Lüneburg, am Samstag den 31.01.2026

Friedhofserinnerung — Fidel

von Carlo Eggeling am 29.01.2026


Ich habe einen Termin auf dem Nordwest-Friedhof und bin zu früh. Zeit um das Grab meines Freundes Fidel zu gehen und an ihn zu denken. Er starb 2010, das habe ich zehn Jahre später geschrieben. Einige werden ihn noch kennen.

Einer, der fehlt -- eine Erinnerung an Wolfgang Tillmanns

Irgendwann war Fidel da. Damals, als Tchibo noch auf der anderen Seite der Bäckerstraße lag, der Kaffee ein paar Groschen kostete und sich dort die Langhaarigen trafen. Er war Ende der 70er-Jahre aus Düsseldorf nach Lüneburg gekommen. Ein bunter Vogel, der auffiel, wenn er seinen Kaffee in lila Latzhose und mit silber eingesprühten Stiefeln trank. Die Liebe hatte ihn an die Ilmenau gezogen. Fidel wurde zur lebenden Legende. Heute vor zehn Jahren ist er mit 78 Jahren gestorben. Ich habe damals seinen Nachruf geschrieben. Mit ein paar Tränen.
Sein Freund Alfred Blohm, ein paar andere und ich hatten für ein Begräbnis auf dem Nordwest-Friedhof und eine Trauerfeier gesammelt. Denn Fidel war zwar ein an Esprit und Freundlichkeit reicher und bereichernder Mensch -- aber eben arm.
Viele junge Leute wussten nicht, wie der Mann mit dem weißen Fidel-Castro-Bart mit lila Spitze hieß, aber sie kannten ihn, weil er im Vamos und in der Garage tanzen ging. Eigentlich hieß er Wolfgang Tillmanns. Ich habe in den 1980ern lange im Schallander mit ihm gekellnert. Er war eine Bank, und er war das Chaos. Er zapfte zig Bier vor, wenn noch kein Gast da war, als alle kamen und die Straße voll stand -- Tische und Stühle wie heute gab es nicht --, schenkte er jedes Glas einzeln ein.
Fidel sah sich als „Lkw, als lebendes Kunstwerk" und hat selber Kunst gemacht, Sachen, die nur wenige verstanden. Er trug Helme mit eigenwilligen Skulpturen. Mal hat er das japanische Schriftzeichen von Lüneburgs Partnerstadt Naruto auf die Stadt gelegt und an 22 verschiedenen Punkten meditiert. Er schrieb Haikus, japanische Kurzgedichte.
Er hat mir erzählt, dass er in Düsseldorf dem Sohn des Malers Sigmar Polke Nachhilfe gegeben und in der Klasse von Fett-Künstler Joseph Beuys gesessen habe, „mit 1000 anderen".
Als gelernter Dolmetscher für Englisch und Spanisch besaß er ein Faible für Sprachen. Angeblich beherrschte er mehr als ein Dutzend. Er blieb bescheiden: Das sei kein Talent, sondern habe mit Disziplin zu tun. Auch nach einer langen Nacht setze er sich morgens um sechs bei einem Tee mit Karteikarten hin und pauke Vokabeln.
Russisch habe er gelernt, um Dr. Schiwago im Original zu lesen. Noch eine Anekdote vom Stint. Chinesisch und Japanisch hat er studiert, und er hat einmal Touristen aus Fernost erstaunt, als er sie im Schalli fließend auf Japanisch ansprach.
Irgendwann nach dem Mauerfall war Fidel nach Berlin gezogen. Angeblich hat er zeitweilig Blindgänger ausgebuddelt, um ein paar Mark zu verdienen. In der Metropole lief es nicht so, er kam zurück.
Vor zehn Jahren habe ich notiert: "Fidel brauchte nicht viel, er hat im Schallander, in der Rumpelkammer und bis zuletzt im Pons gekellnert. Er hatte Tausende Bücher gelesen und war trotzdem nicht belehrend, sondern neugierig." Am Ende war kaum Geld da. Die Stadt half, in dem sie uns eine Grabstelle überließ, die Freunde sammelten für den Rest. Verwandte gab es wohl nicht. Alfred löste die Wohnung auf, eine Knochenarbeit bei den vielen Büchern, von denen viele im Altpapier landeten.
Es ist Zeit, rauszuradeln und an Fidels Grab an lange Nächte, an Klamauk und ernste Momente zu denken.
Gruß auf Deine Wolke, mein alter Freund.

© Fotos: ca


Kommentare Kommentare

Kommentar von Christian Erdmann
am 29.01.2026 um 14:43:19 Uhr
Ich war einer dieser Langhaarigen die mit ihm bei Tchibo Kaffee getrunken haben. Wir haben auch noch gekifft. Er nie. Oder ich habs nie mitbekommen. Es war eine tolle Zeit. Auch am Stint.
Unvergessen. Ich habe sein Tot nicht mitbekommen. Lebe in S/H und freue mich immer wenn ich durch Lüneburg laufe und an meine großartige Zeit in Lüneburg denke.


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