Arbeiter pfeifen Kalisch aus — Petrus sollte Gewitter abschaffen
von Carlo Eggeling am 02.05.2026Meine Woche
Die Macht des Feuerwerks
Gestern Abend krachte ein Gewitter farbenzuckend über den Himmel. Ich vermute, der Kalkberg ist nahezu entvölkert, da Fledermäuse und anderes, was da kreucht und fleucht, angesichts des Lärms und des erleuchteten Firmaments einen Herzstillstand erlitten habe dürfte. Das Unwetter haben Sie gar nicht mitbekommen? Nee, es war das traditionelle Feuerwerk des Frühjahrsmarktes, keine Viertelstunde lang.
Bei manchem Umweltschützer flattert der Herzrhythmus beim Lichter-Trommelwirbel gerade in Wahljahren so aufgeregt wie bei einer an Highnoon aus dem Schlaf gerissenen Fledermaus. Dieser Frevel müsse verboten werden, damit die Tierwelt nicht gestört werde. Leucht-Drohnen seien eine Alternative.
Diese Lichter-Munition durften wir in einer Kooperation zwischen Stadt und Deutscher Umwelthilfe im vergangenen Jahr erleben. Ist wie in der Politik, manche Alternative ist keine. Ich habe mich gefragt, ob die Kalkberg-Kämpfer wissenschaftlich fundiert möglichen Gefahren nachgehen: Kann eine Drohne eventuell Insekten schreddern oder eine vogelige Massenkarambolage verursachen?
Man muss das weiterdenken: Es fehlt eine Online-Petition an Petrus, Gewitter im Sinne des Artenschutzes einzustellen.
Gewohnt krachend ging es ebenfalls beim Gewerkschaftstag am 1. Mai zu. Kampftag der Arbeiterklasse mit Aufrufen zur Internationalen Solidarität und genereller Kapitalismuskritik. Ich habe zu Hause Karl Marx aus dem Regal gezogen und mich an alte Zeiten erinnert: "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“, Entfremdung durch Arbeit ist aufgehoben.
Zu recht deutliche Worte zu einer Regierung, die so einig wirkt wie aufgeschreckte Fledermäuse, und zu einem Land, in dem der Wohlstand so so bröselig wirkt wie das Gipsgestein am Kalkberg.
Neben der üblichen System-Schelte machten es Redner persönlich. Industriearbeitsplätze schwinden, Stichwort Jungheinrich. Dort schließt die Produktion im nächsten Frühjahr. Um in der klaren Sprache des Klassenkampfs zu bleiben -- für die Oberbürgermeisterin gab es verbal "auf die Fresse". Claudia Kalisch war gar nicht da, sie macht Urlaub.
In ihren Ohren dürfte es trotzdem krachen wie beim Feuerwerk. Der Arbeitnehmervertreter sagte, Claudia Kalisch habe "einen politischen Tiefschlag" rausgehauen, als sie in der Zeitung behauptete, sie habe 140 Arbeitsplätze gerettet. Dabei habe Jungheinrich von Anfang an 125 Stellen in der Konstruktionsabteilung erhalten wollen. Genauso sei es gekommen, 125 Jobs. Da sei nichts gerettet worden.
"Wir erwarten Haltung, Rückgrat und einen echten Einsatz für die Menschen dieser Stadt", sagte der Arbeitnehmervertreter. All das habe Claudia Kalisch nicht gezeigt, sondern sich in Szene gesetzt. Es zischte wie bei einem abgebrannten Knaller.
Als nächster beschrieb der Yanfeng-Betriebsrat, wie nahe die Oberbürgermeisterin seiner Belegschaft ist. In den beiden Werken des Autozulieferers haben mal mehr als 1200 Menschen gearbeitet. Jetzt macht der Konzern den Laden dicht, Produktion geht nach Osteuropa. Der Redner, vier Jahrzehnte im Unternehmen, sagte knapp: Bei ihnen habe sich die Oberbürgermeisterin nicht gemeldet. Was sie angesichts der Erfahrung von Jungheinrich nicht weiter schlimm finden.
Die Grünen erlebten am Gewerkschaftshaus ein akustisches Feuerwerk -- Partei und Claudia Kalisch wurden ausgepfiffen und ausgebuht. Ob da manche Lichter am Erkenntnishimmel zucken?
In einer kapitalistischen Welt kann man zwar von Marx träumen, doch selbst Idealisten ist bewusst, eine Oberbürgermeisterin und selbst eine Stadt können in Konzernzentralen eher wenig ausrichten. In solchen Momenten zählt Haltung, nicht das übliche Blabla von Gedenktagen, sondern das Gefühl, glaubhaft zu zeigen, für wen man Politik macht. Ansonsten bleibt der flüchtige Qualm verglimmenden Feuerwerks. Das Durchsichtige spüren Kollegen, die zweieinhalb Monate für den Erhalt ihres Werks gestreikt haben. Ohne es zu schaffen, und gut bezahlte Jobs liegen nicht auf der Straße.
Einer, der die im Blick hat, die den Euro umdrehen müssen, aber auch sich selbst, ist Ulrich Mädge. Der Alt-OB setzt auf ein Feuerwerk. In seinem Stadtteil Kaltenmoor tritt er auf Platz 14 und damit auf dem letzten Rang der Kandidatenliste der SPD zur Kommunalwahl an. Wahrscheinlich strahlt er wie eine Rakete am Himmel, denn er steht nach 30 Jahren im Rathaus für Verlässlichkeit und Beharren. Es gibt einige, die sich nach dieser Zeit beinahe sehnen.
In seiner Böllerbatterie glimmen der Streit um die hohen Heizungspreise der Avacon, die maroden Vonovia-Häuser und im Multi-Kulti-Stadtteil das Thema Integration beispielsweise im Sportverein, der seit Jahren Plätze nicht bespielen konnte.
Rente ist nichts für den 75-Jährigen, sein Mandat im Seniorenbeirat nutzt er, um manche Lunte in der Verwaltung anzuzünden, in der er viele trotz seines Abschieds 2021 aus seinen Jahren kennt. Das ist anstrengend, aber es gibt einige, die das so gut wie einen Lichterzauber am Abendhimmel finden. Eben das könnte ihm so viele Stimmen bescheren, dass es für einen Platz im Rat reicht.
Seine Partei wirkt nicht einheitlich begeistert, dass König Ulrich quasi wieder Streichhölzer in die Finger bekommt. Anderseits konnten die Sozis eigentlich nicht anders, hätte sie ihn nicht eingebunden, wäre es nicht ausgeschlossen gewesen, dass er als stimmenzehrender Einzelbewerber antritt.
Mädge erklärt einigen in der Fraktion, wie wenig strategisch und taktisch sie aus seiner Sicht denken und handeln. Wer lässt sich gern sagen? Gleichwohl kennt er nach drei Jahrzehnten als OB Verwaltung und Recht bis ins Detail, vor allem kann er einen Haushalt lesen und zerpflücken -- mit Kämmerer Matthias Rink dürfte Mädge öfter mal im politischen Funkenregen landen.
Ob Fraktion und Mädge es hinbekommen, dass der Alt-OB dem mutmaßlich nächsten Fraktionschef und OB-Kandidaten Oliver Wozniok nicht die Show stiehlt? Ist der souverän genug, Mädge einzubinden und gleichwohl seinen Führungsanspruch durchzusetzen? Die beiden sollen sich schätzen.
Fraktionen mit unbequemen und unkonventionellen Akteuren tun Lüneburg gut. Es braucht starke Parteien, die Ideen leben und Mut besitzen, flimmernde Pläne infrage zu stellen, um sie dem Heute anzupassen. Noch fünf Jahre selfie-verliebte Lichtspiele weitgehenden Stillstands täten Lüneburg nicht gut.
Nee, das stimmt nicht: Die Metropole der Heide ist leuchtend vorangekommen bei Tempo-30-Zonen, die uns angeblich alle sicherer und gesünder leben lassen. Der Oedemer Weg darf diesen glückseligen Zustand vom Krankenhauskreisel bis zum Schulzentrum erleben. Allerdings gab es laut Polizei selten Unfälle in diesem Bereich. Tempo 30. Manches wirkt so nachhaltig beeindruckend wie ein verdampfendes Feuerwerk.
Was ist Wirklichkeit gegen wohliges Gefühl? Wochenende, Zeit fürs Wohlfühlen. Carlo Eggeling
Kommentare
Zu diesem Artikel wurden bisher keine Kommentare abgegeben.
_ubiMaster1.jpg)
_Mai23.jpg)
_Banner_Winsen_und_Lueneburg_Aktuell_Hausverwaltung__.jpg)
_wernieNovember2.jpg)