Lüneburg, am Samstag den 21.02.2026

Alle anderen sind doof. Immer

von Carlo Eggeling am 21.02.2026


Meine Woche

Sattelfest


Bevor es neulich in die Ratssitzung ging, mussten ausgewählte Zeitgenossen tapfer sein. Das Verkehrswendebündnis warf in einem Schreiben unter anderem an die Medien SPD, CDU und FDP schlimme Dinge vor: "Verweigerung von Stadtentwicklung und Ignoranz gegenüber Bürgerwünschen". Die Langweiler würden nicht mitmachen, dem Radverkehr Vorrang zu geben. Dabei sei es wahnsinnig transparent gelaufen, Öffentlichkeitsbeteiligung reichlich, und -- man glaubt es kaum -- unter Alt-OB Ulrich Mädge sei die Zeitenwende 2021 auf den Weg gebracht worden. Der ist zwar sonst ein Mann von vorvorgestern, aber nun wirkte er wie die Schutzpatronin der Radfahrer, die Madonna del Ghisallo, der in Italien ein Wallfahrtsort gewidmet ist. Wallfahrtsort. Den müssen Sie sich merken.


Wie wandelbar der Blick sein kann. Natürlich spielt Wahlkampf keine Rolle, das Bündnis hat das Wohl Lüneburgs im Blick, das seiner Bürger. Die sehnen sich nach dem Nump, dem Nachhaltigen Urbanen Mobilitätsplan. Das größte Anliegen: Radfahren wird sicherer und bequemer. Damit erreichen wir himmlische Spähren, sitzen neben der Schutzpatronin Madonna del Ghisallo. Auf der anderen Seite geht's teuflisch zu. Also bei CDU, SPD und FDP, Verhinderer des Guten.



Ach so, Sie wissen gar nicht, was der Nump bedeutet? Da geht es Ihnen vermutlich wie den meisten Menschen. Neulich hat mir ein Bekannter erzählt, er wohne am Lambertiplatz. Zufällig habe er mitbekommen, dass die Straße in Richtung Post gekappt werde, Umbauten für Fahrradverkehr anstünden. Die Marktleute haben èn passant erfahren, dass es in Höhe Landgericht enger werden solle. Die Konsequenz, Stellflächen für den schnellen Einkauf auf dem Markt verschwinden -- Händler sind in Sorge, ob noch alle kommen, um Kartoffeln, Obst, Eier und Blumen zu kaufen.



Das Nump-Verfahren scheint wirklich ungemein transparent verlaufen zu sein. In Gebetskreisen in der Uni, im Dialograum an der Grapengießerstraße. Das es vor allem Pedalos waren, die ungemein öffentlich waren, steht allerdings nicht in der Epistel, dem geistlichen Mahnbrief der Verkehrswende-Anhänger. Könnte es sein, dass die Stadtspitze mit ihren Beteiligungsformaten gar nicht die erreicht, um die es geht, die Bürger? Übrigens zog Mädge Ende 2021 aus dem Büro des Oberbürgermeisters aus. Seitdem stellen die Grünen Claudia Kalisch als Oberbürgermeisterin.


Jetzt mal tapfer sein, wenn es nach soooooo vielen klingt, beim Verkehrswendebündnis ADFC, Radentscheid, Fridays for Future, VCD Elbe-Heide, Klimaentscheid, Parents for Future, Fuss e.V., Lüneburg Barrierefrei, JANUN Lüneburg, KlimaKollektiv und Lastenräder für Lüneburg blickt man häufig in dieselben Gesichter, einige trifft man auch bei den Grünen. Ach ja, 7000 Bürger hätten für den Radentscheid gestimmt, wird gern angeführt, selbst der Grundkursus Mathe käme mit den Grundrechenarten darauf, zwischen Bockels- und Zeltberg leben mehr als zehnmal so viele Menschen. Mehrheit der Bürger?


Dass die Gruppen jetzt wie im vergangenen Wahlkampf ordentlich in die Pedale steigen, zeigt, dass die Grünen binnen ihrer Regentschaft eins ihrer Hauptanliegen nicht umsetzen konnten. Genauso wenig wie den Marienplatz umzubauen oder 2000 Wohnungen zu schaffen. Schuld haben, teuflisch, die anderen, die so uneinsichtig sind, obwohl sie doch zunächst Zustimmung signalisiert hatten. Nun wollen die tatsächlich mitreden. Mein Gott.



Und nun? Selbstverständlich muss sich die Stadt weiter wandeln. Aber wenn die einen den anderen vorwerfen, sie seien verblendet und die anderen Radlern einen Plattfuß wünschen -- wäre es denkbar, eine Pause einzulegen und neu zu verhandeln? Auch wenn es natürlich gar nicht stimmt, wie Spezialisten sofort nachweisen, unter Mädge gab es in meiner Erinnerung öfter Bürgerversammlungen, zu denen alle kommen konnten. So machen es andere Städte wie Lübeck regelmäßig: Bürgermeister und Senatoren laden in Stadtteilen zu Runden ein. Feuer frei. Ohne Anmeldung und eingereichte Fragen.



Wahlkampf? Nie und nimmer. Mädge, der übergroße Schatten der Vergangenheit, der zufällig von der Zeitung angerufen wird, ob er sich um ein Ratsmandat bewerbe. Was soll der Fuchs wohl sagen? Lustig. Na ja, der Mann, der 30 Jahre lang an der Spitze stand, hat immer noch kein Bild in der Ahnengalerie des Rathauses erhalten. Die Fotografin, die er wollte, sei mit rund 10 000 Euro zu teuer. Klar, wenn man ein Selfie nach dem anderen schießt, verblassen Kunst und Handwerk.



Wir erinnern uns an die skurrile Debatte um den Wallfahrtsort im ersten Stock des Rathauses. Mal zur Einordnung: Fotograf Andreas Gurskys Werk Rhein II, eine völlig reduzierte Aufnahme, die bei Düsseldorf entstand, ist 2011 in New York bei einer Auktion von Christie’s für 3,1 Millionen Euro versteigert worden, es galt zeitweise als teuerste Fotografie der Welt. Selfie.


Aus dem Rathaus heißt es, Kunst könne man preislich eintüten: "In seiner Sitzung am 30. Januar 2024 hat der Verwaltungsausschuss der Hansestadt Regelungen zu Ort, Art, Größe und Kosten für Bildnisse ausgeschiedener Hauptverwaltungsbeamten festgelegt. Die von Herrn Mädge favorisierte Künstlerin hat einen Auftrag mit diesen Vorgaben abgelehnt. Darüber hat die Verwaltung Herrn Mädge in der Folge schriftlich informiert. Gleichzeitig hat die Verwaltung Herrn Mädge gebeten, er möge sich gern mit einem Angebot eines anderen Künstlers/einer anderen Künstlerin melden. Die Verwaltung hat dazu auch ihre Unterstützung angeboten. Eine Antwort liegt uns bis heute nicht vor. Wir bleiben an dem Thema aber dran."


Mädge sagt, er solle drei Kostenvoranschläge einreichen und findet, die einzuholen, sei traditionell Aufgabe der Verwaltung. Da mache er nicht mit. Unwürdig. So bleibt eine Lücke. Stellen wir uns das Undenkbare vor, Claudia Kalisch könnte im Herbst nicht erneut gewählt werden, was passiert dann? Die zweite Lücke, weil ein Bildnis von vorvorgestern scheint? Allerdings hat die Pressestelle in 30 Jahren Mädge nicht so viele Fotos des OB geliefert, wie in den vergangenen viereinhalb Jahren. Da reicht sicher ein Selfie. Oder eine Video-Installation? Selfies in Dauerschleife? Da hat der nachfolgende Rat doch schon ein gewichtiges Thema.


Fröhliches Wochenende, vielleicht im Sattel. Carlo Eggeling

© Fotos: ca


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