Lüneburg, am Samstag den 25.04.2026

Ein anderer Blick auf Willy Brandt — Erinnerungen seiner Frau Rut

von Carlo Eggeling am 25.04.2026


Als das Land an Aufbruch, Veränderung und einen Kanzler glaubte, dessen Ideen man folgte, kamen Tausende, um Willy Brandt zu hören. Als er 1970 in die inzwischen untergegangene diktatorisch geführte DDR reiste, um deutsch-deutsche Gespräche zu führen, verbanden die Ostdeutsche große Hoffnungen mit dem Sozialdemokraten. Sie standen vor seinem Hotel und riefen "Willy Brandt ans Fenster!". Brandt musste sein, denn der DDR-Ministerpräsident hieß Willy Stoph, den wollten sie nicht. Ein Mann, der die Deutschen begeisterte, dem sie viel zu verdanken haben, den die Konservativen als Vaterlandsverräter mies machten. Einer, der zumindest für einige Zeit einen konnte. So jemand ist weit und breit nicht in Sicht.

Viele Biografien beschreiben den Friedensnobelpreisträger, politische Analysen sezieren den Mann der Regierender Bürgermeister von Berlin und später Kanzler wurde. Einen anderen Blick werfen die Erinnerungen seiner ehemaligen Frau Rut auf Brandt. Sie war von 1948 bis 1980 mit ihm verheiratet, sie starb 2006. Jetzt veröffentlicht der Lübecker Rote Katze Verlag das Werk „Freundesland“. Es gibt Lüneburg-Bezüge um die Ecke. Neben dem ehemaligen Lübecker Bürgermeister Bernd Saxe führt Uwe Lüders den Verlag, Lüders ist in Lüneburg mit seiner Stiftung engagiert, unter anderem mit Ausstellungen in der oberen Etage des Glockencafés. Schauspieler Matthias Brandt, der Sohn Willy und Rut Brandts, spielt eine Hauptrolle im Drama Das Geheimnis des Totenwaldes, dessen Vorlage die Göhrde-Morde sind.

Willy Brandt wird unehelich 1913 als Herbert Frahm in Lübeck geboren, als die Nazis 1933 in Deutschland regieren, emigriert er über Dänemark und Norwegen, wo er später Rut kennenlernt und die beiden ein Paar werden. Brandt hatte sich schon als junger Mann für die SPD, dann für sozialistische Organisationen eingesetzt. In Norwegen nimmt er einen "Kampfnamen" an, eben Brandt, arbeitet in Oslo und im schwedischen Stockholm als Journalist und ist in der Arbeiterbewegung verwurzelt, wie auch Rut. Brandt, der immer mehr Aufgaben für die SPD übernimmt, kehrt nach Deutschland zurück, Rut begleitet ihn.

Sie beschreibt, wie Willy unter seelischen Problemen leidet. "Im Spätherbst kamen in der Regel seine Depressionen. Das war nicht nur für ihn schlimm, sondern auch für mich, die Kinder und seine Mitarbeiter." Termine werden abgesagt, offizielle Erklärung: "Fiebrige Erkältung". Brandt liegt tagelang im Bett.

Harte Auseinandersetzungen gibt es mit seinem Sohn Peter, der später Geschichtsprofessor wird. In den 1968er Jahren, den Jahren der Studentenunruhen, liegen der Sozialdemokrat und der sozialistisch denkende Peter weit auseinander. Peter, der sich dem Studentenführer Rudi Dutschke nahe fühlt, ist Thema in der Presse. Anfeindungen gegen Sohn und Vater. Die beiden verlieren den Kontakt trotz Auseinandersetzungen nicht.

Allerdings ist der Vater viel unterwegs, als Regierender Bürgermeister von Berlin von 1957 an, später als Bundestagsabgeordneter und als Minister in der großen Koalition in Bonn, dann als Bundeskanzler von 1969 bis 1974, als Parteivorsitzender.

Ehefrau Rut kümmert sich um Kinder und Haus, sie ist zudem „Frau Bundeskanzler“, Begegnungen mit dem amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy. 1972 ein Besuch auf Schloss Windsor bei Königin Elizabeth, die Kleidung des deutschen Paars ist eine Diskussion ums Protokoll, sie wird mit einem Hubschrauber eingeflogen.

Besuche in Moskau, Treffen mit Staatsführer Breschnew, Gespräche mit ausgleichenden Politikern wie dem sowjetischen Botschafter Valentin Falin, der von 1971 an einer der wichtigsten Ansprechpartner wird. Herbert Wehner, Helmut Schmidt, Walter Scheel, Gustav Heinemann, selbstverständlich ihre Frauen, Namen der Bonner Republik, dazu Schriftsteller wie Grass und Böll. Rut Brandt ist eine Frau, die viele Kontakte hält, die eine große Rolle spielt.

Von Brandt kursieren viele Geschichten, die blubbern durch Bonn und das Land. 1974 tritt er zurück, die DDR hatte einen Spion in seiner engsten Umgebung platziert. Nicht nur das, auch seine privaten Geschichten beschäftigen die Medien. "Ich fragte ihn, ob an diesen Frauengeschichten etwas wahr sei", notiert Rut. "Er ging schnell darüber hinweg und sagte, dass alles unwichtig sei. Aber er erzählte, dass er ein Verhältnis gehabt habe, das über zwei Jahre gegangen sei."

Sie schrie ihn an, sie trenne sich. Doch dann kommt ein Absatz, der Schmerz und Aushalten, ja Staatsräson, erahnen lässt: "Bald gewann die Vernunft wieder Oberhand über mich. Jetzt durfte ich nicht gehen und es für ihn noch schwerer machen. Und wir hatten Matthias, der erst zwölf Jahre alt war und der Vater und Mutter brauchte."

Es klingt eher nach Kameradschaft, die das Paar lebt, nach politischer Verantwortung. Das trägt nicht mehr. Brandt bietet an, die Ehe fortbestehen zu lassen, jeder gehe seine Wege. Das lehnt Rut ab. Scheidung 1980. Ein gemeinsames Essen mit den Anwälten. Lachen.

Sie schreibt: "Aber wir erwähnten nicht die 33 Jahre, die wir zusammen gelebt haben. Es waren die wichtigsten Jahre unseres Lebens, voll von Gutem und weniger Gutem. Wir hatten zusammen drei Kinder und eine Karriere erlebt, die für Willy und mich etwas Großartiges gewesen war." Das müsse doch Grundlage einer Freundschaft sein: "Aber es sollte meine letzte Begegnung mit Willy Brandt gewesen sein." Der ganze Name, ein großer Schmerz, eine große Enttäuschung. Diese Betonung -- eine Distanz.

Viel Solidarität für Rut Brandt aus dem öffentlichen Leben, aus dem "Volk". Sie geht zurück nach Norwegen. Viele Wichtige der Welt laden sie weiterhin ein, treffen sie. Sie muss eine beeindruckende Frau gewesen sein.

Und Willy Brandt ein beeindruckender Mann, der nicht perfekt war. Begleitet von einer Frau, die ihm -- so liegt es nahe -- einen großen Teil seiner Großartigkeit ermöglichte.

Das Buch ist eine Reise in die deutsche Geschichte. Nicht alles packt, doch ein Blick hinter die Kulissen ist möglich. Rut Brandt schreibt Sätze, deren Liebe und Einsamkeit berühren.

Das Buch “ Freundesland” ist im Rote Katze Verlag erschienen und kostet 22 Euro.

Wer Interesse hat, fährt nach Lübeck zu einer Lesung am 23. April, 19 Uhr, in der Reformierten Kirche gegenüber dem Willy-Brandt-Haus an der Königstraße. Die Leiterin des Hauses, Dr. Bettina Greiner, liest. Anschließend folgt ein Gespräch mit Björn Engholm, Ministerpräsident a. D. und ehem. SPD-Parteivorsitzender, und Rosemarie Bouteiller, Vorsitzende der Erich-Mühsam-Gesellschaft. Carlo Eggeling

© Fotos: ca


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