Geburtstag — die Landeszeitung feiert ihren 80.
von Carlo Eggeling am 15.01.2026Geburtstag, da ist man milde, vor allem wenn es um ein hochbetagtes Alter geht. 80 Jahre alt wird die Landeszeitung heute. Herzlichen Glückwunsch. Die Kollegen liefern vieles aus der Region, Politik, Sport, Vereine, Menschliches. Zeitung ist ein altes Wort für Nachricht. Die kann vielfältig daher kommen: als Bericht, als Reportage, als einordnender Kommentar. Es gibt sicher viele Gründe mit dem Jubilar anzustoßen, es wird heute bei der Feier in der Ritterakademie anerkennende Worte geben, beschwörende vor allem, wie wichtig Lokaljournalismus sei, dass die Demokratie leide, bräche er weg. Wie man das so macht, wenn man einem 80-Jährige gratuliert.
Allerdings bleiben bei einem Senior die Gebrechen nicht aus. Kraft und Bedeutung schwinden. Ein Allgemeinleiden des alten Zeitungsjournalismus. Ich habe 30 Jahre am Sand gearbeitet und kann mich erinnern, dass wir in den besten Jahren eine Auflage von von 42 000 Exemplaren am Wochenende und mehr als 37 000 täglich unter der Woche hatten. Laut Auflagenstatistik ist man inzwischen bei 21 500 im Wochendurchschnitt gelandet, das kann man in der Auflagenstatistik, Stand Herbst 2025, nachlesen. Allein seit 2021 hat das Haus rund 3000 Exemplare eingebüßt. Was an Print wegbricht, fängt das Digitalangebot zumindest laut Statistik nicht auf.
Die Zahlen lesen sich noch dramatischer, wenn man berücksichtigt, dass die Einwohnerzahl in Stadt und Kreis in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen ist. In der Samstagsausgabe finden sich vier, fünf Seiten mit Traueranzeigen. Ein bisschen zynisch könnte man sagen, die Kunden sterben und zahlen ein letztes Mal. Denn weniger Abos bedeuten, weniger Einnahmen.
Das gleiche gilt beim Anzeigengeschäft. Damals "sammelten" die Vertreter Annoncen ein, wie es der langjährige Anzeigenleiter ein gern sagte, heute ist das Internet eine riesige Konkurrenz. Nicht nur bei Geschäftsleuten, auch bei den sogenannten Rubriken: Immobilien, Kfz, Stellenmarkt, damals ein dickes Paket, heute naja, ein bisschen.
Auch der Vertrieb ist schwieriger geworden, wer will nachts Zeitungen austragen? In manchen Gemeinden steht an prominenter Stelle ein Kasten zum Selberholen. Trotzdem erhöht der Verlag die Preise, den Weg gehen sicher nicht alle Leser mit, siehe Auflagenstatistik. Und digital? Mal ist von 2500, mal von 3500 Abos die Rede. Das fängt das Minus höchstens begrenzt auf.
Es ist zwar noch nicht überall angekommen, weder bei allen Redakteuren, noch in der Politik und der Wirtschaft, aber die Zeitung verliert unter anderem mangels Masse und weil kaum junges Publikum nachwächst, selbstverständlich an Bedeutung. So wie andere Zeitungen auch.
Lüneburg ist überall. Gemeinden reagieren längst und weiten ihre eigenen Pressemitteilungen und Kanäle im Netz aus. Das mögen Verleger- und Journalistenverbände bedauern und kritisieren, wie sie wollen. Die Wirklichkeit überholt Wünsche. Und der Ruf nach Subventionen ändert nichts an der fortschreitenden Auszehrung.
Selbstredend gibt es viele Berichte, die die Redaktion liefert, die ihr Können und ihre Stärke zeigen. Selbstverständlich braucht es lokale Berichterstattung, damit Bürgermeisterinnen, Unternehmer, Kulturschaffende und Vereine infrage stehen und erklären müssen, warum sie so handeln. Kritik ist die Zärtlichkeit der Journalisten. Es gehört dazu, sich dem auszusetzen und zu stellen.
Die Wege werden andere werden. Im Netz. Klar, nur das ist lange da. Das Ankommen dauert für manche sehr lang, vor allem, wie verdient ein Verlag dort Geld? Sicher nicht nur mit Nachrichten. So ist überall zu beobachten, dass Verleger Kosten sparen: Redaktionen werden zusammengelegt, Aberdutzende Häuser arbeiten mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland zusammen. Das feiert RND als starkes Signal, es ist andererseits die gleiche Suppe, die man in Kiel, Lübeck, Hannover und Lüneburg löffelt. Einheitsbrei.
Der Wikipedia-Eintrag der LZ ist veraltet, da lobt man sich noch für das Interview der Woche, das oft zitiert werde. Das gibt es seit Jahren nicht mehr. Die drei Verlegerfamilien sind inzwischen vier, und die alten drei haben sich weitgehend zurückgezogen. Es gibt zwei und nicht einen Chefredakteur. Zeitung hat auch etwa mit Nachrichten und Neuigkeiten zu tun. Selbst bei wikipeda. Im Netz muss man ankommen können.
Ich habe in einem launigen Rückblick eines alten Kollegen im "Quadrat" gelesen, dass die Zeitung vor allem aus drei Männern bestand, John Chaloner, der nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg im Januar 1946 die Lizenz Nummer 3 in der britisch besatzten Zone in Lüneburg übergab, Helmut Pless, der von 1963 an 20 Jahre Chefredakteur war, und Hans-Herbert Jenckel, der den Beitrag geschrieben hat.
Pless war ein grandioser Journalist, der packend schrieb, Jenckel ein guter Ausbilder, bei dem ich viel gelernt habe. Aber es gab viele andere, die der Zeitung das Gesicht gaben, was sie zu etwas Besonderem machte. Kollegen, die in Stadt und Landkreis verwachsen waren, die Land und Leute kannten, die man anrief, wenn man sich ärgerte, wenn man ein Fest mit dem Verein feierte. Die in Behörden Ansprechpartner hatten, die wussten, ihr Name taucht nirgendwo auf. Hintergrundgespräch nannte man das oder „unter dreien“. Wobei es keinen dritten gab. Nur die Quelle.
Die LZ hat geprägt, hat Themen gesetzt. Geronnene geschicht, aber bei Älteren nicht vergessen. Christoph Steiner leitete die Redaktion ein Vierteljahrhundert. Es gab in Zeiten steigenden Rechtsextremismuses in den 1990er Jahren die Aktion Gesicht zeigen, Tausende standen gegen Fremdenfeindlichkeit auf dem Sand. Steiner leierte eine Hilfsaktion für Tsunami-Opfer in Asien an, Shalom hießt es 1995, 50 Jahre nach Kriegsende, LZ, Stadt, Kirchen und andere luden ehemalige jüdische Mitbürger und ihre Nachkommen ein in die Stadt, in der sie einst verfolgt wurden. Es gab fresh mit dem leider früh verstorbenen Kai-Werner Lievenbrück, eine Ferienaktion für Kinder, die aus wenig begüterten Familien kamen und so in die Sommerferien fahren konnten.
Es gab vieles, die LZ setzte Zeichen. Man rieb sich an ihr, sie war nicht egal, sondern Teil des Lebens. Ob ihr das weiter gelingt, liegt jetzt in anderen Händen. Einfach ist es nicht, die Herausforderungen sind benannt. Viel Erfolg. Viel Glück zu wünschen, klänge ein wenig hoffnungslos. Carlo Eggeling
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