Geschichte(n) gegen das Vergessen
von Carlo Eggeling am 20.03.2026Mit Geschichte ist es so wie mit Geschichten, packend, nah, gut und böse. Persönlich muss es sein, um zu berühren. Daten, Ablauf -- bekannt. Doch was macht man, wenn Zeitzeugen sterben, wenn das Schicksal nicht mehr anrühren kann? Wenn Opfer und Täter vergessen werden und damit die Verantwortung und Aufgabe, die sich aus Geschichte ergibt. Geschichtswerkstatt und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), die sich schon lange bemühen, versuchen, neue Wege zu gehen. Sie kooperieren unter anderem mit der IGS Kaltenmoor, sie bieten Führungen an, gewinnen Nachwuchs. Der Ansatz: Geschichte erzählt sich aus Geschichten und Fakten. Gerade, wenn es um das Leben in der eigenen Stadt geht.
In den letzten Kriegstagen im April 1945 bombardieren die Alliierten im Lüneburger Bahnhof einen Zug, in dem Häftlinge aus dem Konzentrationslager Wilhelmshaven gepfercht sind. Die Piloten wissen nichts davon. Sie denken, sie greifen ein kriegswichtiges Ziel an, die Eisenbahn. Die Wachmannschaft aus 16 Marinesoldaten um den dänischen SS-Mann Alfred Jepsen lassen die Menschen nicht aus dem Zug, Dutzende sterben, werden verletzt. Jepsen und seine Männer erschießen später Überlebende. Die Bürger wissen von dem Grauen, vom Morden. Die Zeitung schreibt, wer verdächtige Gestalten sehe, möge sie melden, festhalten und Schlimmeres. Täter verscharren Leichen.
Deutschland hat den Krieg verloren. Eine gute Woche später, am 18. April 1945, marschieren die Engländer ein. Nach ein paar Wochen, im September, ist ihnen klar, was geschah. Anhänger des Nationalsozialismus, angeblich ehrbare Bürger, müssen Leichen exhumieren, ein Ehrenfriedhof wird eingerichtet. Versteckt im Wald, über die Zeit wandelt sich sein Bild, weil Geschichte anders wahrgenommen und dargestellt werden soll. 2023 wurde er neugestaltet wieder eröffnet.
Dieses Geschehen soll im Gedächtnis bleiben. Darum ging es bei einem Treffen, zu dem Geschichtswerkstatt und VVN jetzt in die Firma Clage eingeladen hatten. Das Unternehmen stellt künftig Räume zur Verfügung, um Führungen und Gespräche zu unterstützen. Der Betrieb, der Durchlauferhitzer produziert, liegt an historischer Stelle. Man hört, wenn Züge über die Gleise surren und rumpeln -- so wie vor acht Jahrzehnten, als der KZ-Zug hier ankam und das Morden am nahen Güterbahnhof begann.
Bernd Bruhn (VVN) und andere stellten Veranstaltungen vor. So geht es um die Kooperation mit der IGS Kaltenmoor. Elternvertreterin Claudia Schievelbein berichtete, dass das Thema in den 9. Klassen auf dem Unterrichtsplan stehe. Gerade der lokale Bezug mache Geschichte erlebbar. Durch Führungen entstehe ein Bezug zum eigenen Leben. Zum einen, weil man einen vertrauten aber vermeintlich unwichtigen Ort nun mit der Geschichte verbinde. Zudem kennen Jugendliche, die aus Zuwandererfamilien stammen, Themen wie Flucht und Gewalt manchmal aus dem eigenen oder dem Leben ihrer Angehörigen.
Anders an Daten, Zahlen, Fakten herangehen wollen Lehrer und Organisationen durch Kunstprojekte. Uwe Franzen, der mit seine "Atelier Handwerk" Ausstellungen mitgestaltet etwa in Museen in Lüneburg und dem Elbschifffahtrtsmuseum in Lauenburg, kooperiert mit Kunstlehrern, die mit Lego- und Fotoinstallationen Geschichte erlebbar und in Heute wollen wollen. So könnte eine Eiche, damals ein junger Baum, heute groß und mächtig, als Zeitzeuge begriffen werden, in deren Schatten die Taten einst passierten.
Der Kaltenmoorer Quartiersmanager Sven Dunker berichtete, er wolle den Stadtteil, in dem Menschen aus mehr als 80 Nationen leben, einbinden. Um das Projekt zu unterstützen, habe er entsprechende Anträge an einen Fonds gestellt.
Dass die Führungen Geschichte nahebringen, erzählte Jamie Bien. Der Schüler der BBS III macht eine sozialpädagogische Ausbildung. Führungen beginnen am Museum am Wandrahm, dort steht ein Waggon, der deutlich machen soll, was einst geschah. "Ich habe die Enge gespürt, wie muss es für die Menschen gewesen sein, die damals darin saßen?" Weiter geht es zu einer Mauer: "Die Stelle, wo Menschen erschossen wurden." Den 20-Jährigen hat das so bewegt, dass er in seiner Schule versucht hat, andere für die Führungen zu gewinnen. Vergeblich, wie er "traurig", bei einem Treffen einem Treffen zu einem Angebot der Organisationen erzählte. Gleichwohl will er weiter werben und sich engagieren.
Weitere Informationen zu den Kunstprojekten unter igslueneburg.de/kunst/#6Tage
Führungen sind unter anderem geplant an den Freitagen 10. April und 15. Mai um jeweils 15 Uhr. Treffpunkt ist der Güterwaggon am Museum am Wandrahm. Anmeldung und Information unter 04131 40360 und info@geschichtswerkstatt-lueneburg.de
Carlo Eggeling
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