Lüneburg, am Sonntag den 31.08.2025

Gut, dass wir mal drüber geredet haben

von Carlo Eggeling am 30.08.2025


Meine Woche
Bekenntnisse an der Ampel

Die Macht der Ampel wurde völlig unterschätzt, an der Ilmenau funkeln Lichtzeichensignalanlagen künftig wie das Firmament. Eine Lightshow für queeres Leben, also grob zusammengefasst, jeder und jede kann lieben, wie's gefällt. Das scheint sehr akzeptiert. Selbst die stets sensible Antidiskriminierungsstelle des Bundes schreibt auf ihrer Internetseite, mehr als 80 Prozent der Bevölkerung habe kein Problem mit schwulen und lesbischen Ehen. Doch: Genug ist nicht genug.

Vielleicht hatte der Grüne Ratsherr und Landtagsabgeordnete Pascal Mennen, als er auf dem Weg zum Rathaus am Graalwall warten musste, den Einfall. Grün, da geht mehr — Symbole zeigen queeres Leben. Nun ist ihm der Rat mehrheitlich gefolgt. Vor Monaten hatte Mennen Sinnen und Sehnen am Zebrastreifen gefühlvoll beschrieben: „Mir selbst hätten solche Zeichen in meiner Jugend sehr geholfen, mich anerkannt und respektiert zu fühlen und mich dadurch schlussendlich auch selbst akzeptieren zu können.“ Was eine grüne Leuchte alles vermag.

Was ist mit anderen Gruppen? Dicke erhalten per Ampel Abnehmsignale oder Zustimmung, moppelig zu bleiben; Rassisten bekommen signalisiert, dass ihre Haltung Blödsinn ist; wer faul ist, braucht keinen Druck vom Arbeitsamt, sondern Motivation durch die Ampel. Sagen Sie jetzt nicht, das sei Unsinn. Alle naselang fühlt sich jemand diskriminiert. Wollen Sie diskriminieren?

Dem Flaneur, der Andersliebende für widernatürlich hält, tippt an der Ampel bald wikipedia in sein Handy und findet queer sofort für natürlich: Rund 1500 Tierarten kennen Homosexualität. Pinguine, Delfine, Giraffen, Bonobos, Walrosse und domestizierte Tiere wie Schafe. Fanatiker wandeln sich zu Friedvollen, nie würden sie, wie in Kaltenmoor geschehen, Schwule in einen Hinterhalt locken statt zu einem Tête-à-tête, um sie zu verprügeln.

Mennens Idee flackert bundesweit, seit langem: In Flensburg sagt bereits ein Händchen haltendes Paar: stehen bleiben oder geh! In Landau in der Pfalz leuchten nahe des Zoos Kamele, in Friedberg schwingt Elvis die Hüften, in ZDF-Mainz lächeln Mainzelmännchen. Trier erinnert augenzwinkernd an den rauschebärtigen Karl Marx. Der veränderte die Welt, Mennen Lichtzeichensignalanlagen.

Im Dialograum an der Grapengießerstraße leuchtet es nicht nur, es funkelt. Weil ein Feuerwerk das Himmelsgewölbe der Ideen schmückt, hat die Stadt den Mietvertrag verlängert. Clever, da haben wir im Sinne der Innenstadtbelebung nur 50 und nicht 51 Leerstände. Wenn das kein Erfolg ist. Egal, Verwaltung möchte bürgernäher sein. Da nimmt man sich Themen vor und entwickelt Lösungen. In der LZ lesen wir: "In Frankfurt am Main werden Mieter auf dem Markt durch eine Mietpreisbremse und einen qualifizierten Mietenspiegel besser gestellt. Die Stadt Landau (Rheinland-Pfalz) hat ein aus Lüneburger Sicht interessantes Instrument gegen den Wohnungsleerstand, eine Zweckentfremdungssatzung: Wer dort eine Wohnung leer stehen lässt oder beispielsweise als Gewerbefläche nutzt, muss Geld zahlen. Bis zu 50.000 Euro."

Das ist toll, macht Lüneburg bereits. Mein Vermieter hat mit einem qualifizierten Mietspiegel begründet, meine Miete um 20 Prozent zu erhöhen. Wenn der Hausbesitzer jetzt weniger darbt — richtig, man muss latente Armut auch bei Wohlhabenden im Blick haben.

Eine Zweckentfremdungssatzung gibt es seit Jahren in Lüneburg, bestätigt das Rathaus. Nachfrage, wie oft wurde sie angewandt? Antwort: "Sobald uns Hinweise auf Zweckentfremdung von Wohnraum vorliegen, wird denen nachgegangen.“ Wie oft solche Hinweise eingingen, könne man nicht sagen. Die zuständige Kollegin sei im Urlaub.

Welch ein beeindruckender Dialog. Was sind das für Bürgerexperten? Sitzt niemand aus der Verwaltung dabei, der so etwas weiß? Warum nicht? Eine muckelige Kaffeerunde scheint Luftballons aufzublasen -- am Ende pfffft.

Bleiben wir zukunftsgewandt und optimistisch. Die bürgernahe Botschaft aus Dialograum, Rat und Rathaus leuchtet: Wir sind auf der richtigen Seite. Welche das auch sein mag.

Was bleibt? Vorsicht an der Ampel. Nicht übermütig werden, bei rot lieber stehen bleiben. Was sagt Grün dazu? Alles belanglos? Denken wir mit dem Bauhau-Architekten Walter Gropius das, was selbstverständlich ist: „Bunt ist meine Lieblingsfarbe.“ Carlo Eggeling

© Fotos: ca


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