„Es passiert auch anderen Frauen“ — Kamera-Missbrauch
von Carlo Eggeling am 06.05.2026Die Begründung klang absurd: Er habe seine Frau durchs Badezimmerfenster gefilmt, um zu zeigen, dass sie beim Duschen von draußen zu sehen sei. Das Video wurde durch Zufall Thema. Die Tochter fand es, als sie in Papas Handy nach Urlaubsbildern suchte. Warum Philipp seiner Frau nicht sofort von den Aufnahmen erzählt hatte. Herumdrucksen. Ebenso wenig konnte er erklären, warum er seine Frau im Schlaf fotografiert hatte, mit hochgeschobener Bettdecke, Bilder aus dem Intimbereich.
Die Lüneburgerin, die in dieser Geschichte Isabell heißen soll, hat lange mit sich gerungen, ob sie davon berichten soll, öffentlich. "Ich denke an Collien Fernandes und Christian Ulmen", sagt sie. "Sie setzt ein Zeichen, sie ist mutig, es geht nicht nur ihr so." Moderatorin Fernandes wirft ihrem Mann vor, Aufnahmen von ihr sexuell verfremdet und öffentlich gemacht zu haben. Der Schauspieler geht gegen die Vorwürfe vor. Auch wenn ihr Fall anders liegt, fühlt sich Isabell missbraucht und gedemütigt.
"Alles ist heimlich passiert. Ich frage mich, was hat mein Mann damit gemacht?", sagt Isabell. Sie habe herausgefunden, dass Philipp die Aufnahmen vom Handy auf eine Speicherkarte gezogen habe. Ihre Sorge: Er hat sie --- in welcher Form auch immer -- an andere weitergeleitet. Ob dem so war, weiß sie nicht. Aber der Kopf ist das größte Kino, eines, in dem die Bilder aus sich heraus das Laufen lernen.
Das Paar kennt sich aus Kindertagen, ist seit gut zweieinhalb Jahrzehnten zusammen. Vier Kinder. Wer so lange miteinander lebt, hat nicht mehr jeden Tag Schmetterlinge im Bauch. Arbeit, Haus, Kinder, viel Alltag. Und Vertrauen. Das bröckelt, als im vergangenen Herbst die ersten Bilder auftauchen. Misstrauen.
Passwörter für Handy und Laptop kann sie sich zusammenreimen. Sie findet Sex-Seiten, Dating-Portale, Chatverläufe, die auf Treffen mit anderen Frauen deuten. Auf dem Konto, meint sie, Abbuchungen entdeckt zu haben, die auf einen Lohn schließen lassen, für eine Prostituierte? "Er ist an dem Abend weg, er sagt, zu einem Freund. Bei dem war er nicht, stellte sich später heraus. Aber vom Konto wurden 200 Euro abgehoben."
Sie sagt, sie habe es zum Thema gemacht. Die Antworten seien wenig überzeugend gewesen. Liebesschwüre, die nicht lange hielten, Drohungen, sich zu trennen, dann ein tränenreiches "Lass uns zusammenbleiben". Eheberatung, die offenbar nichts klären kann: "Er hat das abgebrochen."
Sie hoffte, bei ihrer Schwiegermutter Unterstützung zu finden. Vergeblich. Sie habe sich einiges anhören müssen: Sie seien verheiratet, da müsse sie Verständnis für ihn haben. Das Leben iist manchmal nicht einfach, so ist das eben. Und andere Frauen? Na ja, ein Mann brauche das wohl. Sie solle sich nicht so anstellen. Mit dem Sohn sprechen? Verständnis für die Ehetherapie? "Sie hat es heruntergespielt und mir die Schuld gegeben. Warum ich so sei?" Isabell sagt, die Einsamkeit und Hilflosigkeit seien noch gewachsen:
Bilder, Flirtportale, Kontaktseiten Die findet sie erneut. Er habe gesagt, er habe eben einen Drang nach Sex. Beim Zuhören an einem milden Frühlingstag auf einer Terrasse mit idyllischem Blick auf Felder und Wiesen meint man, die Temperatur sinke auf einen launigen Wintertag. Liebe zerschlissen.
Isabell sagt, sie habe sich in ihrem Zuhause nicht mehr zu Hause gefühlt. "Ich konnte nicht mehr unter die Dusche und auf Toilette gehen, ohne die Angst, dass ich gefilmt werde." Denn sie findet eine Kamera, von der sie nichts gewusst haben will. "Ich war im Garten und habe mit einer Freundin telefoniert und ihr von unseren Problemen erzählt", schildert die 38-Jährige. Philipp müsse wohl an einem Baum eine Optik samt Mikro installiert haben: "Er kam raus und schrie mich an: 'Immer gibst du mir die Schuld'." Der Satz ist ein Klassiker, wenn man nicht weiter weiß und trotz vieler Worte Sprachlosigkeit ständiger Begleiter geworden ist.
Sie habe überlegt, zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten. "Aber womit? Die Aufnahmen habe ich nicht, die hat er", sagt Isabell. Eine Kopie habe sie nicht ziehen können, das Handy habe er ihr sofort weggenommen. "Da steht dann Aussage gegen Aussage." Wenig erfolgversprechen, denkt sie. Sie möchte ihre Kinder schützen, ein Verfahren zerre vieles in die Öffentlichkeit -- das gehe an den Kleinen nicht spurlos vorbei: "Und die haben ihren Vater ja lieb."
Auch wirtschaftliche Abhängigkeit spiele eine Rolle: Durch die Kinder habe sie eher Jobs gehabt und nebenbei verdient, ihr Mann habe das Geld nach Hause gebracht.
"Es ging nicht mehr", sagt die Lüneburgerin. Sie hat eine Wohnung gefunden, dort lebt sie mit Sohn und Töchtern. Sie erzählt von Szenen einer Ehe, die keine mehr ist. Streit um den Umgang mit den Kindern, um Unterhalt, um verletzte Gefühle. Ihr bleibe obendrein die Angst, tauchen die Aufnahmen irgendwo auf, sind sie vielleicht schon in irgendwelchen Foren gelandet? Kopfkino.
Das sei das Schlimmste. Ungewissheit, Hilflosigkeit. Deshalb, sagt Isabell, habe sie sich entschlossen, dass sie ihre Geschichte erzählen wolle, nein, müsse: "Das passiert nicht nur mir, das zeigt Collien Fernandes. Da muss etwas passieren." Wenn noch mehr Frauen, Mut fänden, könne sich etwas ändern. Die Hoffnung bleibt.
Mit Philipp, der auch anders heißt, gab es kein Gespräch. Isabell hat Angst, wie er reagieren würde. Es wäre selbsterverständlich gut zu wissen, warum er mutmaßlich solche heimlichen Aufnahmen gemacht hat. So bleibt in der Geschichte nur eine Seite und mein Eindruck. Isabell, die ich länger kenne, wirkt glaubwürdig. Carlo Eggeling
Wer Hilfe sucht, findet sie unter anderem beim Kriminalpräventionsteam der Polizei Lüneburg: 04131/607-2107 und
praevention@pi-lg.polizei.niedersachsen.de
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