Lüneburg, am Donnerstag den 19.02.2026

Das gute Herz der Lebenshilfe

von Carlo Eggeling am 19.02.2026


Renate Börner und ihr Mann Klaus fühlten sich allein, als sie erfuhren, dass ihr Sohn Andreas schwerstbehindert ist. 1961 geboren, erlitt er nach einer Pockenimpfung eine Hirnschädigung, in der Klinik kam eine Virusinfektion dazu. Ärzte sagten: "Das wird schon, ein Spätentwickler." Es wurde nichts. "Damit wurden wir entlassen aus dem Hamburger Krankenhaus", erinnert sie sich. Renate Börner suchte: Eine Krankengymnastin half, eine Lehrerin trainierte die Sprache des Jungen, der gerade mal "Mama" sagen konnte. "Es gab nichts, keine Hilfe." Als Andreas vier war, sollte die Lüneburgerin ihn in eine "Anstalt" geben. Undenkbar.

So erzählte Renate Börner mir, wie es ihr ging und warum sie mit anderen den Grundstein für die Lebenshilfe in Lüneburg legte. Die wuchs, beschäftigt heute an mehr als 40 Standorten in den Kreisen Lüneburg und Harburg rund 1000 Kollegen. Bürgerinitative mit weitreichenden und guten Folgen. Jetzt ist sie kurz vor ihrem 90. Geburtstag gestorben.

Im Nachruf der Lebenshilfe heißt es: "Mit großer Betroffenheit und Trauer nehmen wir Abschied von unserer langjährigen Vorsitzenden und späteren Ehrenvorsitzenden Renate Börner. Über mehr als drei Jahrzehnte hat sie die Lebenshilfe Lüneburg e. V. geprägt, aufgebaut und mit unverwechselbarer Handschrift gestaltet."

32 Jahre lenkte sie als 1. Vorsitzende den Verein. Der ernannte zur Ehrenvorsitzenden. Sie war 27 Jahre Mitglied des Verwaltungsrats der Lebenshilfe Lüneburg-Harburg gGmbH, zudem engagierte sie als stellvertretende Vorsitzende der Bundesvereinigung Lebenshilfe. Ihr wurde das Bundesversdientskreuz am Bande verliehen und der Niedersächsische Verdienstorden.

Als wir uns vor eineinviertel Jahren für einen Artikel zu den Anfängen der Lebenshilfe unterhielten, war es eine heitere Stunde. Die alte Dame, keine Floskel, das war sie, erzählt klug, nachdenklich, mit großem Witz. Was heute so selbstverständlich scheint, eben Menschen mit Behinderungen als Teil der Gesellschaft verstehen zu wollen, war es vor sechs Jahrzehnten nicht. Betroffenheit und der Wille, Zustände nicht hinzunehmen -- Grundlage, um etwas Neues zu schaffen. Bürgerinitiative im besten Sinne.

Einschulungstermin. Renate Börner erinnerte sich. Die Lehrerin fragte: "Was wollen sie denn hier mit so einem Kind?" Es klang wie Ausschuss. In der Heiligengeistschule traf sich eine Vorbereitungsklasse, eineinhalb Stunden am Tag, zwei Dutzend Kinder mit Down-Syndrom oder Spastiken. Verwahren statt fördern. Aber es gab eben noch mehr Kinder, die betroffen waren. Eltern taten sich zusammen, organisierten eigenen Unterricht.

Sie suchten sich Hilfe bei Oberbürgermeister Alfred Trebchen und Oberstadtdirektor, dem Verwaltungschef, Hans Heinrich-Stelljes, der auch einen behinderten Sohn hatte. Die Eltern gründeten eine heilpädagogische Tagesstätte, der Plan war ein Bau für 60 Kinder. Ein Drittel der Kosten sollten sie selbst aufbringen. Die anderen Zweidrittel trugen Land und Stadt. Die Eltern baten Firmen und Bürger um Unterstützung -- sie schafften es. Renate Börner: "Die Lebenshilfe wurde die erste Bürgerinitiative Deutschlands."

Förderverein und Lebenshilfe schlossen sich schließlich zusammen. Emmy Sprengel, eine Lehrerin bei der jungen Lebenshilfe, habe sie angesprochen, zwei Vereine mit demselben Anliegen, das mache doch keinen Sinn.

Reante Börner war nicht allein, andere Eltern unterstützten das Anliegen, eben auch aus eigener Betroffenheit. Renate Börner hatte schließlich einen Geschäftsführer an ihrer Seite, der aus ähnlichem Anliegen handelte. Hans Thon, der vergangenes Jahr verstarb, wollte Perspektiven für seine behinderte Tochter Susanne. Thon hatte als Chemielaborant gearbeitet, dann engagierte er sich für den Wirtschaftszweig der Lebenshilfe. Am Benedikt gab es einen Tisch mit fünf Behinderten, die für Firmen kleine Arbeiten erledigten, dazu ein Büro an der Gummastraße. Die Lebenshilfe fragte Thon, ob er Geschäftsführer werden wollte. Wollte er. Er studierte nach der Abendschule nebenbei Betriebswirtschaft.

Die Lebenshilfe zog Aufträge lokaler Unternehmen an Land, warb Fördergeld ein. In der Vrestorfer Heide fanden eine Wäscherei, eine Tischlerei, eine Druckerei, eine Küche samt Lieferservice Platz. Der Sandkrug eröffnete mit einem Lokal am Sand. 1982 der Zusammenschluss mit der Lebenshilfe im Kreis Harburg.

Damals habe ich geschrieben: Der Lüneburger Verein um Renate Börner und Thon als Geschäftsführer arbeiteten zusammen, auch wenn es nicht immer reibungslos lief, so war das gemeinsame Ziel klar. Behinderte Menschen gehören dazu, am Arbeitsplatz als Nachbarn. Renate Börner beschreibt es so. In den Familien dreht sich viel um das behinderte Kind, doch es gebe eben auch Geschwister, die ein eigenes Leben bräuchten. Abstand sei gut -- für beide Seiten und ein eigenes Leben. Es entstand ein erstes Wohnheim in Embsen, später eins an der Von-Dassel-Straße.

Vieles ist einfacher geworden, wenn Familien ein behindertes Kind bekommen. Doch Renate Börner ist sich sicher: "Man ist heute genauso fassunlos wie wir damals, hat Angst." Doch Mütter und Väter könnten viel schneller Unterstützung finden. Das entlaste. Wichtig ist ihr, Behinderungen seien ganz unterschiedlich, manche der Betroffenen könnten beispielsweise einfacher in einen Arbeitsprozess integriert werden. Doch auch die Schwächeren dürften nicht verloren gehen, Unterstützung muss unterschiedlich ausfallen.

Doch sie weiß auch, dass nicht alles funktioniert hat. In der Vrestorfer Heide verschwanden Abteilungen wie Druckerei und Wäscherei. Sie konnten nicht am Markt bestehen, Fördermittel fielen weg oder reichten nicht -- und ohne die öffentliche Hand, die in der Verantwortung stehe, gehe es nicht. Trotzdem sagt sie: "Manchmal denke ich, ich träume, wenn ich die Werkstatt in Vrestorf sehe."

Hans Thon ging 1992, nach der Wende. Er begann eine neue Laufbahn in Parchim, machte aus einer alten Fabrik ein Einkaufszentrum. Renate Börner stand 32 Jahre an der Spitze der Lüneburger Lebenshilfe, zwei Jahrzehnte war sie 2. Bundesvorsitzende. Sie hat in ihrer Zeit die Gründung des Familienentlastendes Dienstes, den Betreuungsverein und die Lüneburger Assistenz begleitet.

Renate Börner und ihre Wegbegleiter haben viel geschafft. Ihr Sohn Andreas auch. Keine Anstalt. Er arbeitete in der Werkstatt für Behinderte, lebt in einem Wohnheim am Mühlenkamp. Natürlich kann er sprechen, er kann malen. Eins seiner Bilder hängt im Seniorenheim über dem Bett seiner Mutter. Sie freut sich jedes Mal, wenn ihr Blick darauf fällt. Der Kampf hat sich gelohnt. Nicht nur für die Börners.

Machen Sie es gut, Frau Börner, Carlo Eggeling

© Fotos: ca


Kommentare Kommentare

Kommentar von Carlotta
am 19.02.2026 um 16:32:37 Uhr
Ein wunderbarer Artikel, vielen Dank!


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