Lüneburg eine einzige Kneipe
von Carlo Eggeling am 14.03.2026Meine Woche
Ansichten eines Clowns
Manchmal höre ich, ich schriebe stets so mürrisch und negativ. Finde ich zwar nicht, weil Humor bedeutet, dass man trotzdem lacht. Als ich jetzt lesen durfte, dass Tourismus ein großer Faktor des pulsierenden Lüneburger Wirtschaftsleben ist, habe ich gestrahlt. Fragen Sie meinen Spiegel.
Mit sage und schreibe "438.871 Übernachtungen im Jahr 2025 verzeichnete Lüneburg bereits das vierte Rekordjahr in Folge, nach 428.653 im Jahr 2024 und 408.210 im Jahr 2023", teilten Marketinggesellschaft und Oberbürgermeisterin mit. Alles in allem 23 Prozent mehr Übernachtungen als im Vor-Corona-Jahr 2019.
Dass es zwischen Nordsee, Elbe und Harz ähnlich läuft, wie das Landesamt für Statistik kurz zuvor meldete, relativiert mal gar nichts. Ist es miesepetrig, dass mir Lüneburger Hoteliers erzählten, sie seien den Zahlen nachgegangen und hätten herausbekommen, dass das Landesamt Hotels und Betreiber von Ferienwohnungen erfasst, die wohl vorher nicht berücksichtigt wurden. Ein Wirt sagte, er und Kollegen hätten in Januar und Februar 2025 rund zwanzig Prozent weniger Übernachtungen verzeichnet als 2024. Und in diesem Jahr sei das Minus in den beiden Monaten noch gewachsen, der März laufe eher bescheiden an. Minus, hey, auf jeden Fall Wachstum.
Positiv bleiben. Jungheinrich streicht Jobs, Yanfeng und Panasonic ebenfalls; das Eisenwerk ist platt. Na und? Gastro heißt die Zukunft. Lüneburg ein einziges Straßencafé. Das Arbeitsamt schiebt Sonderschichten, die Kollegen organisieren Umschulungskurse noch und nöcher: Köche, Kellner, Zimmerservice, dazu Fahrer, die Bier und Co ausliefern. Die 50, 60 leer stehenden Geschäfte, die nach fachlicher Einschätzung von Stabsstellen des Citymanagements gar nicht wirklich leer stehen, werden mutmaßlich Kneipen. Schlagen Sie die Zeitung auf: Sonderausgabe mit Stellenanzeigen. Männlich, weiblich, divers selbstverständlich. Man muss träumen können.
Da haben Stadtkonferenzen in der Uni, bei denen zwar überwiegend die saßen, die da sitzen mussten aus Behörden und Arbeitskreisen, aus Visionen -- oder waren's Versionen? -- wirklich was gezaubert. Gibt übrigens die nächste Versammlung zum Ehrenamt. Wäre was, falls es doch nix wird mit den vielen Jobs. Sich sinnvoll engagieren. Geld ist nicht alles.
Lob für Carmen Sillmann aus der Kulturabteilung, die aus einer Röhre einen Klangkörper machte. Der alte Durchgang im Wall der Bardowicker Mauer soll in Folge Konzertraum werden. Aus einer Rumpelkammer wird ein Saal mit Glasfront zum Liebesgrund. 80 Gäste, warum nicht mehr? Keine Gastro. Warum nicht? Ein paar Telefonate, Wirte könnten sich durchaus ein Catering vorstellen, wenn mehr Besucher zugelassen würden. Da wir doch eh die Stadt mit der höchsten Kneipendichte der nördlich Hemisphäre sind . . .
Ganz großes Dankeschön geht ebenfalls an Kämmerer Matthias Rink, der hat höchstpersönlich einen Rasenmäher der Extraklasse für Sportvereine spendiert. Zumindest liest sich die Pressemitteilung des Rathauses so: "Sportdezernent Matthias Rink (hat) an einer zügigen Lösung gearbeitet, Matthias Rink ermöglichte auch dank des Sportausschusses der Hansestadt, der die Maßnahme positiv begleiten konnte, die finanzielle Unterstützung in Höhe von 75.000 Euro." Ich hatte bislang gedacht, der Kassenwart verwaltet das Geld der Bürger, und die Politik bestimmt über freiwillige Leistungen. Denkste. Der Herr Rink. Wer in so einem schloss-schönen Rathaus sitzt, atmet wohl ein wenig Monarchie.
Ich habe über die Alkoholverbotszone Sand geschrieben. Mich beeindruckt die Akrobatik. Wer hätte gedacht, dass Verwaltung solche Purzelbäume schlagen kann. Erst sollte Lüneburg mit dem Elend der Elenden leben, sei in einer sich wandelnden Gesellschaft so, nun heißt es Kehraus. Raus mit den unangenehmen Gästen der Grünen Oasen. Eigentlich habe man nie etwas anderes gesagt, steht ein paarmal in der Vorlage für den Gefahren-Ausschuss. So viele Missverständnisse.
Klar, das war wieder missverständlich hundsgemein von mir, lese ich in Kommentaren. Immer würde ich die Grünen bashen. Die tauchen in dem Text gar nicht auf. Was ich den ganzen Tag so täte, wenn ich nicht mürrisch über die Oberbürgermeisterin schriebe. Wenn Frau Kalisch und ich uns sehen, lächeln wir uns an. Was ich so tue, behalte ich im Detail für mich, aber ich lache viel. Fragen Sie meinen Spiegel.
Ich strahle, wenn mich meine Kritiker zwar für völlig unbedeutend halten, aber sich so viel Mühe geben, mir zu schreiben. Da haben wir alle unseren Spaß.
Zum Schluss ein Zitat, ich sage nicht von wem, weil ich angeblich so oft falsch zitiere. Viel Spaß dem Plagiatsjägern bei der Recherche: "Ironie ist ein Mittel der Distanz, zu sich selbst, zu anderen. Man schafft Emotionen - Fröhlichkeit, Lachen -, ohne selbst welche preisgeben zu müssen. Man gibt sich eine Aura der Überlegenheit, weil man der Welt nicht zugesteht, sie ernst nehmen zu müssen. Aber muss man die Ansichten eines Clowns ernst nehmen?" Carlo Eggeling
Kommentare
Zu diesem Artikel wurden bisher keine Kommentare abgegeben.
_Banner_Winsen_und_Lueneburg_Aktuell_Hausverwaltung__.jpg)
_ubiMaster1.jpg)
_Mai23.jpg)
_wernieNovember2.jpg)