Lüneburg, am Samstag den 18.04.2026

Grotesken aus Seichtgebieten

von Carlo Eggeling am 18.04.2026


Meine Woche
Grotesken aus Seichtgebieten

Ich hatte mit ordentlich Krach gerechnet, nix. Alle haben Verständnis. Eigentlich sollte der Fahrradring gestoppt werden, war sich ein Bündnis aus SPD, CDU und FDP im Mobilitätsausschuss neulich einig. Denkste. Anwohner finden Zettel im Briefkasten: Bis Ende Juli Baustelle an der Neuen Sülze und Auf der Altstadt, weil die Stadt dort Poller installieren und Geh- und Radweg verändern will. Die Verwaltung verweist darauf, dass es einen Beschluss gab loszupollern.

Den Hintergrund des politischen Schweigens hat mir jemand erzählt, der bei Poller-Verhandlungen dabei war. "Irgendwas mussten wir machen, ohne viel zu ändern." Gemeinsam. Die Neue Sülze sei eh schon verkehrsberuhigt, zumindest mit Schildern. Die übersehen viele. Brummmmm!

Die Lage damals sei angeblich so gewesen: Die Grünen hätten einen Erfolg für ihre Pedalo-Fraktion gebraucht, weil unter ihrem Regime eher Plattfuß gilt, zur Erinnerung: Der Fahrradring sollte bereits 2024 fertig sein. Die SPD habe Poller generell toll gefunden, und wollte bei der Sohlen-Initiative Fuß e.V. schnürsenkeln. Die FDP wünschte sich ein Parkleitsystem, konnte das nicht durchsetzen und bekam dafür das Feuerwehrauto Geräte Logistik. Feuerwehr ist immer gut. Egal, welches Parteibuch. Die CDU bekam wohl nichts.

Jetzt pollert es. Das Leben kann ein Kuddelmuddel sein. Mal hü, mal hott. Ist natürlich blöd, wenn man erst dafür gestimmt hat, jetzt zu sagen, leider hat uns strategisches Denken gefehlt. Oder einzuräumen, was augenscheinlich ist: Wir wissen gar nicht, was wir wollen. Wie wär's mit: Die Lage hat sich verändert, wir müssen neu denken, was geht? Wir haben nicht aufgepasst und uns von ein paar Dutzend Aktivisten einreden lassen, dass die gesamte Stadt das will. Wir schauen zudem ins Portemonnaie und zählen nach, was wir uns leisten wollen und können.

Ich glaube, es wäre ein Wahlkampfschlager, mit Bürgerversammlungen in Stadtteile zu gehen, wo es eine Menge Veränderungen geben soll, dort zu erklären: Das wollen wir, wir nehmen Bedenken und Anregungen mit und legen ein Konzept vor. Beim Hohelied der Transparenz, das parteiübergreifend erklingt, kann es gar kein Nein zur Bürgerbeteiligung an der Basis geben.

Weil's so schön ist, zurück zur Neuen Sülze in Höhe Parkhaus. Ein Blick nach Trier kann heilend helfen. Die dortige Lokalzeitung mit dem aufmunternden Namen Volksfreund erzählt davon, wie sehr Poller die Stadt seit Monaten verändern: Hydrauliköl ist ausgelaufen, die Klötze bleiben im Boden stecken, weil die Technik streikt. Jeder fährt, wie er meint. Man soll in der alten Römerstadt an der Mosel gewisse Zweifel hegen, ob die Investition von 365 000 Euro sinnvoll war. Mal sehen, worüber Lüneburg demnächst lacht. Oder weint.

Wahrscheinlich hat es diese Absprachen nie gegeben. Ich höre mir öfter an, ich habe eine überbordende Fantasie. So ist es auch beim geplanten Umzug der Marketinggesellschaft ins Galeria-Haus. Da haben Kollegen Wochen später das Thema entdeckt und schreiben heute, was vermeintlich mit mir nicht stimmt, selbstverständlich ohne mich namentlich zu nennen. Bei mir stand nüscht anderes als in der Zeitung, deren Name mir partout nicht einfällt: Man verhandelt.

Indes hatte der städtische Finanzminister mir gesagt, man sei auf einem guten Weg. Matthias Rink ist der Mann, der wie ein Drache auf dem schmalen Goldschatz der Stadt sitzt und feurig fauchen sollte, wenn die Taler nicht gut angelegt werden. Der kommt in dem Beitrag der Kollegen nicht vor. Übrigens gibt es seit Jahren eine Zusage der Oberbürgermeisterin, dass die Marketing in den Komplex gegenüber dem Rathaus wechseln soll. So hat jeder seine Sicht.

Bleiben wir bei der Groteske. Ich würde jedem Wal empfehlen, eine Patientenverfügung aufzusetzen, sonst geht es einem wie dem armen Geschöpf in der Ostsee, welches nach Meinung von was auch immer für Experten nicht in Ruhe sterben darf. Was für ein irrwitziger Aufwand, während im Mittelmeer und im Ärmelkanal Menschen auf der Flucht ertrinken. Mitleid verteilt sich sehr unterschiedlich.

Brüllend komisch ist die Forderung nach einem Tempolimit, um ein bisschen Sprit zu sparen, der so teuer ist. Aha, ist der Autofahrer generell unterbelichtet, dass er nicht selber entscheiden kann, wie viel Benzin er durchgurgelt, wenn er weniger ausgeben will?

Ebenfalls wunderlich ist ein Streit um zwei Autorinnen. Kritik an ihren Büchern sei Sexismus, finden die Schriftstellerinnen Passmann und Kürthy sowie Elke Heidenreich, die gern Besinnliches etwa zum Altern notiert.

Ich habe ein Buch von Sophie Passmann gelesen, die irgendwas mit Feminismus macht, und durfte in ihre Seele schauen. Ich muss gestehen, es ist kaum etwa hängen geblieben. Ildikó von Kürthy gilt als Bestseller-Schreiberin und blickt aktuell in sich.

Nun hat der sich selbst sehr wichtig nehmende Literaturkritiker Dennis Scheck, der nach Gusto Werke in einen Mülleimer wirft, Passmanns Buch so beschrieben: "Wasserstandsmeldungen aus den Seichtgebieten eines trüben Bewusstseins". Bei Frau von Kürthy greift er handwerklich nachvollziehbar auf, dass die Toilette mehrmals ihr Thema ist, die Erkenntnisse seien "Nachrichten aus der Schnatterzone einer Damentoilette auf einer Hochzeit".

Das ist uncharmant, aber provokant, so wie es eine Kritik sein soll.

Sexismus. Was für ein routinierter Griff ins Blabla. Warum blickt frau nicht kalt lächelnd auf einen Mann, der sich selbst zu sehr inszeniert? Die Autorinnen finden derart viele zahlende Fans in Buchhandlungen, dass sie selbstbewusst gelassen auf ihr Konto schauen könnten. Dennis wer?

Dem Dichter Oscar Wilde wird der Satz zugeschrieben: "Es gibt keine moralischen und unmoralischen Bücher, Bücher sind gut oder schlecht geschrieben." Das entscheidet jeder für sich.
Ist wie mit der Politik in Lüneburg und ihren hehren oder grotesken Zielen. Das Publikum befindet darüber. Bei der Wahl im September. Carlo Eggeling

© Fotos: ca


Kommentare Kommentare

Kommentar von Bernd Tollmann
am 18.04.2026 um 16:39:47 Uhr
Um ein Pollerdesaster nachzuvollziehen, müsste man von Lüneburg nur einmal nach Lauenburg schauen. Da wurde die historische Elbstrasse auch gepollert.
Die Defekte sind zahlreich, Reparaturen dauerten ewig. Dann fuhr sich noch ein Auto dagegen, was natürlich einiges aus dem Lot brachte .
Aber was interessiert Politik und Verwaltung die Erfahrung anderer Kommunen. Wenn man doch selber diese geniale Idee hatte, will man schließlich auch deren Folgen auskosten.
Kann man doch verstehen, als Steuerzahler.
Try and Error nun auch in LG.


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