Fahrrad und Benzingutscheine
von Carlo Eggeling am 04.04.2026Meine Woche
Fahrradring, kreuzfidel
Es muss einem nicht bange werden, Verwaltung funktioniert. Ich war schwer beeindruckt, als ich vor langen Jahren in den Bunker unter dem Behördenzentrum durfte und mir der zuständige Mann erklärte, dass die Administration dort zwei Wochen einen Atomkrieg aushalten würde. Was man für den Weltuntergang so brauchte, fand sich in Kartons. Benzingutschein beispielsweise. Draußen alle tot und wenn die Crew rauskrabbelt, dürften Tankstellen eher Seltenheitswert besitzen. Benzingutscheine.
Im Rathaus geht auch alles seinen Gang. Eigentlich hat die Politik kräftig die Bremsen des Velos gezogen, Ilmenaustraße als Fahrradstraßenring wollten CDU, SPD und FDP nicht so abnicken. Für den nächsten Mobilitätsausschuss haben Verkehrsdezernent Markus Moßmann und seine Mitarbeiter nachgebessert, wäre doch gelacht, wenn wenn man neben dem Fluss keinen Speichen-Parcours hinbekäme. Und selbstredend stehen die nächsten Fahrradstraßen an: Bardowicker Straße, Ochsenmarkt, Marienplatz, Neue Sülze, Lambertiplatz, Stern-Kreuzung.
Man hört es förmlich wispern im Moßmann-Ressort: Bremse? Nicht mit uns! Wir haben einen Auftrag. Der Ratsbeschluss dafür ist schon ein bisschen her. Aber bindend.
Angesichts der Umbauten an Wall- und Haagestraße könnte man sich fragen, ob man ein Jubilate mit der Fahrradklingel schellen sollte — besser als vorher scheint mir nix. Ich weiß, ich Alltags-Radler zähle nicht wirklich gegen Stahlwaden des Radentscheids. Erfolge bemisst man heute daran, wenn man den Verkehr fürs Auto verknotet wie eben da, an der Altenbrückertorstraße und im Wasserviertel. Da ist es besonders gelungen, weil kaum jemand Einbahnstraßen und Vorfahrtsregeln versteht oder beachtet, Radler haben immer freie Fahrt. Rollt doch. Irgendwie.
Aus den Parteien, die an der Ilmenaustraße bremsten, heißt es, man bleibe generell auf Linie, aber kritisch. Ich würde sagen, es wäre Zeit für absitzen und neue Routenbestimmung: Will man den Ring und den Nachhaltigen Urbanen Mobilitätsplan, der sich lautmalerisch in Nump abkürzt, nach Schnupfen und Murks klingt? Oder sagt man Stopp: Andere Lage und wir schauen, was wir wirklich wollen. Dann aber konsequent.
Ob Bürger und Anlieger wissen, was kommen soll? Eine weitere Baumreihe am Ochsenmarkt, eine schmalere Straße, die es erschwert, am Wochenmarkt zu halten und es Bussen schwerer macht zu passieren. Die Straßenführung am Marienplatz ändert sich, 250 Stellplätze für Räder sollen an die Neue Sülze. Am Lambertiplatz wird die Zufahrt in Richtung Post gekappt. Poller an die Bardowicker Straße und an die Neue Sülze.
Na klar, es gab zig Bürgerversammlungen und Informationsschreiben in den Briefkästen derer, die an den Straßen wohnen und ihre Geschäfte haben. Marktbeschicker wurden Monate im Voraus informiert. Ach nee, das habe ich mir nur eingebildet, weil die Oberbürgermeisterin stets von Transparenz spricht.
Tempo? Tempo! Denn die angebliche Verkehrswende zählt zu den Lieblingsprojekten der Grünen. Da die allgemeine Lage für die Partei -- mit Ausnahmen -- eher bescheiden aussieht, dürften sie es schwer haben bei der Abstimmung im Herbst. Selbst die Bionade-Bourgeoise, Uni-nah, oft im öffentlichen Dienst und in sozialen Organisationen beschäftigt, möchte wahrscheinlich Ergebnisse sehen, also muss der Ring, der Radlern wenig bringt, unbedingt in die Öffentlichkeit.
Die drei Dutzend Aktivisten, die gern vor Ratssitzungen auflaufen, um eine Massenbewegung der Aufrechten zu simulieren, werden SPD, CDU und FDP vorwerfen: Sie verhinderten den Fortschritt, die Klimaneutralität und das urbane Leben überhaupt. Das soll von der Frage ablenken, warum hat es die stärkste Fraktion samt Claudia Kalisch nicht geschafft, das Projekt voranzubringen? In viereinhalb Jahren. Bestimmt trägt auch daran Alt-OB Mädge eine gewisse Schuld.
Es liegt nahe, das Thema zu einem zentralen zu machen, neben der Verelendung mitten in der Stadt. Wer politisch denkt, hegt gaaaanz viele Bedenken angesichts der Planungen. Devise: Es ist ein epochales Anliegen, das muss der nächste Rat in den Sattel heben. Eins ist mehr als wahrscheinlich: Der nächste Rat wird mehr Vertreter der Linken und der AfD haben. Weniger Grüne, weniger Sozis, weniger FDP und vielleicht eine gleichstarke CDU. Und dann? Um einen vergangenen Chefredakteur zu zitieren, der öfter einen Satz besonders liebte, wenn ihm kein Schluss einfiel: Es bleibt spannend.
Man könnte auch sagen, da steht die Nagelprobe an. Wie an Ostern. Ich habe mit Freunden gestern Monty Pythons Das Leben des Brian gesehen. Die römischen Besatzer haben den Herrn ans Kreuz geschlagen, aber er und die anderen lassen sich nicht hängen, sondern bleiben optimistisch: „Allways look on the bright Side of life.“ Schau immer auf die fröhliche Seite des Lebens.
Ach ja. Alle Experten haben Tipps in Sachen Öl-Krise. Was meinen Sie? Bald gibt’s Benzingutscheine. Die Bürokratie ist sicher vorbereitet. Keine Sorge. Frohe Tage, kreuzfidel. Carlo Eggeling
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