Der Suff soll aus dem Blick — wenn‘s klappt
von Carlo Eggeling am 25.04.2026Meine Woche
Verspielt ?!
Ich vermute, im Rathaus haben sie einen Mobilbaukasten. Motto: Erst schaffen wir ein Problem, dann basteln wir an der Lösung. Das ist klasse, weil es ein Gemeinschaftsgefühl schafft, von dem schon im vergangenen Wahlkampf sehr geschwärmt wurde, gerade von der Oberbürgermeisterin.
Gucken wir uns die Teile aus der Spielwarenabteilung an. Claudia Kalisch findet konsumfreie Orte toll, daher ließ sie sogenannte Grüne Oasen aufstellen, grün vielleicht weil ihre Partei sich so fühlt, denn von Grün ist eher wenig zu sehen. Und Oase als Labsal passt irgendwie auch nicht. Am Sand gab es lange eine trinkfreudige rumplige Gemeinschaft, die lebte an der Bushaltestelle, weitgehend akzeptiert. Dann kamen vor rund einem Jahr Liegen und Sessel, die frohe Schar zog völlig verständlich bequem um. Das mit den konsumfreien Orten versteht man dort anders, als Möhrchen und Kaffee mit Hafermilch aus der Thermoskanne. Pulle und vieles andere, was man als bewusstseinsverändernd bezeichnen kann, gehören zum gemeinschaftlichen Leben für viele dazu.
Die Teile aus dem Mobilbaukasten steckten sich zum Problem zusammen. Laut, ab und an eine Schlägerei, ein Zusammenbruch. Die Stadtgesellschaft machte mit bei dem Spiel, die einen regten sich auf, weil binnen Tagen des Oasen-Angebots Kunden wegblieben, Flaschen flogen, Hauseingänge und Bankfilialen vollpisst wurden. Andere Spieler schauten aufs Soziale, das Herz schlägt links: Die Ausgespuckten des Sozialstaats brauchten Helfer.
Kommunaler Ordnungsdienst, mehr Sozialarbeit, ein lang diskutiertes Sozialcafè. Überspringen wir ein paar Stationen. Die Oberbürgermeisterin und ihre Spielleiter im Rathaus fanden ein Alkoholverbot doof, die CDU in Teilen gut. Nun war Ratssitzung. Verteilte Rollen. Die CDU mahnte an, was naheliegend ist: Warum gilt ein Alkoholverbot für alle bei zig Ausnahmen bei Stadtfesten und Weihnachtsmarkt, warum baut man nicht einfach die Bänke ab und untersagt den Suff an Bushaltestellen? Diese Anträge hatten die Schwarzen zuvor im Ausschuss für Gefahrenabwehr gestellt. Im Rat standen sie nicht auf der Tagesordnung. Ob einer beim Spiel mit dem Mobilbaukasten gemogelt hat? Fast unvorstellbar bei einer geordneten Verwaltung.
Nun barmte Claudia Kalisch im Rat, sie könne nicht anders. Alkoholverbot als Versuch. Man habe sich so bemüht, leider ist das Leben so kompliziert, ihre Standardrede der Betroffenheit. Verantwortlich sind stets die Umstände, nicht mangelndes vorausschauendes Denken. Bis auf ein paar Grüne, die die soziale Frage im Blick haben, und die Unionisten stimmten alle zu. Selbst die AfD machte mit. Brandmauer? Kannste vergessen.
Der mit 13 Stellen neu aufgestellte kommunale Ordnungsdienst samt Sozialarbeit dürfte die Stadt fast eine Million Euro pro Jahr kosten, das Szenecafé, an dessen Konzept gearbeitet wird, noch ein paar Hunderttausend. Angesichts eines Haushalts mit einem Loch so tief wie der Mariannengraben fällt das bestimmt nicht weiter ins Gewicht. Auch wenn alle letztlich wissen: Der Erfolg dieser Spielzüge bleibt überschaubar. Man werde nicht alle erreichen, sagt Spielführerin Kalisch mit Blick auf die nicht zueinander passenden Teile. Und in allen Lagern nicken sie. Aber es ist ein Wahlkampfjahr, da will Politik entschlossen wirken.
Wer Drogen einwirft, kann nicht vertrieben werden, wer psychisch auffällig ist, auch nicht. Außerdem hat sich ein neuer Spielort entwickelt. Vorm Späti An der Abtspferdetränke geht es hoch her, nicht nur hoch die Tassen, auch die Fäuste fliegen hoch. Also gar kein Suff mehr in der Stadt? So ein Spiel muss sich weiterentwickeln, sonst macht es keinen Spaß.
Mich wundert, dass der Marienplatz noch nicht ins Spiel gekommen ist. Denn der war ja eine andere Spielwiese der Oberbürgermeisterin, ein Asphaltscker, der irgendwie so blieb, wie er war, trotz Zukunftsstadt, Aktionen mit rostiger Klangschale, Holzhackschnitzeln und Weisheiten, so wollsockig-beliebig wie Losungen auf dem Evangelischen Kirchentag.
Das ist es: Die Grünen Oase ziehen um auf den Marienplatz als Ort der Begegnung, den sich Claudia Kalisch im Wahlkampf wünschte. Direkt zum Rathaus mit Sozial- und Rechtsdezernat, die stets im Spiel der Illusionen bleiben. Wenn's lauter wird, öffnet Frau OB das Bürofenster und ruft runter: "Seid bitte leise!" Wenn es nichts wird, geht sie runter und zeigt wie zupackend und bürgernah sie ist. Was für ein Spiel!
Gutes Wochenende. Carlo Eggeling
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