Lüneburg, am Montag den 27.04.2026

Ein Leben auf dem Festplatz

von Carlo Eggeling am 27.04.2026


Was für ein Rummel — Sascha Kirchheckers Leben als Schausteller
Lüneburger Gesichter + in lockererReihe stelle ich unbekannte Bekannte vor

Ein Leben auf dem Volksfest? Sascha Kirchhecker kann sich gar nichts anderes vorstellen. Gerade hat er auf dem Hamburger Dom zusammengepackt, nächste Station für zehn Tage ist Bremerhaven. Lüneburg und den Frühjahrsmarkt kann der 51-Jährige deshalb gerade nicht ansteuern: An der Küste laufe der Markt ein paar Tage länger. Kalkulationssache. Der Lüneburger reist mit einem Greifer, einem Geschicklichkeitsautomaten, durch den Norden. Er steht in einer langen Tradition. Schon seine Ur-Ur-Großeltern waren im ambulanten Gewerbe zu Hause. Und seine Kinder Robert und Eileen setzen die Familiengeschichte fort.

Wenn man so will, sind die Kirchheckers ein Teil des "immateriellen Weltkulturerbes". Denn die deutsche Schaustellerkultur wurde gerade in das Bundesweite Verzeichnis der Deutschen UNESCO-Kommission aufgenommen. Damit werde die 1200 Jahre alte Tradition und die Arbeit von rund 5600 Schaustellerfamilien anerkannt, heißt es auf der Seite des Deutschen Schaustellerverbandes.

Was Sascha aus der Familiengeschichte erzählt, passt ähnlich auf Kollegen der Branche. "Schon meine Ur-Ur-Großeltern reisten herum." Auf väterlicher Seite gastierten sie als Artisten unter anderem mit einer Hundedressur. Klingende Zirkusnamen wie Sarasani und Barum kommen vor, Reisen in die USA, wo sie in der Manege standen.

Zurück in Deutschland "lernte mein Opa meine Oma kennen beim Zirkus Mantau", erzählt der Lüneburger. Die Mantaus aus dem Uelzener Land sind in der Region bestens bekannt mit Autoscooter und anderen Geschäften. Zum Weihnachtsmarkt bespielt Matthias Mantau mit seinem Ausschank den Innenhof der "Krone" an der Heiligengeiststraße.

Auf mütterlicher Seite setzte die Familie aufs Staunen. Was heute im Biologieunterricht und im Internet zu lernen und zu sehen ist, war vor einem Jahrhundert eine Sensation. "In ihrer Schaubude 'Der Mensch' zeigten sie in Gläsern Organe und Föten", sagt Kirchhecker. Ein bisschen Grusel, alles andere als Alltag. Der Zwei der Familie kam aus Worms. Bei einer Reise nach Hamburg starb der Ur-Großvater, man blieb im Norden.

"Überwintert haben sie bei Bauern für kleines Geld", berichtet Kirchhecker. In Lüneburg gab es für die Wagen und Zugmaschinen am Grasweg hinter den Sülzwiesen einen Landfahrerplatz. Obwohl die reisenden Unternehmer gern besucht wurden, gehörten sie doch nicht so ganz dazu.

"Früher stieg der Älteste ins Geschäft ein, und man machte weiter", sagt Kirchhecker. Auch die anderen Kinder wollten auf dem "Rummelplatz" bleiben. Also wuchsen die Aktivitäten: Die einen sorgten mit dem "Fliegenden Teppich" für Magensausen, die anderen füllten Münder und Bäuche im Café Urmann oder mit einer Zeltgastronomie mit halben Hähnchen.

Für Kinder sind die Plätze zwar riesige Abenteuerlandschaften, aber Schule kam oft zu kurz. Wenn Mädchen und Jungen nur eine Woche in einer Stadt sind, sollten sie als Attraktion erzählen, ansonsten saß sie oft in der hinteren Reihe und schrieben aus Büchern ab. "Das hat sich verändert, es gibt Lehrpläne, damit man nicht fünfmal das Einmaleins durchkaut", sagt Kirchhecker. Auf dem Dom in Hamburg, wo sie dreimal im Jahr für mehr als einen Monat Station machen, besteht ein besonderes Angebot in "Schul-Wagen", wo sie Hausaufgaben erledigen und Nachhilfe möglich ist.

Bildung sei wichtig und kaufmännische Ausbildung ebenso, das wissen die Unternehmer, die eben kalkulieren müssen, damit sie zurechtkommen. Das werde schwieriger, Sagt Kirchhecker. Wie alle müssen sie mehr für Sprit und Lebensmittel zahlen, Lohnkosten steigen -- und gleichzeitig hielten Kunden ihr Geld zusammen. Was kaum jemand bedenkt: Auf den rund 9500 Volksfesten pro Jahr in Deutschland muss niemand Eintritt zahlen, jeder kann kommen und zumindest gucken und Musik hören -- es ist immer eine andere Welt.

Dass sie für ihre Interessen eintreten müssen, ist selbstverständlich. Saschas jüngerer Bruder Robert Kirchhecker ist Präsident des Hamburger Schaustellerverbands. Andere engagieren sich in der SPD oder der CDU. Beim politischen Dom-Stammtisch sitzen Frauen und Männer aus verschiedenen Fraktionen am Tisch, dazu die Spitzen der Verwaltung und Wirtschaftssenator Andreas Dressel.

Das Gewerbe und die Stadt Hamburg profitieren voneinander: Dom, Hafengeburtstag, Alstervergnügen, Märkte in Stadtteilen und der wochenlange riesige Weihnachtsmarkt in der Innenstadt, der Zehntausende zieht. Dressel hat mir schon vor Jahren gesagt, wie Touristen Hamburg erleben: Besuch in einem Musical, eine Fahrt im Riesenrad, Bummel über die Reeperbahn, vielleicht Hafenrundfahrt, Kunst und Kultur, dazu Übernachtung in Hotels, Einkaufen. Alles greift ineinander.

Sascha Kirchhecker und seine Familie gehören dazu. "Wer hier reingeboren wird, will meistens nichts anderes machen", sagt der Mann, der durch eine Krankheit seit sieben Jahren im Rollstuhl sitzt. Er bleibt, auch wenn es hart ist, trotz Oberarmen dick wie Baumstämme nicht mehr selber beim Aufbau auf die Leiter zu steigen und anzupacken. Klar, hat er Personal, dazu kommen Freunde und Verwandte, die beispielsweise seinen Transporter samt Anhänger zum nächsten Platz fahren. Es ist ein Leben wie in einem reisenden Dorf, überall treffe man Bekannte. "Ich kann mir nichts anderes vorstellen." Carlo Eggeling

In Lüneburg läuft der Frühjahrsmarkt von Donnerstag, 30. April, bis Montag, 4. Mai, auf den Sülzwiesen. Besucher erwartet eine Kirmes mit 62 Attraktionen, darunter Riesenrad und Break Dancer, sowie kulinarische Highlights. Die Öffnungszeiten sind Donnerstag bis Sonntag 14:00–23:00 Uhr und Montag 15:00–22:00 Uhr.

+ Besonderes Angebot: Am Donnerstag lockt die Happy Hour, von 14 bis 16 Uhr kosten Fahrtchips die Hälfte, sie gelten an allen Tagen.
+ Höhenfeuerwerk am Freitagabend von 21:45 Uhr an

+ offizielle Eröffnung am Donnerstag 17 Uhr an der Bauernschänke

© Fotos: ca


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