Lüneburg, am Freitag den 13.02.2026

Jungheinrich macht Produktion dicht — hohe Abfindungen nach Streik

von Carlo Eggeling am 13.02.2026


Jungheinrich schließt die Produktion in Lüneburg, der lange Streik macht es teuer für das Unternehmen. Das sind die Presseerklärungen dazu:

IG Metall NDS-LSA: Tarifeinigung bei Jungheinrich in Lüneburg – Hohe soziale Absicherung nach 85 Tagen Arbeitskampf, Schließung bleibt wirtschaftlich falsch

Nach 85 Tagen Streik steht die Tarifeinigung bei Jungheinrich am Standort Lüneburg. Die Produktion wird zum 31. März 2027 eingestellt. Für die rund 160 betroffenen Beschäftigten konnte ein umfassendes Paket zur sozialen Absicherung durchgesetzt werden. Die IG Metall bewertet das Ergebnis als substanziell – hält die Schließung eines profitablen Werks jedoch weiterhin für wirtschaftlich falsch und fatal.

Die Produktion in Lüneburg war wirtschaftlich tragfähig. Ein Zukunftskonzept des Betriebsrats, das im Verhandlungsverlauf erläutert worden ist, lag vor und hätte die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts weiter gestärkt. Dennoch blieb das Unternehmen bei seiner Entscheidung. Aus Sicht der IG Metall folgte diese erkennbar einer konzernstrategischen Linie. Bereits früh zeichnete sich ab, dass der Arbeitgeber keinen Präzedenzfall zulassen wollte, der eine grundlegende Neubewertung der Standortpolitik bedeutet hätte.

„Wir sprechen bei Jungheinrich in Lüneburg nicht über einen Sanierungsfall, sondern über die Aufgabe einer profitablen Produktion“, erklärt Lennard Aldag, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Celle-Lüneburg. „Die Entscheidung war nicht durch akute wirtschaftliche Zwänge getrieben, sondern Teil einer strategischen Neuausrichtung des Konzerns.“

Der unerbittliche Arbeitskampf der Belegschaft öffnete die Möglichkeit für ein umfassendes Paket an sozialer Absicherung. Vereinbart wurden ein Interessenausgleich, ein Sozialplan sowie ein ergänzender Sozialtarifvertrag. Der Sozialplan sieht einen Abfindungsfaktor von 1,35 Bruttomonatsgehältern vor. Für Unterhaltspflichten, Alleinerziehende, Pflegende und schwerbehinderte Beschäftigte sind zusätzliche Zahlungen von jeweils 5.500 Euro vorgesehen.

Für Mitglieder der IG Metall erhöht ein tariflicher Zusatzfaktor von 0,35 den Gesamtfaktor auf 1,7. Die Zusatzbeträge steigen für Metallerinnen und Metaller um weitere 1.500 Euro. Ergänzend wurde eine neunmonatige Transfergesellschaft vom 1. April bis 31. Dezember 2027 vereinbart. Während dieser Zeit erhalten die Teilnehmenden 80 beziehungsweise 87 Prozent ihres letzten Nettoentgelts. Außerdem wird die Transfergesellschaft mit einem Qualifizierungs- und Coachingbudget in Höhe von 5.000 Euro pro Beschäftigten, der in die Transfergesellschaft wechselt, ausgestattet.

„Ein Gesamtfaktor von 1,7 und eine anschließende Transfergesellschaft liegt unter heutigen Bedingungen deutlich über dem Durchschnitt“, so Aldag. „Dieses Volumen im zweistelligen Millionenbereich ist das Ergebnis eines der längsten Arbeitskämpfe in Niedersachsen seit vielen Jahrzehnten.“

Florian Rebstock, Gewerkschaftssekretär der IG Metall Celle-Lüneburg und Streikkoordinator vor Ort, hebt die besondere Dynamik dieses Arbeitskampfs hervor: „Der Arbeitgeber wollte deutlich geringere Konditionen durchsetzen. Dass wir dieses Niveau erreicht haben, ist ausschließlich der Entschlossenheit der Kolleginnen und Kollegen zu verdanken. In 85 Tagen Streik ist eine Familie entstanden. Aus Kolleginnen und Kollegen sind Freundinnen und Freunde geworden. Man hat gemeinsam gefroren, diskutiert und gekämpft. Diese Solidarität trägt – und sie wird bleiben.“

Die Industriegewerkschaft verweist zudem auf eine grundsätzliche Lücke im Ordnungsrahmen: Bestehende Mitbestimmungsrechte reichen nicht aus, um die Schließung wirtschaftlich gesunder Standorte zu verhindern. „Wenn profitable Produktionen aufgegeben werden, fehlen wirksame Instrumente, um solche unternehmerischen Entscheidungen zu stoppen“, kritisiert der Gewerkschafter.

Die Konstruktion und Administration mit 125 verbleibenden Stellen bleibt formal bestehen. Wertschöpfung, Kaufkraft und industrielle Kompetenz gehen in Lüneburg dennoch verloren. Trotz des materiell starken Ergebnisses bleibt die Lage für die Region angespannt. „Kein Sozialplan ersetzt Arbeitsplätze“, stellt Metaller Aldag klar. „Für die Betroffenen, ihre Familien und den Wirtschaftsstandort Lüneburg ist das ein harter Einschnitt.“

Abschließend hält die IG Metall die Schließung der Produktion in Lüneburg weiterhin für strategisch fragwürdig und ökonomisch nicht überzeugend. Gleichzeitig steht fest: Die Belegschaft hat unter schwierigen Bedingungen ein überdurchschnittliches Absicherungsniveau durchgesetzt. Die betriebliche Tarifkommission empfiehlt die Annahme des Ergebnisses Die Mitgliederversammlung hat am Abend des 12. Februars beschlossen, den Arbeitskampf zu unterbrechen und eine zweite Urabstimmung zur Beendigung des Streiks einzuleiten.

Auf eben jener Mitgliederversammlung am Donnerstagabend wurde zudem die tiefe Enttäuschung vieler Beschäftigter über das Auftreten der Lüneburger Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch deutlich. „Es gibt erheblichen Unmut darüber, dass sich die Oberbürgermeisterin unmittelbar vor der Aufnahme entscheidender Verhandlungen öffentlich an die Seite des Arbeitgebers gestellt hat“, berichtet IG Metall-Bevollmächtigter Aldag aus der Versammlung. „Viele Kolleginnen und Kollegen empfinden das als mangelnde Rückendeckung in einer existenziellen Auseinandersetzung. Dieses Signal hat Vertrauen gekostet – und das wird man nicht einfach vergessen.“

Auch die öffentlich kommunizierte „Rettung von Arbeitsplätzen“ wird von der Belegschaft kritisch hinterfragt. „Der Arbeitgeber selbst hatte in seiner ursprünglichen Planung den Erhalt der Konstruktion in Lüneburg vorgesehen. Genau dieser Bestand findet sich nun im Interessenausgleich wieder – mit exakt den 125 Stellen, die der Betriebsrat bereits zu Beginn berechnet hatte“, stellt Aldag klar. „Eine rechtlich verbindliche und langfristige Beschäftigungsgarantie wollte Jungheinrich jedoch ausdrücklich nicht zusagen.“ Vor diesem Hintergrund sei es schwer nachvollziehbar, welchen substanziellen Fortschritt die Stadtspitze für sich reklamiere. „Wir fragen uns, worin der konkrete Mehrwert dieser Intervention bestanden haben soll, außer in öffentlichkeitswirksamen Bildern“, so der Lüneburger Gewerkschafter abschließend.

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IG Metall NDS-LSA: Gemeinsame Erklärung von IG Metall und Jungheinrich AG zum Tarifabschluss für den Standort Lüneburg

Nach mehr als 80 Tagen intensiver Tarifauseinandersetzung haben die IG Metall, Betriebsrat und die Jungheinrich AG einen Abschluss erzielt. Der Einigung ging eine viertägige, intensive Verhandlungsphase voraus. Am Freitag, den 13. Februar 2026, mündeten diese Gespräche in der Unterzeichnung sozialverträglicher Vereinbarungen, welche insbesondere die Interessen der langjährigen Mitarbeitenden berücksichtigen. Die Einigung umfasst einen Interessenausgleich, einen Sozialplan und einen Sozialtarifvertrag. Die Vereinbarungen sehen unter anderem Regeln zu Abfindungen und zur Gründung einer Transfergesellschaft vor. Diese soll den betroffenen Mitarbeitenden durch Qualifizierung, Coaching und Vermittlung helfen, in den kommenden rund zwei Jahren neue beruflichen Perspektiven im ersten Arbeitsmarkt zu finden.

Mit dieser Vertragsunterzeichnung ist die Tarifeinigung vorbehaltlich der Zustimmung der Mitglieder der IG Metall in einer zweiten Urabstimmung vorläufig vollzogen und zugleich ein lang andauernder Konflikt in geordnete Bahnen überführt worden.


© Fotos: IG Metall


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