Die Momentesammlerin
von Carlo Eggeling am 21.04.2026Die Flaneurin – Christine Böhm sammelt Momente
In einer lockerer Reihe stelle ich unbekannte Bekannte vor + Lüneburger Gesichter (83)
Das schöne Wort des Flaneurs ist ein wenig aus der Mode gekommen. Mit Genuss und wachem Blick durch die Stadt streifen, mit Nähe und gleichzeitiger Distanz zum Geschehen, Sammler des Alltäglichen und Portraitist, der seine kleinen Kostbarkeiten gern zeigt. Seit drei Jahren fängt Christine Böhm Lüneburg so ein. Fotos und Videos des Stadtgeschehens. Mal der Schattenwurf des Rathauses oder der Villa Heyn in einer Pfütze, mal ein Video eines Straßenmusikers, dann sie selbst staunend in einer Szenerie beim Spargelhändler auf dem Markt, beim Zahnarzt oder auf einer Schaukel. Die Stadt als Wohnzimmer, als Bühne.
Zwanzig Kilometer am Tag laufe sie, erzählt sie bei einem „Bierchen“ auf den Terrassen der Mälzer Mühle. Natürlich hier, mit einem der schönsten Blicke aufs Wasserviertel. "Ich mache die Augen auf, für das, was schön ist." Neulich ist sie nach Deutsch Evern gelaufen: "Allein der Weg, toll. Ein gefällter Baum wird zur Bank. Märchenhaft." Sie lacht: "Oder zum Schneewittchensarg." Christine ist jedenfalls wachgeküsst.
"Schon während des Gehens habe ich die Idee für einen Satz", sagt sie. Sie suche das Bild für einen "Schnappschuss", es solle zueinander passen. Märchenhaft eben. In Geschichten geht es um Fantasie, die Wirklichkeit muss zur Geschichte passen. So greift Christine Böhm als Autorin ein: Die Bilder sollen ein gutes Gefühl vermitteln, "Zigarettenstummel müssen weg". Sie manipuliere, um es besser zu machen. Bildbearbeitung mit ein paar Klicks, das sei schnell erledigt.
Politisch wolle sie nicht sein mit ihrem Stadtgeflüster, "jeder soll denken können, was er will. Ich möchte es nicht zu ernst. Und ich mag es nicht, wenn sich Leute zu wichtig nehmen."
Auch wenn sie eher heitere Momente einfängt, thematisiert sie Schwieriges. Sich selbst eingeschlossen. Seit zwanzig Jahren sei die magersüchtig, Therapien habe sie durch, ohne Erfolg. Manchmal gehe es ihr nicht gut: "Das zeige ich dann." Ab und an macht sie es märchenhaft, für sich selbst. Dann retuschiert sie sich für ihre Selfies ein paar Kilo dazu. Wirklichkeit kann unwirklich sein. Sie nennt es "Gedankengewitter."
Die 42-Jährige führt ein beinahe öffentliches Leben, was ihr passiert, wen sie trifft, was sie beschäftigt -- "Ich habe keine Geheimnisse". Allerdings steuert sie, was sie bei Facebook ins Netz stellt. So kann sie ihre Grenzen setzen.
Es passiert, was nahe liegt: "Ich bekomme Nachrichten, ich werde angesprochen." Nicht nur nett, sie lebe damit. "Es ist mir egal, ob es Leuten gefällt oder nicht, ich mache, was ich möchte."
Ihr Geld verdient sie gar nicht märchenhaft. Sie arbeitet im Controlling, Fehlersuche in Abrechnungen. Daneben habe sie genug Zeit für ihre Bummel als Wanderin des Alltäglichen.
Sie stammt aus der Nähe von Marburg, Machte ihr Fach-Abi für Wirtschaft und Verwaltung, lernte Bürokauffrau. Über mehrere Stationen kam sie an die Ilmenau. Sie wohnt stadtnah. Wie könnte es anders sein, in die Firma geht sie zu Fuß, mit der Handykamera pflückt sie am Wegesrand Motive. Den Strauß stellt sie im Internet in ihr Fenster und freut sich über das vielstimmige Dankeschön.
Eine halbe Stunde sitzen wir mit auf der Mälzer-Terrasse. Vielleicht ist es uncharmant, aber die Unruhe in Christine Böhms Beinen ist zu spüren, Bier und Apfelschorle sind ausgetrunken. Sie möchte noch ein Stück laufen und nach Hause. Bilder wollen bearbeitet werden. Wir haben schon ganz schön lange zusammen gesessen.
Christine Böhm hat schließlich zu tun. Selbst die Muße der Flaneurin verpflichtet. Irgendwann schaffen wir es wieder auf ein Getränk, da sind wir beide sicher. Im Wasserviertel. Schöne Aussichten. So und so. Carlo Eggeling
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