Als Stasi-Killer Michael Gartenschläger erschossen
von Carlo Eggeling am 04.05.2026Die Grausamkeit des DDR-Regimes verblasst in der Erinnerung bei vielen, das Gefühl, der Osten sei benachteiligt und im untergegangenen Sozialismus sei's so schlecht nicht gewesen, übersieht oftmals die Diktatur, die zwischen Priwall und Vogtland herrschte. Einige, die nicht vergessen haben, trafen sich jetzt bei Bröthen zwischen Büchen und Zarrentin zum Gedenken an Michael Gartenschläger. Der war dort vor 50 Jahren, am 30. April 1976, erschossen worden. Ein deutsch-deutsches Drama.
Gartenschläger war 17 Jahre alt, als ihn die DDR 1961 wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt zu lebenslanger Haft verurteilte. Der Jugendliche liebte Rock'n'Roll und hatte mit Freunden einen einen Fanclub für den westdeutschen Musiker Ted Herold gegründet, das machte ihn verdächtig. Als er 1961 gegen den Bau der Berliner Mauer protestierte, die faktische Teilung Deutschlands, wurde er verurteilt und kam in Haft.
Da der „real existierende Sozialismus“ wirtschaftlich eher Mangelwirtschaft bedeutete, war Ostberlin auf Devisen angewiesen -- missliebige Bürger "verkaufte" man in die Bundesrepublik. So auch Gartenschläger, der zehn Jahre weggesperrt worden war.
Nachdem er nach Westdeutschland abgeschoben worden war, engagierte er sich als Fluchthelfer, durch aus ein Geschäft. Aber Gartenschläger wollte weiter gegen die Unmenschlichkeit des Ost-Systems protestieren. Es gelang ihm, 1976 Selbstschussautomaten am Grenzzaun zu demontieren. Die SM-70-Apparate funktionierten wie Splitterminen. Der „Spiegel" beschrieb die Aktion und die tödlichen Waffen.
Gartenschläger hatte mit Empörung in Westdeutschland gerechnet, doch die blieb aus. Allerdings soll Stasi-Chef Erich Mielke, der Chef des Überwachungsapparats, geschäumt und die Liquidierung Gartenschlägers angeordnet haben. Als der Überzeugungstäter mit Freunden einen dritten Automaten abbauen wollte, um ihn vor der Ständigen Vertretung der DDR in Bonn zu installieren, erschoss ihn am 1. Mai 1976 ein Sondereinsatzkommando des Ministeriums für Staatssicherheit bei Bröthen, er war verraten worden. Ein paar Tage später wurde Gartenschläger als „unbekannte Wasserleiche" in Schwerin beerdigt.
Ein halbes Jahrhundert später nun das Erinnern an einen Mann, der seinen Kampf gegen die furchtbare undemokratische Deutsche Demokratische Republik mit dem Leben bezahlte. Ein Leser war dabei und schickt diese Information: "Am 1. Mai trafen sich am 'Gartenschläger-Eck', an der Landstraße zwischen Bröthen und Langenlehsten zum Gedenken am Kreuz für Michael Gartenschläger Birgit Hesse, Präsidentin des Landtages Mecklenburg-Vorpommern, Dr. Christoph Mager, Landrat des Kreises Herzogtum Lauenburg, Burkhard Bley, Landesbeauftragter M-V für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, Wolfgang Wiese, Freundeskreis Michael Gartenschläger und Michael M. Schulz, Vertreter der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft e. V. Die musikalische Begleitung hatte Elena Lavrenteev (Lübeck) übernommen.
Zur Erklärung:
Ich bin zweimal die ehemalige innerdeutsche Grenze mit dem Rad abgefahren und habe 2009 und 2019 tägliche Reportagen von der Tour geschrieben. Die Idee: Wie viel Grenze ist noch in Köpfen und Landschaft vorhanden? Die Geschichten Michael Gartenschlägers und anderen, von Grenzern erschossen oder wie bei auf der Elbe bei Schlackenberg mit einem Wachboot überfahren wurden, die durch Mienen und Selbstschussanlagen starben, habe ich auf der knapp 1400 Kilometer langen Reise immer wieder gefunden. Insgesamt starben, zwischen 1949 und 1989 an der innerdeutschen Grenze und an den Anlagen des abgeriegelten Westberlins mindestens 400 Menschen.
In der Gedenkstätte Marienborn, dem Grenzübergang von Westdeutschland in Richtung Berlin, wird unter anderem davon erzählt und vom Menschenhandel, den die DDR betrieben hatte, um an Devisen zu kommen.
Die Selbstschussanlagen, die Gartenschläger zeigen wollte, wurden abgebaut, nachdem der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß (CSU), der als "Erzfeind des Sozialismus" galt, Ostberlin 1983 einen Kredit über eine Milliarde Mark vermittelte. Weg mit den Anlagen, war eine seiner Bedingungen. Carlo Eggeling
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