Lüneburg, am Mittwoch den 21.01.2026

Lauter Chancen zur OB-Wahl

von Carlo Eggeling am 20.01.2026


Strategie und Taktik -- Wahlkampf vor dem Wahlkampf

Die Linke erhöht gerade ihren Marktwert im politischen Geschäft: Die Partei stellt Thorben Peters als OB-Kandidaten auf. Der hat zwar wenig Chancen, tatsächlich ins Rathaus einzuziehen, aber der Chef der Herberge plus steht für eine engagiertere Sozialpolitik als die bislang aus dem Rathaus zu erkennen ist. Durch seinen Job ist Peters bekannt in der Stadt. Obdachlosigkeit, dazu die Begleiterscheinungen zunehmende Elends am Sand, an der Grapengießerstraße, am Lambertiplatz und im Wasserviertel machen ihn zum Ansprechpartner nicht nur der Medien. Es habe keinen anderen Bewerber gegeben, heißt es aus der Partei. Damit muss anderen klar gewesen sein, dass die eigenen Aussichten bescheiden gewesen wären. Peters ist neben der amtierenden Claudia Kalisch von den Grünen und Frank Soldan von der FDP der dritte, der das Ruder in die Hand nehmen will. Andere Parteien tun sich schwer. Und dann ist da noch ein Parteiloser.
Zwar hatte die Linke vor fünf Jahren ebenfalls einen Kandidaten aufgeboten, doch Michèl Pauly hat die Genossen inzwischen verlassen und will nun für Volt antreten. Die Bedeutung der Linken ist gestiegen, die haben ihre Mitgliederzahl im Kreis in den vergangenen Jahren nach eigenen Angaben auf rund vierhundert nahezu vervierfacht. Den Grünen haben die Sozialisten einen Teil der Jugend abgenommen, Heidi Reichinneck ist witziger und griffiger als zwei grüne Vorsitzende, bei deren Namen man überlegen muss und die im Vergleich mit den ehemaligen Stars Annalena Baerbock und Robert Habeck in der Bedeutung überschaubar ausfallen.
Mehr Mitglieder, engagiertere Leute. Die nächste Fraktion der Linken im Stadtrat dürfte eine andere Rolle spielen als in den vergangenen Jahren. Studentinnen, die inklusive Auslandsaufenthalt Lokalpolitik eher als Episode und Pluspunkt im Lebenslauf verstanden, dazu irrlichternde Ratsmitglieder, die inhaltlich wenig bis nichts beizutragen hatten, machten Fraktionschefin Marianne Esders weitgehend zur Einzelkämpferin, die sozialpolitische Anträge in Serie stellt. Mit dezidierten Fragen und Forderungen, die im Sozialdezernat für Arbeit sorgen dürften.
Bei allem Engagement hat die Politikerin, die in ihrer Partei bundesweit unterwegs ist, nicht nur Fans. Unvergessen ist, dass sie vor einem Jahr für den Bundestag kandieren wollte, aufs Schild gehoben wurde, dann aber wegbrach aus gesundheitlichen Gründen -- Thorben Peters sprang bei Terminen für Esders ein.
Beide schärfen jedoch das Profil der Linken -- eben links, wo man sich stets auf Seiten der Mühseligen und Beladenen wähnt. Sind wir beim Marktwert.
SPD und CDU betonen immer wieder, sie würden OB-Kandidaten benennen, aus beiden Lagern heißt es, man habe Absagen kassiert, führe jedoch Gespräche. Die traditionsreichen Schlachtrösser dürfen nach eigener Wahrnehmung nicht ohne Reiter durch die Schranken reiten. Da sich bislang niemand in den Sattel setzte, zeigt es, dass Bewerber sich nur wenig Fortune ausrechnen, den Turnierplatz als Gewinner zu verlassen.
Claudia Kalisch hat den Wahlkampf längst gestartet, unter anderem hat sie neben vielen Meldungen aus der Rathauspressestelle ihren persönlichen Facebook-Account mit einem eher jugendlichen Bild mit Mähne und Lederjacke reaktiviert. Viele Lüneburg-Bilder, auch wenn sie neulich Kreide- und Kalkberg als Aussichtsplattform verwechselte, soll es die Verbundenheit mit der Perle der Heide zeigen. Ein Geschäft, das Wahlkämpfer ewig kennen: Viel Präsenz macht bekannter, vertrauter, wählbarer.
Interessanter ist der Ansatz, sich bei anderen Parteien, also der Konkurrenz, zu zeigen. Gestern Abend beim SPD-Neujahrsempfang mit Generalsekretär Tim Klüssendorf im Libeskind-Bau schüttelte die Oberbürgermeisterin Hände und saß im Publikum. Ein möglicher Bündnispartner, wenn es nach der Wahl im September zum Stechen kommt? Einige Sozis rollten mit den Augen, andere fanden's schön.
Gleiches Spiel mit der CDU. Auch da war sie zu Gast. Und dann der Lions-Ball, bei dem sie samt Partnern mit CDU-Landratskandidat Steffen Gärtner für ein lustiges Hütchen-Bild posierte. Es soll ja mal Gespräche zwischen Grünen und Schwarzen zu einer möglichen Zusammenarbeit gegeben haben: Christdemokraten bescheren Kalisch wenigstens einen Erfolg und sperren sich nicht mehr, aus dem Marienplatz eine grüne Oase zu machen, dafür unterstützen die Grünen Gärtner bei der Landratswahl.
Wurde nix, Gärtner hat andere Verbündete. Zudem ergaben Nachfragen bei Christdemokraten: Auf keinen Fall mit Claudi und den Grünen. Die seit Monaten klare Linie von CDU-Stadtverbandsvorsitzendem Heiko Eggers ist weiterhin Maxime. Die Fotos vom Lions-Ball, die andere Lager interessiert zur Kenntnis nahmen, nimmt man bei den Schwarzen mit schwarzem Humor, allenfalls lustig, null Aussage.
Damit sind wir bei der Glaskugel. Wer könnte im Herbst um Stimmen werben? Die Grünen mit Claudia Kalisch, die Linke mit Peters, die FDP mit Soldan, sollten CDU und SPD tatsächlich noch mit Kandidaten kommen, wäre überdies noch mit Heiko Meyer zu rechnen, der beim vergangenen Mal als Parteiloser antrat. Die AfD will nach eigener Aussage niemanden aufstellen.
Die Grünen haben in der Stadt ein Fundament von um die 20 Prozent der Wählerstimmen. Kalisch dürfte aufgrund ihrer Bekanntheit mehr bekommen. Die anderen Einzelkandidaten könnten dahinter liegen. Meyer, der lange Zeit darauf setzte, als gemeinsamer Kandidat von CDU und SPD ins Rennen zu gehen, könnte eben auch aufgrund seiner Bekanntheit als ewiger Vorsitzender der Handelsorganisation LCM knapp hinter Kalisch landen. Das Kalkül dann: Andere Parteien bis auf die Linke versammeln sich hinter ihm. Dann wäre es der gleiche Showdown wie vor fünf Jahren.
Die Linke wird mutmaßlich eine Zusammenarbeit mit den Grünen anstreben. Den Marktwert hat sie erhöht. Klingt nach einem Plan. Und Heiko Meyer kann abwarten, was die anderen zu Stande bringen. Klingt auch nach einem Plan. Carlo Eggeling

© Fotos: ca


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