Lebenshilfe praktisch — vom Glück für andere dazu sein
von Carlo Eggeling am 22.05.2026Klar, freut sie sich über die Auszeichnung. Doch eigentlich wäre es gut, wenn damit ein Scheck über beispielsweise 5000 Euro verbunden wäre, den man für ein Herzensprojekt weitergeben könnte. Ehrenamt braucht immer Bares. Dagmar Pitters weiß das bestens, seit 2002 engagiert sie sich als Vorsitzende für den Verein Lebenshilfe Lüneburg, der sich inzwischen mit den Partnern im Landkreis Harburg zusammengeschlossen hat. Am Freitag hat ihr Landrat Jens Böther im Auftrag des Bundespräsidenten "Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland".
Auch wenn die Lebenshilfe ein soziales Unternehmen ist, das mit Frühförderung, Kitas, Werkstätten, Wohnangeboten und ambulanten Diensten in der Region mehr als 2100 Menschen mit und ohne Beeinträchtigung begleitet sowie Arbeitgeber für gut 1000 Beschäftigte ist, steht dahinter ein Verein. Der bestimmt mit, wie sich die Organisation entwickelt.
Geschäftsführerin Inge Seiler-Päpper würdigt Dagmar Pitters: "Sie hat die Lebenshilfe gemeinsam mit anderen über fast ein Vierteljahrhundert mitgeprägt und gemeinsam mit ihren Mitstreitern in Kontinuität weiterentwickelt." Böther sprach in seiner Laudatio anerkennend: "Für Frau Pitters ist Ehrenamt keine Aufgabe nebenbei. Es ist Ausdruck ihrer Haltung gegenüber anderen Menschen und
gegenüber unserer Gesellschaft."
In Betroffenheit liegt oft der Grund, sich für andere einzusetzen. So war es bei Dagmar Pitters. Zwei ihrer vier Kinder leben mit Handicaps und gingen unter anderem zur Frühförderung der Lebenshilfe. Bei einem Elternabend war ihr klar: "Ich setze mich ein." Sie trat die Nachfolge Renate Börners an, die eben auch über das Schicksal ihres Sohnes in den 1960er Jahren zur Lebenshilfe kam und mit anderen Grundlagen in Lüneburg dafür schuf, was heute ein solides Fundament bildet. Frau Börner starb vor ein paar Monaten hochbetagt -- noch im Alter engagiert und streitbar.
"Hätte ich damals geahnt, was ich von Renate Börner übernehme, weiß ich nicht, ob ich das Amt übernommen hätte", sagt die 64-Jährige. Sie hat Erzieherin gelernt, Sozialarbeit studiert, in der Psychiatrischen Klinik gearbeitet. Gut ausgelastet. Doch das Ehrenamt hat vieles verändert, persönlich und beruflich. Heute arbeitet Dagmar Pitters selbständig, hat Fortbildungen durchlaufen, Coaching, Betreuung, Beratung.
Sie sie gibt Seminare. Ein High light für sie: Seit Jahren fährt sie im Sommer mit auf eine Freizeit, die der Verein Lebenshilfe und eine Stiftung für Geschwisterkinder anbieten. Das das Projekt Geschwisterkinder ist ihr "Baby", gestartet selbstverständlich aus eigenem Erleben. In einer Familie mit einem oder mehreren Kindern mit Einschränkungen, müsse sich viel um diese Mädchen und Jungen drehen: "Das ist auch für das Geschwisterkind eine Herausforderung." Es gehe ums Zuhören, die Besonderheit aller Kinder zu sehen -- und zu fördern.
Man könnte sagen: zu nutzen. Sie sieht eine Behinderung nicht als Behinderung, sondern als Herausforderung und Chance. Sich auf den anderen einzustellen, sich aber auch abzugrenzen. Krisen gehörten zum Leben dazu, sie zu bestehen, einen anderen Blick zu entwickeln, das sei letztlich ein Geschenk. Im Geschwisterkind-Projekt wachse der Wunsch, dass eine junge Generation Verantwortung übernimmt, denn die Älteren hören schließlich irgendwann auf. Wie es immer ist.
Beschenkt fühlt sie sich. Wenn zum Frühstück der Ehrenamtlichen mehr als 130 Teilnehmer kommen, zeige das, wie viel Mitgefühl und Einsatz in der Gesellschaft vorhanden seien. Von jung bis alt: "Da sitzt eine 95-Jährige, die für uns Socken strickt." Über die Jahre sei ein riesiges Netzwerk gewachsen: "In meinem Telefonbuch stehen zig Nummern, die ich anrufen kann, wenn ich Hilfe brauche. Und ich stehe in vielen Telefonbüchern -- das basiert auf Gegenseitigkeit."
In den Jahren habe sich viel geändert. Auch in den Familien. Sie habe Eltern erlebt, die ihre Kinder sehr beschützten und glaubten, sie vor einer Welt bewahren zu müssen in der gelte: Nur wer etwas leistet, ist etwas wert. Da habe sich viel gewandelt, auch in der Lebenshilfe selbst: Mit Unterstützung können Defizite kleiner werden, das befördere ein selbstbestimmtes Leben. Ihr Sohn sei ein Beispiel, der habe seit Jahren eine Stelle im Hausmeisterteam der Gemeinde Adendorf -- mit Kollegen in einem normalen Arbeitsalltag. Außerhalb der eigentlichen Lebenshilfe, Inklusion ganz selbstverständlich.
Mit Sorge blickt die Vorsitzende auf politische Entwicklungen, die Hilfsangebote zurückdrehen wollen. Sich gemeinsam einzusetzen, sei eins ihrer Anliegen. Ihr Beispiel: "Einen Spaghetti können Sie schnell brechen, ein ganzes Pfund nicht so leicht." Es passt dazu, dass sich verschiedene soziale Organisationen gerade positionieren -- für ein Menschenrecht und das Grundgesetz.
Nach zwei Dutzend Jahren hört Dagmar Pitters im Sommer auf an der Spitze der Lebenshilfe. "Es ist Zeit für andere", sagt sie. Klar, bleibt sie dem Verein verbunden. Freizeiten, Projekte. Eine Menge Ideen. Lesungen stehen an mit dem Fotografen Mathias Mensch und der Journalistin Carolin George, mit denen sie zum 60-jährigen Bestehen der Lebenshilfe das Buch "Glück inklusive" herausgebracht hat. Behindert, na und?
Gäbe es die 5000 Euro zum Bundesverdienstkreuz inklusive, hätte Dagmar Pitters eine Menge Ideen, wo das Geld prima helfen würde. Sie hat zu tun. Carlo Eggeling
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