Lüneburg, am Donnerstag den 29.09.2022

LoCarlos Woche:

von Winfried Machel am 17.09.2022


Meine Woche
Es hat sich gedreht

Es tut mir schon weh. Ich kenne ja einige der Grünen im Rat seit langem. Doch inzwischen sagen viele nicht einmal mehr Hallo. Es gibt selbstverständlich Ausnahmen. Dabei finde ich die Grünen klasse. Die zeigen sich beweglich. Andere Lage, andere Sicht. Im Bund statt Schwerter zu Pflugscharen, wo sind die Pflugscharen, die wir zu Schwertern machen? Öl- und Gasbohrungen im Wattenmeer, geht klar. Kohlekraftwerke ans Netz, mühelos. Nur warum sie bei der Atomkraft rumeiern, ist mir ein Rätsel. Die im Wendland rund um Gorleben haben das nicht richtig verstanden. Alles, was hilft gegen Putin und um durch die Krise zu kommen, ist nützlich.

Hier in Lüneburg zeigen sich die Vertreter im Rat neuerdings auch ganz anders. Völlig richtig, dass sie die SPD vermöbeln, weil sie den neuen Dezernenten infrage stellt. Zwar erfüllt der Mann nicht, was in der Stellenausschreibung stand, nämlich Kenntnisse und Studium im praktischen sozialen Bereich, aber immerhin ist der derart selbstbewusst, dass er sagt: "Ich kann mich schnell in Themen einarbeiten." Also sehr flexibel. Man ahnt es, er ist ein Grüner. Was will man mehr?

Dass die Sozis rummäkeln, geht echt nicht. Gemein für den Neuen, der dadurch angegriffen wird. Gut auch, dass CDU, FDP und selbst die Linke beispringen und sich einig sind, so ein Umgang schädige auch die Stadt Lüneburg als Arbeitgeber. Zwar haben gerade die Grünen und ihr Fraktionschef und ein an Bedeutungsverlust leidender abtrünniger Linker den alten Oberbürgermeister mit Fragen, Anträgen, Beschwerden, dem Einschalten der Kommunalaufsicht getriezt, aber das waren andere Zeiten. Der Vorwurf, unter dem Autokraten Mädge würde alles in Hinterzimmer ausgeklüngelt, bestand völlig zu recht. Ganz etwas anderes, wenn die Oberbürgermeisterin nun in kleinstem Kreis ihren Kandidaten bestimmt.

Unerhört, dass solche Personalien in die Öffentlichkeit getragen werden. Gab es noch nie, oder doch? Selbst die Zeitung, die in anderen Zeiten tief in die Politik horchte, findet das unschön. Berichtete man da nicht aus vertraulichen Unterlagen und Runden? Tempi passati. Das Motto der Oberbürgermeisterin im Wahlkampf vor einem Jahr, damit sich was dreht, zeigt sich selbst an ungewohnter Stelle als erfolgreich. Das ist doch klasse.

Nein, Grüne, CDU und FDP haben verstanden, was schlechter Stil ist und das Gemeinschaft zählt. Von der Linken muss man gar nicht mehr reden, die hält im Rat nur Stühle warm. Revolution war vorvorgestern. Selbst wenn die anderen mehr Stimmen haben als die Grünen, agieren sie doch gern gemeinsam mit ihnen. Lob an die Grünen, dass sie so viel Harmonie schaffen. Ich finde das gut. Streit ist doof und gefällt doch keinem. Sogar die Igiti-igitt-AfD macht mit und stimmt mutmaßlich für den grünen Kandidaten. Mehr geht nicht.

CDU-Frontfrau Monika Scherf hat Recht, wenn sie einzelnen Journalisten am Ohr zupft. "Kokolores" hätten die geschrieben. Da stand bei den Kollegen der Lünepost zu lesen, dass Frau Scherf als mögliche Nachfolgerin der scheidenden Kämmerin Gabriele Lukoschek ins Spiel kommen könnte, wenn sie nach der Landtagswahl bei einem rot-grünen Bündnis ihren Posten als Chefin der Landesvertretung auf der Hude räumen müsste. Das wispern einige auf den Fluren der städtischen Ämter. Andere wiederum glauben, die Schwarzen gehen so freundlich mit den Grünen um, weil man bei der CDU in Hannover auf eben dieses Bündnis setzt. Wieder so ein Gerücht aus dem Wahlkampf der OB-Kandidatur, was von Frau Scherf selbstverständlich dementiert wurde: Sie könne unter einem Heiligenthaler Ministerpräsidenten Bernd Althusmann ein Ministeramt in Hannover ergattern.

Man darf Frau Scherf nicht reinen Herzens widersprechen, wenn sie sagt, manches würde besser gar nicht erst geschrieben. Eben. Da sollte wirklich besser drauf geachtet werden. Also in Lüneburg. Anderswo halten sich ja alle daran, Spiegel, Zeit, Fernsehredaktion von Frontal bis Report. Die versuchen nie rauszubekommen, was die Mächtigen in Politik und Wirtschaft so miteinander vereinbaren. Aber in Lüneburg dreht sich ja was.

Zwar haben die Sozis Wasser in den Gemeinschaftswein gekippt. Aber es hätte Essig sein können. Angeblich sollen im Auswahlverfahren Menschen ohne grünes Parteibuch aussortiert worden sein. Ekelhaftes Gerücht. Aber wenn dem so wäre, hätte man mit aussortierten Interessenten eine Konkurrentenklage anschieben können. Da wäre der Wein mehr als sauer geworden. Aber es ist Wahlkampf, und in der allgemeinen Harmonie haben Landtagskandidaten Angst, als Rauhbautze daherzukommen.

Ich hoffe schwer, dass die anderen die Sozis mal einfangen für einen besseren Stil. Dann könnten wir uns Ratssitzungen sparen. Kosten nur Geld und wer will schon das Palaver?

Es läuft ziemlich gut in Lüneburg. Bisschen Geduld, wenn mal etwas dauert. Deshalb ist es unangemessen, dass Initiativen die Soltauer Straße von Sonntag bis Donnerstag zeitweilig blockieren wollen. "Das Motto der Versammlung lautet 'Verkehrsversuche wagen – endlich handeln'. Angemeldet wurden die Aktionen jeweils tageweise vom ADFC Kreisverband Lüneburg, vom VCD Regionalverband Elbe-Heide, vom Klimakollektiv Lüneburg sowie vom Radentscheid Lüneburg", berichtet die Stadt. Ernsthaft? Das waren doch die, die den Grünen im Kommunalwahlkampf sehr nahe standen.

Meine Güte, das ist ja wie in den 70ern, als Joschka Fischer Straßenkämpfer war. Der trägt heute Anzug und arbeitet als Berater. Die Verkehrswende war zwar ein Versprechen der Grünen und Claudia Kalischs. Aber alles geht nun wirklich nicht. So kann man Politik und Verwaltung nicht unter Druck setzen. Die geben ihr Bestes. Das erleben wir. Ich finde das gut. Carlo Eggeling

© Fotos: Carlo Eggeling


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