Lüneburg, am Sonntag den 27.11.2022

LoCarlo: Abschied von einem Lehrer und Freund

von Winfried Machel am 29.09.2022


Er war der Motor der Schuldisco in Kaltenmoor, Tausende tanzten dort über die Jahrzehnte. Er trainierte junge Handballer. Er gehörte zu den Gründern der Lüneburger Kolonie auf Bornholm. Jetzt ist Heiko Dierks gestorben

Jung, wenig Geld, Lust auf Party. Eine Ewigkeit war klar, wo man freitags abends in Kaltenmoor feiern konnte. Im "Schulze", der Disco im Schulzentrum. 1974 ging es los, Schüler wollten am Rosenmontag tanzen. Lehrer Heiko Dierks machte aus der Idee eine Institution, fast vier Jahrzehnte lang, bis die Hauptschule 2011 verschied und die IGS das Erbe antrat. Bis zu 500 Mädchen und Jungen kamen zur Fete in den Keller, in dem anfangs selbst gebaute Lampen aus Ofenrohren die "Lightshow" lieferten, in dem Jugendliche so heiß in Stimmung waren, dass das Wasser an den Wänden lief. Wo eine Menge junger Leute Platten auflegten, die später als DJs weitermachten. Immer war Dierks mittendrin. Tausende Schüler. Jeder kannte Heiko, Heiko kannte jeden. Nun ist es Zeit für einen Abschied. Vergangenen Freitag ist er im Alter von 78 Jahren gestorben.

Ich kann mich an Treffen mit ihm erinnern. Vor 25 Jahren habe ich eine Reportage über den Stadtteil geschrieben und eine Sozialarbeiterin bei ihrer Tour am Freitagabend durch Kaltenmoor begleitet. Selbstverständlich sind wir zur Disco runtergestiegen. Voll, gute Laune, ein stolzer Junge am Mischpult, weil er den Rhythmus vorgab. Ganz anders als sonst im Leben. Doch eigentlich war Heiko Dierks derjenige, der den Rahmen setzte. Groß, breite Schultern, den Handballspieler und Trainer sah man ihm an. Er musste nichts betonen, er besaß Autorität. Die spürte jeder.

Die Sozialarbeiterin redete mit ihm über einen 16-Jährigen, der zu viel kiffte. Das hatten die Lehrer noch nicht mitbekommen. Dierks sagte: "Ich weiß, dass er phlegmatisch ist. Schade, weil er mehr könnte. Den Abschluss wird er wohl nicht kriegen." Er wolle sich kümmern, die beiden redeten in Sachen Drogen über eine Fortbildung für die Lehrer.

Jahre später ging es um den Schulgarten. Irgendwelche Blödköppe hatten das selbstgebaute Gartenhäuschen zerdeppert. Das ging Dierks nahe, weil die Arbeit der Schüler im Wortsinne zertrampelt wurde. Der Garten war ihm eine Herzensangelegenheit. Als er nach fast 30 Jahren aus seiner Wohnung an der Uelzener Straße ausziehen musste und ins Betreute Wohnen an Bülows Kamp wechselte, blühte es an seiner kleinen Terrasse -- es war im Nu grün und bunt.

Heiko Dierks, das war eben auch die Geschichte der Hauptschule in Kaltenmoor. Er hatte zunächst eine Ausbildung in der Stadtverwaltung durchlaufen. Doch das war nichts für den eher unorthodoxen jungen Mann. Auf dem zweiten Bildungsweg absolvierte er ein Lehramtsstudium. Mit der Hauptschule, die 1971 vom Werder in das gerade emporwachsende Hochhausquartier umzog, kam der frisch gebackene Lehrer mit in das Viertel. Zweimal verlängerte der spätere Konrektor seine Dienstzeit, um bis zum Ende der Schule 40 Jahre später dabei zu sein. "Die Schule war sein Leben", sagt seine Tochter Wiebke Groppler. Das sahen auch andere und sagten Danke: 2003 verlieh ihm Oberbürgermeister Ulrich Mädge im Namen des Bundespräsidenten das Bundesverdienstkreuz.

Sich für andere und gerade für junge Leute zu engagieren, das begann früh, nämlich mit Klaus Seelenmeyer, Kunsterzieher und zeitweilig Stadtjugendpfleger. Sein Sohn Django erinnert sich: "Mein Vater hat 1958 eine Jugendreise nach Bornholm organisiert. Heiko war damals schon dabei." Der war 14 Jahre jung und Betreuer. "Die Deutschen waren nicht gerade willkommen, der Zweite Weltkrieg und die Nazi-Zeit waren nicht lange vorbei." Auf dem Zeltplatz am Leuchtturm bei Svaneke seien sie in einen Winkel verbannt worden. Aus der vermeintlichen Abgeschiedenheit gründete sich über Jahre eine Kolonie -- noch heute fahren Lüneburger jeden Sommer zum Zelten auf die Insel. Inzwischen der Nachwuchs und die Enkel der ersten Bornholm-Lüneburger.

Auch für Dierks war es eine lebenslange Liebe. Er fand Freunde auf der Insel. Seine Tochter sagt: "Wir haben da als Kinder immer wieder Ferien gemacht. Heute fahre ich mit meinem Mann dorthin." Dierks selber konnte die Insel vor drei Jahren das letzte Mal besuchen. Die Gesundheit wollte nicht mehr so.

Das Leben änderte sich, doch Freundschaften blieben. Gern saß er mit LSK-Legende und Lehrer-Kollege Manni Nitschke zusammen, oder nachmittags von drei an eine Stunde lang am Sand im Café "Hier und Heute", als das schwieriger wurde, schließlich in der Bäckerei Kruse bei sich ums Eck an Bülows Kamp. Immer ein Schnack, immer ein Hallo.

Nun ist er gegangen. Die Lunge habe ihm zu schaffen gemacht, eine Sepsis, das Herz, für das er nach einer Operation vor elf Jahren eine neue Klappe bekommen sollte, erzählt seine Tochter Wiebke. Doch er sei zu schwach für eine erneute Op gewesen. Nun hat das Herz aufgehört zu schlagen.

Es gibt einige, die an ihren alten Lehrer, Trainer, Freund denken. Es solle ein Treffen geben, damit jeder, der mag, Adieu sagen könne, sagt seine Tochter. Wo und wie ist noch nicht klar. Die Beisetzung möchte die Familie im kleinen Kreis begehen. Bleiben wird etwas Großes: die Erinnerung an einen, der Pädagogik lebte. Im besten Sinne. Carlo Eggeling

Die Fotos zeigen den Disco-Chef, seinen letzten Geburtstag, die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes und Heiko Dierks auf Bornholm.

© Fotos: Familie


Kommentare Kommentare

Kommentar von Raymund lenz
am 29.09.2022 um 11:26:22 Uhr
Es ist sehr Traurig das so ein Mann sterben mußte wir hatten viel spass mit dir Heiko danke das wir dich seit über 30 Jahren kennen durften du warst ein guter freund und Lehrer
Kommentar von Jan Schölzchen
am 29.09.2022 um 20:37:50 Uhr
Ich bin gerade wirklich geschockt. Der, wirklich, beste Lehrer, den ich gekannt habe. Der Platz im Himmel sollte bei so viel Engagement sicher sein. Ruhen Sie in Frieden Herr Dierks.
Kommentar von Axel Fassnacht
am 02.10.2022 um 00:06:35 Uhr
Der Tod von Heiko erfüllt uns mit großer Trauer, aber auch mit großer Bewunderung für sein Lebenswerk als engagierter Lehrer und Vorbild für Jugendliche. Wir waren bis zu unserem Schulabschluss 1963 Klassenkameraden an der Mittelschule. Schon dort zeichnete sich seine Leidenschaft für den Sport und die Kameradschaft in der Schule und den Vereinen ab. Er war ein besonderer Mensch. Für den Nachruf von Herrn Winfried Machel bedanke ich mich sehr.


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