racial Profiling" auszusetzen?

Parallel stellt sich die Frage, wie man auf einen Autofahrer reagieren soll, der bei einer Routinekontrolle angibt, er könne aufgrund seiner Kultur oder Religion nicht mit einer Polizeibeamtin (Frau in Uniform) kooperieren? Hinzu kommt, dass nicht wenige Kriminelle ganz gezielt auf die "Rassismuskarte" setzen: Sie spielen sich als Opfer einer rassistischen Verfolgung auf, um die Polizisten zu verunsichern, deren Arbeitsbelastung durch zusätzliche Anträge und Anhörungen zu erhöhen und so letztlich von ihrer Straftat abzulenken. Auf solche Situationen muss man Polizeibeamte vorbereiten, fordert Mansour. Polizeibeamte dürfen nicht aus der Angst heraus, das Falsche zu tun, so verunsichert sein, dass sie am Ende doch falsch handeln.

Abgerundet wurde der Vortrag mit verschiedenen Fragen und Anmerkungen sowie einer umfangreichen Diskussion.

Aufgezeichnet und mitgeschnitten wurde die fast dreistündige Vortragsveranstaltung mit Fragen und Diskussionsrunde auch durch Polizei-TV.

Hintergrund:

Ahmad Mansour ist gebürtig arabischer Israeli und lebt seit 2004 in Berlin. Er ist Diplom-Psychologe und derzeit bundesweit als Experte für Extremismusbekämpfung nachgefragt. Zum Beispiel begleitet er Familien von radikalisierten Jugendlichen oder Aussteiger und verurteilte Terroristen. Mansour berät seit vielen Jahren das Landeskriminalamt Berlin und wirkt als Lehrbeauftragter an der dortigen Polizeischule und an der Fachhochschule Münster. Von 2013 bis 2017 wirkte Ahmad Mansour auch als Berater und wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der staatlich geförderten Beratungsstelle Hayat, von 2012 bis 2014 war er Mitglied in der Deutschen Islamkonferenz. 2017 gründete Mansour "Mind Prevention", die Mansour-Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention, und hat dort die Geschäftsführung inne. Das Institut schult Lehrer, Polizisten, Pädagogen und Sicherheitsangestellte unter anderem zu folgenden Themen: linker und rechter Extremismus, Islamismus, Radikalisierung, Antisemitismus und Unterdrückung von Frauen im Namen der Ehre. Außerdem arbeitet Ahmad Mansour mit radikalisierten Jugendlichen in Gefängnissen und bietet Workshops in Schulen, Asylheimen und Willkommensklassen. Ahmad Mansour erstellt zudem Gutachten für Gerichte und ist ein gefragter Redner bei Verbänden, Unternehmen und Akteuren der Zivilgesellschaft. Auch als Autor zahlreicher Bücher und Gastbeiträge ist er bekannt. Für seine Arbeit und sein gesellschaftliches Engagement wurde er vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Moses-Mendelssohn-Preis zur Förderung der Toleranz, dem Carl-von-Ossietzky-Preis, dem Theodor-Lessing-Preis sowie dem Menschenrechtspreis 2019 der Gerhart und Renate Baum-Stiftung. (Quelle: https://denkfabrik-r21.de/ahmad-mansour/)

Mansour-Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention GmbH - https://www.mind-prevention.com/)

© Fotos: Polizei


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