Lüneburg, am Montag den 20.04.2026

Kurt Mehner holte Spanien nach Lüneburg — ein Abschied

von Carlo Eggeling am 20.04.2026


Im Straw spielen sie Black Beat. „Die Neger legen ihre ganze Seele in die Lieder", weiß Disc-Jockey Kurt Mehner. Während man heute schon schief angeguckt wird, wenn man Negerkuss sagt, war das 1967 in der gerade eröffneten Discothek ganz anders. Rhythm 'n' Blues, Funk, Soul. Black is beautiful. Ein Lebensgefühl. Ein Aufstand gegen eine beengende zeit. Jeden Tag bekommt Kurt Platten aus England, und damit ist er ein kleiner König. Kurt gehörte zu denen, die die Kneipenszene prägten, aus der später "der Stint" wurde. Jetzt ist er im Alter von 85 Jahren gestorben. Zurückgekehrt nach langen Jahren in Spanien in seine Heimatstadt Buxtehude.

Das Straw Auf dem Kauf, das im Sommer 1967 öffnet, ist einer der Läden, in die man in Lüneburg muss. Es gibt noch das Blow up am Altenbrücker Ziegelhof. Auch so ein Hippie-Schuppen. In Zeiten, in denen Eltern nicht mehr Eltern, sondern Freunde ihrer Kinder sein wollen und Widerstand gar nicht mehr nötig scheint, kann man sich Musik als Rebellion gar nicht mehr vorstellen. Kurt lebte sie. Als Musiker, DJ, Wirt des Straw und der Bodega.

Es gibt ein paar, die sich erinnern und erzählen. Gila Günaldi ist die Tochter von Kurts Partnerin Helga. "Kurt wurde in Buxtehude geboren", erzählt Gila. Er griff früh zur Gitarre. Mit seinem Bruder und Freunden spielten sie in einer Band, es ging in Läden, die angesagt waren, in den Kaiserkeller zum Beispiel, wo auch die noch kaum bekannten Beatles auftraten. Später trieb es Kurt nach Spanien, an die Costa Brava, eine lebenslange Verbindung. Auch dort lebt er von und mit Musik, Trio Mistral hieß die Band.

Irgendwann kommt er zurück nach Deutschland und eben nach Lüneburg. Thomas Sander, ein ewiger Freund, erinnert sich an den DJ im Straw bei Wirt Horst Stellamanns. "Der verkaufte den Laden an einen Typen aus Hankensbüttel, der mit einem Jaguar unterwegs war. Der hat sich zu Tode gefahren." Im Straw soll es weitergehen. Kurt und Arthur Riechelmann übernahmen, später Kurt alleine. "Ich habe erst als Türsteher da gearbeitet, später am Tresen."

Gleich neben dem Eingang liegt die "Teestube", getrunken wird anderes. Geraucht auch. Eher Substanzen, die fröhlich machen. "Unter der Woche lief es mäßig", sagt Thomas. "Aber am Wochenende haben wir gut verdient." Es gibt eine Truppe, mit der man schnell Ärger bekam, gefährlichen Ärger. Den hat Kurt: "Er ist nach Spanien geflüchtet." Thomas führt die Geschäfte.

Die Lage beruhigt sich. Kurt kehrt zurück. Um 1972 ist Helga die Frau an Kurts Seite. Sie hat ein kleines Mädchen: Gila. "Ich bin mit Kurt groß geworden." Und mit dem Stint. Sie lacht: "Ich weiß noch, ich war wohl fünf, da haben sie mich losgeschickt, um bei einem Kollegen Würfeleis zu holen. Ich mit zwei Eimern." Ihr leiblicher Vater, Jürgen Dreger, und Kurt seien gut miteinander ausgekommen: "Sie waren Freunde." Immer wieder geht‘s nach Spanien, inzwischen in ein eigenes Haus.

Anfang der 1980er Jahre soll es etwas Neues sein. Thomas hilft, schräg gegenüber Am Werder ein Haus zu mieten. "Da war ein Antiquitätenladen drin." Nach zig Wochen Renovierung eröffnet um 1983 die "Bodega". Natürlich spanisch, Küche, Kaffeespezialitäten, Weine und Brände. Kurt und Helga hinterm Tresen. Legende, dort Abende ausklingen zu lassen. Ich war oft dort, nach meiner Kneipenschicht im Schallander. Treffpunkt des Nachlebens. Der schöne Max in seinem Ledermantel gehört dazu, der sein Geld auch mithilfe von "Freundinnen" verdient, aus der Nachbarschaft eine Arztfamilie und ein Fahrlehrer. Und eben wir, die wir aus den Kneipen am pulsierenden Stint. der noch abgewetzt und nicht touristenschnieke ist, den Feierabend mit einem letzten Bier feiern.

Das Straw läuft weiter. Thomas kümmert sich. Es sei nicht immer einfach gewesen mit Kurt. Der habe sich kaum um die Disco mit ihrem legendären "Markttag" geschert; Donnerstags kostet das Bier eine Markt. Er habe im Straw mit Winne Marx, auch ein Ewiger der Gastro-Szene, gearbeitet. Dann sei Schluss gewesen. Der Hausbesitzter will das Gebäude umbauen, es folgt das "September", das es noch heute gibt. Mit einer Abschiedsparty samt "Absauf" sickert die Geschichte aus wie Leck-Bier.

Winne wechselt in die Bodega. Kurt und Helga, mit strahlendem Lächeln und Charme. Wenn er Laune hat, holt Kurt die Gitarre raus, singt kehlig. Katalonien besitzt eine Botschaft im kühlen Norden. Doch die südliche Sehnsucht nach Sonne und Mittelmeer bleibt, immer wieder fliegen die beiden samt Tochter nach Spanien.

1987 ist es soweit. Sie geben die Bodega ab. Winne, ein Mann, dem die Küche zur Heimat und kulinarische Kunst zur Herzensangelegenheit macht, übernimmt Spaniens Dependance gemeinsam mit dem inzwischen verstorbenen Peter Busch.

Kurt und Helga leben im Süden. Gila sagte: "Sie haben eine Kneipe und Disco gehabt für ein gutes Jahr." Kurt arbeiten dann als Handwerker. "Sie waren glücklich, und Kurt war im Herzen Spanier." Natürlich mit Gitarre. Er hatte Gila Schlaflieder auf den Saiten gesungen, später schlummern die Enkel so ein.

Vor zwei, drei Jahren kamen sie zurück, es ging in die alte Heimat Buxtehude zur Familie. "Ich habe mir das gewünscht, auch wegen der Enkel und Urenkel", erzählt Gila, die mit ihrem Mann in Salzhausen ein Bistro führt. Die Nähe habe nicht nur vieles einfacher gemacht, sie sein ein großes Glück für alle gewesen. Und nun sei es gut, dass "Mama" bei der Familie sei. Denn Kurt fehlt. Nicht nur der Familie.

Beerdigen wollen sie Kurt Mehner neben Gilas leiblichen Vater auf dem Zentralfriedhof im engen Kreis. Doch es soll einen Abschied mit Freunden geben. Dazu laden sie ins Schallander ein. Auch eine Straw-Verbindung. Ex-Wirt Manni Vogt hat seine Gastro-Karriere natürlich in der legendären Disco Auf dem Kauf begonnen, Gila hat hier mal gekellnert.

Am Sonntag, 3. Mai, 18 Uhr treffen sich Freunde im Schalli. Carlo Eggeling

© Fotos: Familie


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