Ein Taktgeber für Lüneburg ist gegangen — Abschied von Gerhard Kreutz
von Carlo Eggeling am 30.01.2026Lüneburg war im Expo-Jahr 2000 völlig versaut, überall liefen und baumelten Salzsäue -- Kunstfiguren bunt angemalt; Künstler, Schulklassen, Geschäftsleute, alle machten mit. Die Idee hatte der schnell geschasste Stadtmarketing-Chef Wolfgang Gärtner 1999 aus Zürich mitgebracht. Umgesetzt hat das gelebte Lüneburg-Gefühl auch Gerd Kreutz. Weil es gut lief, Besucher lächelten, staunten und obendrein einkauften, folgten bunte Stinte, später Koggen mit Blumen gefüllt. Gerd Kreutz war immer mittenmang, Stadtmarketing bedeute für ihn, anderes zu machen als andere. Ein Kopf voller Ideen. Mitreißend und als Veranstaltungschef einer, der nicht auf Stunden guckte, sondern mit seinen Leuten anpackte. Mit dem man gern ein Bier trank, weil er gut tat. Beim Lachen, aber auch, wenn die Seele durchhing. Jetzt ist er im Alter von 57 Jahren gestorben.
Gerhards letzte Jahre lebten sich nicht so leicht, wie er als Mensch oft wirkte. Sein Mann Klaus kümmerte sich um ihn. Lange. Bis Gerd im vergangenen Oktober ins Heim wechseln musste. Es ging nicht mehr, ihn zu Hause zu pflegen. 2021 platzten im Hirn Aneurysmen, also eine erweiterte Arterie. Parkinson kam dazu, eine aggressive Art, die nahezu erblinden ließ, ihn an den Rollstuhl band. Es ist immer furchtbar, doch wenn man ein Quirl ist wie Gerd, muss es wohl noch schlimmer sein. Alles bei klarem Kopf.
Klaus und Gerd, das ist eine große Liebe. Eine, um die sie kämpften. Klaus erzählt, welche Ängste sie hatten, offen als Paar zusammenzuleben -- würde die Stadtgesellschaft sie schneiden? Hätte Gerd seinen Job behalten können? Würden die Familien sie akzeptieren? "Am Anfang haben wir erzählt, dass wir als Wohngemeinschaft zusammenleben, das ging fünf, sechs Jahre", erinnert sich Klaus. Dabei sei ihm klar gewesen: "Der ist es." Es hatte gleich geknistert. Gerd sei mit Kollegen in die längst verschwundene Kneipe 501 an der Bardowicker Straße gekommen. Klaus lacht: "Ich habe ihn mir geschnappt."
Schwul, das war 1998 irgendwie igitt igitt. Sie kämpften, standen zu einander. Langsam verstand das Land, dass jeder so leben und lieben kann, wie es ihm gefällt. Nach zehn Jahren "wilder Ehe", trugen sie ihre "Lebenspartnerschaft" ein, was für ein Fest! 2018 standesamtliche Trauung, als die Krankheiten kamen, wollten sie noch mehr, 2022 heirateten sie kirchlich. Wieder lacht Klaus gelöst: "Aller guten Dinge sind drei."
Die Familie sah das Glück, nahm es an. Gerd und Klaus bauten in Oerzen, nahe Gerds Familie. Die half, aber auch Nachbarn, als Gerd so krank war, dass er in die Tagespflege kam. Klaus bekam das Fahren mit seinem Job als Handelsvertreter nicht immer übereinander. Es klingt warm und offen, wenn er erzählt. Nachbarschaft und Zusammenleben -- das macht Heimat aus. Die trägt.
So wie Heimat auch Gerd motivierte. Sein Lüneburg. Ausbildung bei der Stadt, eine zweite als Erzieher, schließlich wieder Verwaltung, im Bereich Tourist-Info. Er begleitete eine Menge, einiges leuchtet, anderes funzelt nur noch: Die Sülfmeistertage, die 2003 das erste Mal über die Bühne gingen, hat Gerd historisch untermalt gemeinsam mit der verstorbenen Verena Fiedler vom ALA. Er unterstützte die Aktion Backsteinreich, nicht verstandene Kunstwerke wie die "Duschkabine" eines internationalen Künstlers, stehen noch heute. Bei der ersten Nacht der Clubs gehörte Gerd zu den Taktgebern. Ganz zauberhaft verwandelte er den Kurpark in der Nacht der Romantik.
Er wollte mehr, aber als Chef der immer wieder von wenig erfolgreichen Geschäftsfühern geschüttelten Marketinggesellschaft wollten sie ihn nicht, er ging nach Bad Bevensen. Lüneburg bemerkte, der Macher fehlt: "Gerd, komm zurück." Das war 2012. Große Verkündigung der Heimkehr. Nach ein paar Wochen folgte die Absage. Denn Gerd merkte, Bevensen soll's sein. Er hat es mir damals erzählt: Dort habe er viel Anerkennung erfahren, das "Menschliche" zähle. Er krempelte viel um, machte den Kurort attraktiver. 2017 übernahm er als Geschäftführer. Viel Lob, viele Freunde.
Am vergangenen Wochenende ist Gerhard Kreutz gegangen. Nicht nur sein Mann Klaus und die Familie trauern, Freunde und Wegbegleiter vermissen ihn. "Diesen frechen, sympathischen Typ", wie Klaus seinen Mann mit dem verträumten kessen Lächeln beschreibt. Man spürt bei seinen Worten, wie es in der Kneipe vor Jahrzehnten gefunkt haben muss.
Abschied. Der soll nicht zu traurg ausfallen. Klaus bittet am Donnerstag, 5. Februar, 14 Uhr zur Trauerfeier auf den Friedhof in Oerzen, danach soll es Kaffee im Gasthaus Kruse geben. Gut organisiert, in Gerds Sinne.
Gerd wird so fehlen. Carlo Eggeling
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