Lüneburg, am Sonntag den 11.01.2026

Kommt so unvermittelt. Winter

von Carlo Eggeling am 10.01.2026


Meine Woche
Katastrophe. Oder Winter?

Immer wieder Katastrophe. In Berlin, weil ein paar Irre das Stromnetz so beschädigen, dass Tausende ohne Energie und Heizung dasitzen. Ruck zuck ist der Skandal da: Der Regierende Bürgermeister hat eine Stunde Tennis gespielt, war aber zu erreichen. Geht gar nicht, finden die Besorgten. Er hätte gegen die Krise kämpfen müssen. Aha. Er hatte das Telefon dabei. Was hätte er tun sollen, Kohlen schippen? Das wäre der nächste Skandal gewesen, ökologisch bedenklich. Völlig egal, ob Kai Wegner eine Stunde am Netz aufschlägt, das ändert nichts. Das Problem liegt darin, wie schnell Infrastruktur angreifbar ist. Wäre das Thema.

Wir haben Katastrophe. Ich hoffe, seit gestern ist niemand an Entkräftung verschieden, weil's so geschneit hat. Es soll Einkäufe verzweifelter als zu Weihnachten gegeben haben. Leere Regale. Erbarmen. Im Supermarkt meines Vertrauens war alles vorhanden. Ich hab's geschafft. Dabei hatte ich mit einigem gerechnet: Eisbären im Liebesgrund, Pinguine am Kreidebergsee, Schlittenhundegespanne, die mir die Vorfahrt nehmen.

War das Klimawandel oder nur Wetter?

Busse und Bahnen fuhren nicht, der Müll wurde nicht abgeholt. Live-Ticker, die so gewichtig daher kommen wie Schneeflocken. Bei der Polizei gab es Anrufe so gar überregionaler Sender wegen Pillepalle-Unfällen, damit man angekündigte Katastrophe katastrophal schildern konnte. Ansonsten ein bisschen zerknautschtes Blech.

Irgendwie doof, wenn man sich als medialer Prophet so verzettelt. Wetter-Mann Jörg Kachelmann stellte die Frage, ob es sinnvoll sei, Katastrophen zu konstruieren, was machen wir, wenn es tatsächlich richtig dicke kommt? Glaubt noch einer an die Vorhersagen?

Zehn Zentimeter Schnee im Winter. Wahnsinn.Kann es sein, dass es eher darum geht, dass Räumdienste auf Straßen und Schienen reduziert wurden. Wie in Berlin stimmt die Infrastruktur nicht. Politisches Thema.

Vorhersagen. Das sind wir bei der kreiseigenen Gesellschaft Moin. Busverkehr in einer neuen Dimension wurde versprochen, von der Politik, der Verwaltung, der Zeitung. Am 1. Januar liefen Protagonisten des ÖPNV auf, um einem Mann, der lange Silvester gefeiert hatte, als ersten Fahrgast zu begrüßen. Moin, Prost.

Am ersten Tag des wirklichen Betriebs, am Montag, fehlte ein Begrüßungskomitee. Das hätte man als Kunde gern gefragt, wo sind die bargeldlosen Karten, die uns in die neue Dimension des Reisens katapultieren. Karten- und Fahrplansysteme sind nicht mit anderen Anbietern verzahnt, an Bussen fehlen Linienbezeichnungen. Fahrer orientieren sich am Navi, das funktioniert aber nicht immer, Kunden stehen irgendwo. Der einzige Info-Punkt der Moin am Bahnhof war wegen technischer Schwierigkeiten geschlossen. Ansprechpartner am Sand und am ZOB, wo Chauffeure mal hier mal da stoppen, Fehlanzeige. Am nächsten Tag machte Moin nicht unbedingt Schule, nicht nur wegen des Winters, sondern weil auch hier offenbar einigen Kollegen die Orientierung fehlte, wie aus zig Zuschriften im Netz hervorgeht.

Landrat Jens Böther macht Urlaub, den kann der CDU-Politiker nicht für ein paar Worte unterbrechen. Auch sonst tritt niemand aus der Chefriege an, um den gelinde gesagt nicht besonders glücklichen Start zu kommentieren und zu erklären, wie es weitergeht.

Gleiches Spiel in der Politik. Der Vorsitzende des Mobilitätsausschusses will den Start der Moin im Ausschuss bilanzieren, ein Blick auf den Kalender sollte dem Sozialdemokraten Jakob Blankenburg zeigen -- das dauert mehr als einen Monat. Warum keine Sondersitzung? Wo bleiben die anderen Parteien, wo der Aufsichtsrat? Der Grüne Olli Glodzei meldet sich, die Politik habe zu sehr aufs Tempo gedrückt. Immerhin. Einer erkennt ein bürgernahes Thema.

Ach ja, fast vergessen, die Gesellschaft Moin besitzt einen Geschäftsführer. Nikolas Wenzel hatte öfter in der Zeitung erzählt, wie doll und toll er mit seinem Team alles vorbereitet. Wenzels Erzählungen, man weint beinahe: Die vergangenen Monate seien hart gewesen, Zeitdruck, Höhen und Tiefen, enormer Einsatz aller Beteiligten. Nun sei er stolz, das "bestmögliche Angebot auf die Straße zu bringen“. Was erwartet uns da noch? Es liegt nicht an den Fahrern, sondern offensichtlich an der Konstruktion dahinter.

Wo ist Nikolas Wenzel? Hat er kein Prepaid-Ticket bekommen, die richtige Linie mangels fehlender Anzeige nicht gefunden, ist er falsch ausgestiegen? Wahrscheinlich erwarte nur ich, dass der Mann, der als Chef verantwortlich zeichnet, sich hinstellt, Prügel einsteckt und sagt, wie es weitergeht. Ich habe nachgefragt im Kreishaus und bei der Moin: Aktuell sei keine Pressekonferenz geplant. Ich würde sagen, das Konzept der Öffentlichkeitsarbeit scheint ebenso gut geplant wie der Start der neuen Mobilitätsoffensive im Kreis. Moin.

Um die Ecke geht es weiter um Mobilität, der alte Bahnhof in Amelinghausen. Die Gemeinde will ihn umbauen, Jugendarbeit, ein Kiosk für Pendler, wenn die Bahn tatsächlich wieder regelmäßig von Lüneburg Richtung Soltau fährt.

In der Zeitung war von Gemeinderatssitzung zu lesen. Wie Kai aus der Kiste hüpfte plötzlich Claudia Kalisch in die Zeilen. Die ist seit mehr als vier Jahren keine Verwaltungschefin mehr im Heidedorf, sondern leitet das Lüneburger Rathaus. Im Ort rieben sich einige verwundert die Augen, denn die Grüne habe nichts mehr mit dem Thema zu tun und damals habe sie kaum etwas dafür getan. Der Artikel hingegen schenkt ihr eine maßgebliche Rolle. Welche Zufälle es in Zeiten des angeblich noch nicht begonnenen Wahlkampfes geben kann.

Oder kein Zufall? Aus dem großen Verlagshaus und von anderer Seite ist zu hören, die Kalisch-Absätze seien nachträglich in den Beitrag montiert worden, ohne Wissen des Autors. Aus einer Glühwein-Sympathie heraus. Es ist doch schön, wenn Journalisten nicht nur Katastrophe können, sondern positiv handeln. Wahrscheinlich muss ich konstruktiven Journalismus so verstehen.

Selbstverständlich ist das nur eine gemeine Erzählung der Politik. So belastbar wie der Dampf eines Glühweins. Auf Katastrophen ein Heißgetränk. Wenn es noch eins gibt bei diesem Winter. Carlo Eggeling

© Fotos: ca


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