Abschied von der Wollsocke
von Carlo Eggeling am 14.02.2026Meine Woche
Abschied von der Wollsocke
Als Jakob Blankenburg das erste Mal für die SPD als Bundestagskandidat antrat, kannte ihn kaum jemand. Er gewann 2021 den Wahlkreis direkt und löste den langgedienten CDU-Mann Eckhard Pols ab. Hatte dem Bienenbüttler außerhalb der Sozis kaum jemand zugetraut, selbst in seiner Partei gab es Fragezeichen, Jakob wer? Ein Wunder. In die scheinen die lokalen Sozialdemokraten verliebt. Ob sie den 1970er-Hit von Katja Ebstein retro-summen: "Wunder gibt es immer wieder, heute oder morgen/können sie geschehn. Wunder gibt es immer wieder, wenn sie dir begegnen, mußt du sie auch sehn."
Sie setzen bei der Landratswahl auf André Schuler, den wenige kennen und bei der OB-Wahl auf Oliver Wozniok, den sie kaum in ihrer eigenen Partei kennen. Das ist mutig, auch von den beiden Männern, die wissen, dass sie überschaubar Chancen besitzen.
Wozniok, 47 Jahre alt, freundlich, nach einem Ausflug zu den Grünen wieder zurück bei der SPD, will aufs Gespräch setzen, zuhören, Lösungen und Ideen der Bürger mitnehmen. Als Lehrer und Schulrat sollte, nein, muss man so sein. Das verwuschelte Erbe des Grünen Robert Habeck, der am Küchentisch den Widrigkeiten des Lebens mit "Zuversicht" begegnen wollte, tragen sie parteiübergreifend gern wollsockig weiter.
All dieses Miteinander hatte uns bereits die Amtsinhaberin versprochen. Wozniok und seine Genossen sagen: Theater. Claudia Kalisch macht es nicht, sondern murkelt vor sich hin. Sie tut mit Bürgersprechstunden so, als sei sie volksnah, aber eigentlich interessiert sie das nicht. Es wirke majestätisch, wenn das Volk sich anmelden müsse mit eingereichten Bitten, um eine Audienz erteilt zu bekommen. Bürgerrat hier, Dialograum da, Fotos mehr als es von Elizabeth II. jemals in Bild der Frau gab.
Was macht Wozniok? Nett? Diskutieren? Kuscheln kann erdrücken, da möchte man irgendwann Abstand, durchatmen und statt Gerede Lösungen. Kann es sein, dass die beziehungsmüde Stadtgesellschaft Ergebnisse erwartet? Vor 35 Jahren setzte Lüneburg eine Verkehrswende um. Widerstand, Ergebnis nicht perfekt und nicht ausreichend weiterentwickelt. Aber Straßen wandelten sich in Oasen wie die Schröderstraße, dem Sand als Busbahnhof nahm die neue Planung ein Drittel oder mehr Busse vom Pflaster, sogenannte Durchmesserlinen durch die gesamte Stadt schufen bessere Verbindungen.
Was mag passieren, wenn einer fordert, die Felgenbremse zu ziehen und die Bürger bei Versammlungen und an Straßenständen zu fragen: was, wo, wie geht? Dann könnte sich das Wollsockige plötzlich ziemlich filzig und kratzig anfühlen. Würde andere Ergebnisse bringen, wenn nicht nur wie bislang Speichenorganisationen eingebunden wären, sondern die Betroffenen. Bürgernah vor ihrer Haus- und Geschäftstür. Nur zur Erinnerung: Als noch ein anderer Polizist als Fachberater im zuständigen Ausschuss saß, war's vorbei mit Fahrradring an Hindenburg-/Gartenstraße -- Andreas Dobslaw wies schnell nach, dass Fahrradstreifen auf der Straße keinen Platz mehr zwei entgegenkommende Busse oder Lkw mehr ließen.
Da rappelt's in der Kiste. Die CDU macht es vor. Ausstieg aus dem Radentscheid. Natürlich demonstriert der dann vor der Tür des Rats. 30, 40 Leute, die sich in einem Dutzend immer gleicher Debattierclubs versammeln und so Masse demonstrieren, die sie angesichts von bald 80 000 Einwohnern nicht besitzen.
Politik bedeutet Konflikt, das Ringen um Ideen. Und Macht. Macht basiert im guten Fall auf Rückhalt, und der wiederum auf vernünftigen Ideen. Die muss man gemeinsam entwickeln. Bremse, Richtung justieren und dann Antreten wäre sinnvoll. Am Runden bleibt man nicht hängen, sondern an Ecken und Kanten. Das gehört an der Spitze dazu. Egal, welche Partei.
Wer als Nobody antritt, muss auffallen. Die gleiche Langeweile, die es schon gibt, hilft nicht. Die Linke hat das verstanden, Daueranfragen im Rat zu allem und jedem. Sie übertreibt, klar. Schafft allerdings Beachtung. Thorben Peters, Chef der Herberge, wird als OB-Kandidat mit Sicherheit die soziale Frage immer wieder stellen. Welche Fragen stellt Wozniok, welche Angebote macht er?
Die stolze, aber geschundene Sozialdemokratie sitzt bald fünf Jahre in der Opposition. Einigkeit sähe anders aus. Einige sind vor allem von sich selbst überzeugt. Wie bringt Wozniok sie zu einem gemeinsamen Kurs, der bis September Konturen zeigt? Außerhalb des Rates muss er die zeichnen. Konturen sind kantig.
Die CDU steht vor dem gleichen Problem. Sie hat keinen Kandidaten. Was man lange ausschloss, wird nun in eigenen Reihen erzählt: doch Heiko Meyer, den ewigen Vorsitzenden der Handelsorganisation LCM? Wenn der kommt, ist es für alle anderen noch schwieriger. Als Parteiloser hat er bei der vergangenen Wahl gezeigt, selbst ohne viele oder mit eher eigenwilligen Ideen bringt man es als Kumpeltyp und dem Image des Anpackens sehr weit. Bis in die Stichwahl.
All das haben die Sozialdemokraten sicher auf dem Schirm. Sie planen Haustürbesuche, Veranstaltungen in Stadtteilen, Stände. Blankenburg und seine Freunde bringen die Jusos mit, jugendlicher Elan hilft beim Plakatekleben. Aber auch Jungsozialisten wollen eine Vision, wie Stadt in fünf und acht Jahren aussehen soll.
Als die SPD ihren Kandidaten -- natürlich im Mosaique -- vorstellte, wirkte Fraktionschef Thomas Dißelmeyer in seinen Arbeitsklamotten realitätsnah. Man möge sich im Wahlkampf nicht zerfleischen, sagte er. Schließlich brauche es hinterher Koalitionen, also Kompromisse. Ach ja, natürlich mit Oliver Wozniok als Oberbürgermeister.
So lange summen wir Katja Ebstein: "Wunder gibt es immer wieder, heute oder morgen können sie geschehn." Carlo Eggeling
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