Ganz schön kantig — ein Museum für Immanuel Kant
von Carlo Eggeling am 05.03.2026Wer das Grundgesetz aufschlägt, liest auch Immanuel Kant: "Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt." Artikel 2 basiert auf Ideen des Philosophen, dem jetzt ein ganzes Museum in Lüneburg gewidmet ist. Kant, der vor drei Jahrhunderten in Königsberg geboren wurde, zieht hier quasi in eine Außenstelle des Baltikums, in ein Nebengebäude des Ostpreußischen Landesmuseums. Direktor Dr. Joachim Mähnert und sein Team bauen -- dieses Mal ist es wirklich keine Worthülse -- etwas Besonderes: ein Museum der Philosophie, ein zweites gibt es nicht in Deutschland. Am 12. März öffnet das Haus für die Öffentlichkeit.
Wer sich auf die Schau einlässt, lässt sich -- Entschuldigung für das schräge Bild -- auf Knochenarbeit für den Kopf ein. Als der Denker 1781 die "Kritik der reinen Vernunft" veröffentlichte, war das Werk so kompliziert, dass es selbst andere Geistesriesen nur mit Mühe verstanden. Mähnert sagt stolz, sein Haus besitze eins der wenigen noch erhaltenden Originalexemplare von 1781. Überarbeitet erschien es später erneut und beeinflusste das Denken im Zeitalter der Aufklärung.
Als sich Europa von alten Weltbildern verabschiedete, begann ein gewaltiger Wandel. "Die Befreiung vom Aberglauben heißt Aufklärung", heißt es bei Kant. Hinterfragen, analysieren, ausschließen, zu einer möglichst exakten Beschreibung des Seienden kommen. Grundlage der modernen Naturwissenschaft. Ein Beispiel: In allen Kulturen galten Blitz und Donner von Göttern gemacht. Der Himmel strafte, wenn beispielsweise die gewaltige Energie in einen Kirchturm schlug und ihn in eine Fackel verwandelte. Wissenschaft sagte den Göttern Adieu und erklärt das Ganze als Wetterphänomen. Kant löste es laut Mähnert ganz praktisch: "Er sorgte für den ersten Blitzableiter in Königsberg."
Selbstverständlich fußt Kants Gedankengebäude auf anderen Denkern wie Rousseau oder Descartes, er beeinflusste seinerseits beispielsweise Hegel, dessen Gedanken sich wiederum bei Karl Marx wiederfinden. Und selbstverständlich war der Mann selbst widersprüchlich. Einerseits geht Artikel 1 Grundgesetz auf Kant zurück. "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Zusammengefasst: Der Mensch hat immer einen Wert. Auch wenn er krank ist, wenn er nicht arbeiten kann. In Geld lässt er sich aber nicht bemessen. Wenn etwas immer einen Wert hat, sagt man: Es besitzt eine Würde.
Gleichwohl pflegte Kant rassistische Gedanken. Afrikaner beispielsweise standen in seiner Skala weit unter den Europäern. Sklaverei bekümmerte ihn weniger. Höchstens die Bedingungen, unter denen "Schwarze" leben mussten. Das thematisiert die Ausstellung natürlich.
Vernunft und Analyse machen damals wie heute Sinn. Der Spaziergang über 500 Quadratmeter durch die Kantsche Zivilisation führt zu "Fake News". Ein Beispiel. Königin Marie Antoinette wird der Satz nachgesagt: "Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen." Das kam angesichts des Hungers in Paris nicht gut an und soll 1789 ein Auslöser der französischen Revolution gewesen sein, die den Gatten ihrer Majestät einen Kopf kürzer machte. Sie könnte es gesagt haben, hat sie aber nicht. Die Ausstellung schlägt den Bogen in die Gegenwart zu KI und den Halb- und Unwahrheiten Donald Trumps.
Der nächste gedankliche Schritt: Selbst wenn ich Dinge hinterfrage, was kann ich als wahr erkennen? Geht es aktuell nicht weiter à la George Orwell mit seinem Roman 1984 -- Begriffe erhalten in autokratischen Systemen eine neue, z manchmal gegenteilige Bedeutung und verändern den Blick auf Welt und Werte?
Den Geist anzustoßen, sei eins der Ziele, sagt Mähnert. "Zu welchen Diskussionen unserer Zeit und Gesellschaft hat uns Kant etwas zu sagen?" Daher muss die Expedition durch Kants Universums naheliegenderweise in einem Forum beginnen. Mähnert benennt einen Grund: "Kant wollte den freien Austausch, das beste Argument soll sich durchsetzen." Schulklassen können dort sitzen, per Livestream sind auf Wunsch Gäste aus aller Welt dabei. Mähnert: "Wir überwinden Barrieren, räumlich, mental, kulturell."
Wichtig ist es den Museumsleuten wie auch schon in anderen Teilen ihres Ensembles zwischen Heiligengeist- und Ritterstraße, Kinder zu erreichen. Im Kinderclub bedeuten Geschichte und Philosophie Basteln und Spielen. Der Ansatz: Mädchen und Jungen begeistern Geschwister und Eltern, ins Museum zu gehen -- auch die, die Museen als Zwangsveranstaltung des Schulausfluges kennen und hassen gelernt haben.
Die Sammlung soll daher neben Büsten, Büchern und Bildern des Philosophen amüsant sein. Schmunzeln bei KANTine, KANTholz und KANTig. Vieles, was zu sehen ist, zeigte das Haus bereits vor zwei Jahren in einer Sonderausstellung zu Kants 300. Geburtstag.
Schon damals sollte der Neubau fertig sein, es gab Verzögerungen. Am Ende kostet alles inklusive Ausstellung acht Millionen Euro, 5,6 Millionen gibt der Bund, 2,4 Millionen das Land Niedersachsen. Als der Beitrag entstand, bauten Handwerker im Wortsinne am Gedankengebäude. Doch der Eindruck war da: großes Kino. Wenn alles fertig ist, macht es Spaß, im intellektuellen Wohnzimmer des Immanuel Kant zu philosophieren. Carlo Eggeling
Info-Box
Zur Eröffnung mit geladenen Gästen am 11. März mit einem Festakt werden Wolfram Weimer, Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien, Niedersachsens Wissenschaftsminister Falko Mohrs und Botschafter erwartet.
Das Ostpreußische Landesmuseum besitzt weitere Abteilungen, das hängt mit seiner Geschichte zusammen, so gibt es einen Schwerpunkt zur Jagd und eine deutschbaltische Abteilung. Das Brauerei-Museum, das an die Geschichte der aufgelösten Kronen-Brauerei erinnert und an historischer Stelle steht, gehört ebenfalls dazu. 25 000 bis 30 000 Besucher kommen jährlich an die Heiligengeiststraße,
Fotos:
Dr. Joachim Mähnert leitet das Haus. Er möchte Kants Gedanken zu Politik, Moral und Wissenschaft anschaulich erklären. So kann der Besucher zum Beispiel an einer Tischgesellschaft des Königsberger Philosophen Platz nehmen und dem Disput kluger Köpfe lauschen.
Ein Service und Kants Originalausgabe Kritik der reinen Vernunft von 1781 laden ein zur Zeitreise. Der große Denker kam 1724 dort zur Welt und starb dort kurz vor seinem 80. Geburtstag 1804. Er hat die Region zeitlebens nicht verlassen.
Witz muss sein und damit Wortspielereien. Kant war der erste große Denker seiner Zeit, der seine Werke nicht auf Latein, sondern auf Deutsch veröffentlichte. Allerdings in Bandwurmsätzen. Fake News übrigens: Denn das Bildnis (HOCHKANT) zeigt gar nicht Kant, sondern seinen Gegner Friedrich Heinrich Jacobi. Dieser Fehler sei lange nicht bemerkt worden, sagt Mähnert.
KANTINE ist der richtige Kant
Diplomatie kann man bis heute lernen: Werden Krieg geführt, sollten keine Kriegsverbrechen begangen werden, auch sollte sich ein Staat nicht in die Angelegenheiten des anderen einmischen. Schließlich muss man später weiter zusammenleben.
Aufbauen. Handwerker arbeiten praktisch am Gedankengebäude Kants.
Beitrag ist in ähnlicher Form im Magazin Wuadrat erschienen
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