Lüneburg, am Freitag den 12.04.2024

Berauschte Stadt

von Carlo Eggeling am 17.03.2023


Lüneburg dürfte eine ziemlich bekiffte Stadt sein, wenn es stimmt, was die Staatsanwältin in ihrer Anklageschrift gegen Mohamed E. und Mahmoud M. vortrug. Das Duo, 26 und 31 Jahre alt, soll gemeinsam mit Komplizen zwischen März 2021 und September vergangenen Jahres schwunghaft Handel mit Marihuana und Amphetaminen getrieben haben. Allein als die Polizei dem rauschenden Geschäft ein Ende setzte, stellten die Beamten mehr als 20 Kilo Cannabis und ein gutes Kilo Amphetamine sicher, dazu mehrere Tausend Euro sowie 394 000 libanesische Pfund, was nur ein paar Euro entspricht. Am Freitagmorgen hat der Prozess gegen zwei begonnen, die die Polizei in der Vergangenheit als größere Akteure auf dem regionalen Drogenmarkt eingeschätzt hatte.

Die Anklage listet 13 Taten auf, geht von "gewerbs- und bandenmäßigen unerlaubten Handeltreibens mit Betäubungsmitteln" aus. Rund 650 000 Euro soll das Duo mit einem mutmaßlichen Komplizen, gegen den gesondert ermittelt wird, binnen eineinhalb Jahren umgesetzt haben und -- so der Vorwurf -- seinen Lebensunterhalt damit bestritten haben. Faustregel: ein Kilo Marihuana hat einen Wert von rund 10 000 Euro. Mohamed E. soll demnach den Einkauf erledigt, sein Partner Mahmoud M. den Vertrieb und der dritte Mann im Bunde die Kurrierfahrten erledigt haben. Die Federführend für die Ermittlungen zeichnete die Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Clan-Kriminalität in Stade.

Die Bezugsquelle für die Drogen lag offenbar in den Hamburger Stadtteilen Billstsedt und dem nahegelegenen Horn. Das ergab sich aus der recht detaillierten Auflistung der Staatsanwältin. Bezogen die Lüneburger mit türkischen und libanesischen Wurzeln anfänglich zwei Kilo Gras pro Fahrt, steigerte sich die Menge: drei, fünf, acht mal zehn Kilo sollen die Männer von der Bille an die Ilmenau gebracht und verteilt haben.

Akustisch war die Staatsanwältin, die ihre Punkte ziemlich flink herunterlas, nicht immer gut zu verstehen. Doch offenbar spielte das Hochhaus an der Bögelstraße 10 eine wichtige Rolle. Da hatte die Polizei im September mit einer robusten Einheit mindestens zwei Wohnungen durchsucht. Eine im zehnten Stock bezeichnete die Anklägerin als "Arbeitswohnung", wo Ware portioniert worden sein soll. In einer Wohnung im dritten Stock wiederum stellten die Beamten neben Cannabis auch die Schlüssel für die Wohnung in der zehnten Etage sicher.

Als Mohamed E. festgenommen wurde, hatte er typisches "Handwerkszeug" der Branche bei sich, sogenannte Klemmleistenbeutel, also kleine verschließbare Kunststofftüten, sowie mehrere Handys. Die Polizei hatte damals mehrere Objekte durchsucht, auch in Adendorf, wo der Wohnsitz eines der Angeklagten liegt.

Nach dem ersten Schlag war die Polizei Tage später zu weiteren Durchsuchungen aufgebrochen. Zudem gab es Ermittlungen im Umfeld der Angeklagten, die Finanzbehörden prüfen, ob in Unternehmen von Verwandten alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Erst kürzlich war die Polizei gegen mutmaßliche Dealer im Kreis Uelzen vorgegangen. Aus Ermittlerkreisen hieß es, dass die Beschuldigten mit den jetzt Angeklagten zusammengearbeitet haben könnten.

Mohamed E. stand schon einmal vor Gericht im Zusammenhang mit der Schießerei in Kaltenmoor im April 2018. Damals soll ein missglücktes Drogengeschäft Anlass für die Auseinandersetzung gewesen sein, bei der ein Mann lebensgefährlich verletzt worden war. All das ließ sich am ENde nicht aufklären -- Freisprüche.

Die 1. Große Strafkammer unter Vorsitz von Dr. Michael Herrmann verhandelte am Freitag nicht lange, nach dem Verlesen der Anklage endete der erste Prozesstag. Am 5. April soll es in Saal 21 des Landgerichts weitergehen. Es deute sich an, dass es dann zu "Rechtsgesprächen" Zwischen Kammer und Anwälten kommen könnte. Das würde eine Verkürzung des bis Ende Juni terminierten Verfahrens bedeuten können: Geständnisse bedeuten in der Regel ein geringeres Strafmaß. Carlo Eggeling



Die Fotos zeigen die Angeklagten mit ihren Verteidigern: Patrick Purbacher, Mahmoud M., Thure Hansen und Mohamed E. sowie die Durchsuchungen an der Bögelstraße und am Weißen Turm im vergangenen Herbst.

© Fotos: ca


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