Lüneburg, am Donnerstag den 12.03.2026

Anständig getrunken wird nur noch im Straßencafé am Sand

von Carlo Eggeling am 12.03.2026


Erst verschärft die Stadt eine Situation, dann will sie eine Kehrtwende und schlussendlich glaubt man im Rathaus scheinbar, dass Illusionstheater so schön daherkommt, dass es Beifall regnet. Wie schrägt das Ganze wirkt, muss auch dem Autor der Vorlage für den Ausschuss für Gefahrenabwehr aufgefallen sein, der am kommenden Dienstag tagt. An mehreren Stellen notiert der Schreiber, die Stadt weiche nicht von ihrer ursprünglichen Haltung ab -- deutlicher kann man gar nicht machen: Hey, wir lagen nicht ganz richtig.

Der Sand soll künftig von 8 bis 19 Uhr zu einer Alkoholverbotszone werden. In den Lokalen kann es weiterhin heißen: Hoch die Tassen. An den Bushaltestellen hingegen nicht. Gleiches gilt für die sogenannten Grünen Oasen, welche die Stadt auf Anordnung der Oberbürgermeisterin vergangenen Sommer auf beiden Seiten aufstellen ließ, vorher kreisten die Flaschen an Bushäuschen, doch dann bewies die Entscheidung, Prost, es geht noch doller.

Im Text aus dem Bereich Ordnung und Verkehr heißt es: "Seit der Installation zusätzlicher Sitzgelegenheiten, den sogenannten „Grünen Oasen 2.0“ im Juli 2025 hat sich auch der westlich der Bushaltestellen gelegene Bereich des Platzes Am Sande zunehmend zu einem dauerhaften Aufenthaltsort für Zwecke des Alkoholkonsums entwickelt. Im vergangenen Sommer und Herbst wurden durch Feststellungen des Kommunalen Ordnungsdienstes (KOD), polizeiliche Erkenntnisse sowie wiederholte Hinweise von Gewerbetreibenden und aus der Bevölkerung vermehrt Situationen dokumentiert, in denen es dort bedingt durch öffentlich wahrnehmbarem Alkoholkonsum zu Ordnungswidrigkeiten kam."

Diese Entwicklung war allerdings schon nach den ersten Tagen klar, Anwohner und Geschäftsleute wiesen darauf hin. Die Kritik: Wer es gemütlicher macht, zudem den Clamart-Park nach Wahrnehmen der Szene so ungemütlich umbaut, dass sie umzieht, muss sich nicht wundern. Man nennt das verdrängende Architektur.

Insofern bilanziert die Vorlage, was augenscheinlich ist: "Der Alkoholkonsum erfolgt überwiegend in Gruppen, die sich über längere Zeiträume auf den Sitzgelegenheiten aufhalten. Dabei handelt es sich häufig um stark alkoholisierte Personen, bei denen es regelmäßig zu typisch alkoholbedingten Verhaltensweisen kommt. Hierzu zählen insbesondere erhebliche Lärmbelästigungen." Dazu ein paar Schlägereien. Warum die Oberbürgermeisterin ihre Entscheidung nicht bereits im vergangenen Sommer revidierte und die Liegen wieder abbauen ließ, thematisiert das siebenseitige Schreiben nicht.

Kommunaler Ordnungsdienst und Sozialarbeit stoßen offensichtlich an ihre Grenzen, steht so in der Vorlage. Eigentlich habe die Verwaltung alles richtig gemacht, Runde Tische, Gesprächskreise. Was man so macht. Nur ein paar Saufnasen und Drogis wollen das Sinnstiftende solcher Debattierrunden nicht einsehen: "Ziel war es, durch freiwillige Absprachen, Präsenzmaßnahmen und soziale Interventionen eine nachhaltige Beruhigung der Situation zu erreichen. Trotz dieser intensiven Bemühungen konnte keine dauerhafte Verbesserung erzielt werden. Die Maßnahmen hatten bislang keinen ausreichenden Effekt."

Obacht, der Bereich Ordnung weiß, warum es gar keine Kritik geben dürfte: "Diese Feststellung stellt keinen Widerspruch zu früheren Einschätzungen der Verwaltung dar, wonach noch erste punktuelle Erfolge der kommunikativen Ansätze erzielt werden konnten. Vielmehr zeigt die Langzeitevaluation der letzten Monate, dass die Kapazitäten von Streetwork und KOD eine ‚interventionsbiografische Grenze' erreicht haben: Während Gelegenheitskonsumenten erreicht werden konnten, verfestigte sich im Kernbereich „Am Sande“ eine hochempfängliche Szene, die auf rein appellative Maßnahmen nicht mehr ausreichend reagiert. Die ordnungsrechtliche Flankierung ist daher nunmehr die notwendige Voraussetzung, um den Erfolg der sozialen Arbeit überhaupt erst wieder zu ermöglichen und den öffentlichen Raum zu befrieden."

Interventionsbiografische Grenze, hochempfängliche Szene -- was meint das? Menschen sind schlicht so kaputt, dass nichts mehr geht? Hochempfängliche Szene -- für was? Für Appelle offensichtlich nicht. Zusammenfassend: Wirklich lösen können das Problem der mit 13 Stellen kalkulierte Kommunale Ordnungsdienst, der alles in allem mit Lohnnebenkosten zwischen 750 000 und einer Million Euro pro Jahr zu Buche schlagen dürfte, sowie die Streetworker die Herausforderung nicht.

Nun also letztlich Vertreibung derjenigen, von denen man zuvor in verständnisvollen Beiträgen in der Zeitung und Statements der Sozialarbeit lesen konnte, wie schwer ihr Los ist und was man alles erreicht habe. Unvergessen die Sentenz Claudia Kalischs, Sozialarbeiter würden beklagen, dass ein negativer Artikel die seelsorgerische Arbeit der Streetworker eines halben Jahres zerstören würde. Welche Folgen zeitigt dann der Vorschlag der Verwaltung nach der Devise Aus den Augen aus dem Sinn?

Ach so, wer den Vortrag so versteht, versteht ihn falsch. Das Rathaus stellt nämlich klar: "Die Maßnahme richtet sich nicht gegen bestimmte Personengruppen, sondern gegen ein konkretes Verhalten im öffentlichen Raum, das nachweislich zu Störungen führt." War vorher nicht die Rede von "einer hochempfänglichen Szene, die auf rein appellative Maßnahmen nicht mehr ausreichend reagiert"?

Die der Vorlage beigefügte Zeichnung umreißt den Geltungsbereich, der meint den gesamten Platz -- und ist gleichwohl ein bisschen wie bei Asterix und Obelix, alles römisch bis auf das gallische Dorf. Denn der Vorplatz der Johanniskirche ist ausgenommen. Völlig undenkbar, dass die "hochempfängliche Szene" sich dort wohlfühlen könnte.

Aber auch das hat die Verwaltung im Blick: "Die Verwaltung verkennt nicht, dass die Ausweisung von Alkoholkonsumverbotszonen im öffentlichen Raum rechtlich und gesellschaftspolitisch kontrovers diskutiert wird. Diese Maßnahmen greifen in das Grundrecht der allgemeinen Handlungsfreiheit ein und können zu Verdrängungseffekten in angrenzende Bereiche der Innenstadt oder in weniger kontrollierte Räume führen. Im Ergebnis überwiegt jedoch der Schutzauftrag für die Allgemeinheit und insbesondere für vulnerable Gruppen wie Kinder und Jugendliche an diesem zentralen Mobilitätsknoten."

Für Einsicht innerhalb der "hochempfänglichen Szene" dürfte das drohende Bußgeld sorgen, bis zu 5000 Euro können das bei Verstößen sein. Da die meisten der armen Teufel mutmaßlich von Transferleistungen leben -- zieht die Sozialverwaltung das Geld im Fall der Fälle monatlich ab?

Ach ja, wer kontrolliert die neuen Gegebenheiten? Richtet die Polizei einen Container auf dem Sand ein? Und was ist mit den Hotspots der Grapengießerstraße, am Karstadt-Parkhaus und mit der Trinkstation An der Abtspferdetränke?

Wenn jetzt noch das Szene-Café an der Schießgrabenstraße kommt, wir eh alles besser. Vielleicht können die Grünen Oasen dorthin versetzt werden. Dann wird alles so wie es niemals war.

Der Rat soll im April darüber entscheiden, ob er das Vorgehen der vorläufigen Versuchs bis 30. April 2027 absegnet. Carlo Eggeling

© Fotos: ca


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