Manchmal ist man sich ganz nah
von Carlo Eggeling am 31.01.2026Meine Woche
Nachrichten vom Rand
Politische Tiefe zeigt sich ab und an überraschend. Als sich gestern Abend die sich als wahre Demokraten empfindende Halb- und Dreiviertel-Nazis zum Neujahrsempfang der AfD versammelten, zeigte sich vor der Tür das zu erwartende Schauspiel. Neben dem friedlichen und klaren Bündnis "Bleckede blüht auf" reisten die an, die sich ebenfalls als wahre Verteidiger der Freiheit verstehen. Festspiel auch deshalb, weil's ungemein lustig sein sollte, eine Schneeballschlacht mit der Polizei zu suchen, die aber nicht zurückwarf. Spielverderber. Als Beamte ein paar Figuren aus dem Spiel nahmen mit der Begründung Landfriedensbruch und Widerstand, empfanden sich die anderen gefoult und sprachen routiniert von übermäßiger Polizeigewalt.
Von angemessener Polizeigewalt habe ich aus der Demo-Fraktion noch nie gehört. Sei's drum. Die intellektuelle Tiefe der Schneeball-Fraktion lag darin, Journalisten zu bedrängen, Kameras zuzuhalten, sich ihnen in den Weg zu stellen, hinterherzudackeln, um vermeintlich konspirative Gespräche mit anderen Demonstranten zu belauschen. "Keine Bilder! Presse unerwünscht", lautete die Begründung. Dass Reporter filmten und fotografierten, wie die Polizei Protestler zu Boden brachte und abführte, dass Presse eben über den Protest berichtet -- egal. Grundgesetz? Kontrollfunktion? Scheißegal.
Im Saal kam es von der "Ikone der Partei", wie AfD-Kreisführer Stephan Bothe Beatrix von Storch begrüßte, ein wenig vornehmer daher. Frau ist schließlich von Stand. Inhaltlich klang es nicht viel anders als von der Jugendgruppe des Schwarzen Block auf der Schneewiese. Die Presse schreibe nicht die Wahrheit, weil sie "Fakten" infrage stelle.
Es gab Rufe aus dem Publikum: "Presse raus!" Bothe und seine Kollegen sind selbstverständlich schlau genug, dagegenzuhalten. Das scheint zumindest demokratisch, außerdem wissen sie -- wie die Intelligenteren vor der Tür -- wenn sie in Medien und auf zig Portalen im Netz stattfinden, haben sie erreicht, was sie wollen: Öffentlichkeit. Und können eine eigene Wahrheit behaupten, wer traut Journalisten?
Zufall selbstverständlich, dass die AfD am 30. Januar einlud. Ist eben ein Freitag gewesen. Am 30. Januar 1933 übernahmen die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland. Um Macht geht es auch Bothe. Landrat will er werden. Bis in die Stichwahl könnte er es schaffen. Die besten Chancen besitzt Steffen Gärtner von der CDU, SPD-Mann André Schuler kennen die wenigsten, die Grünen wollen noch jemanden benennen. Doch die Grünen suchen nach dem Abgang von Baerbock und Habeck auf Bundesebene und einer lokal eher betulichen Performance noch nach sich selbst, ihre jetzige Spitze erinnert an den ersten Tag am Strand. Blass.
Sollte also Bothe wider Erwarten im September seinen 30. Januar erleben, kündigt er amerikanische Zeiten an. Klingt nach Trump und Charles Bronson 1974, Das Gesetz bin ich. Ein Drittel der Beschäftigten des Landkreises will er abbauen, die Unterkunft für Asylbewerber in Scharnebeck schließen und die Bewohner zu Linken und Grünen nach Hause umsiedeln, damit sie bunte Vielfalt hautnah leben, so viele Ausländer abschieben, wie möglich, Windräder gibt's nicht mehr. Kann er als Landrat gar nicht, weil dem Bundes- und Landesgesetze entgegenstehen, weil er politische Beschlüsse bräuchte.
Aber wer weiß, wie sich das Land verändert. Denken Sie an Amerika, denken Sie an Corona, als die Regierung Grundrechte beschnitt und Protest dagegen als lebensgefährlich staatsfeindlich galt. Eine Kampagne von Künstlern erntete Rufe nach Berufsverboten.
Geschichte. Mir erscheinen die reflexhaften Bekenntnisse am 27. Januar oft ein bisschen bemüht, 1945 befreite die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz, in dem die Nazis mehr als eine Million Menschen ermordeten. Ich bin mir nicht sicher, ob der Antifaschismus im Alltag mutig bleibt oder nur bei Facebook, Instagram und WhatsApp. Angesichts der Unzufriedenen ganz rechts und ganz links, brauchen wir Mut und Erinnerung.
Gut, dass die Gedenkstätte der Psychiatrischen Klinik an das Morden mit Hunderten Opfern in den 1940er Jahren erinnert und ein Projekt ins Leben gerufen hat, dass die Überreste der Toten identifizieren soll. Ein später Akt, um ihnen ihre Würde 80 Jahre später zumindest ein wenig zurückzugeben. Wichtig, weil ihre Familien sich erinnern können, weil wir wissen, warum Geschichte Verantwortung bedeutet, es darf sich nicht wiederholen. Ja, die meisten Täter sind nicht mehr. Aber die Verpflichtung bleibt aus einem Satz des damaligen Bundespräsidenten Theodor Heus: Es gibt keine Kollektivschuld, aber eine Kollektivscham. Schämen, was unsere Großeltern und Eltern zuließen, lassen wir es nicht wieder zu.
Es geht einfach nicht ohne Claudia Kalisch. Die Oberbürgermeisterin zeigte sich stolz, sie habe das Jungheinrich-Werk ein bisschen gerettet. Strahle-Foto mit einem Mannager. Es blieben rund 140 Jobs statt 100, die Produktion schließt, 300 Stellen weg. Die Kollegen, die inzwischen zweieinhalb Monate streiken, fühlen sich verraten. Sie berichten von einem Konzept des Gabelstapler-Produzenten, dass von Anfang an von 133 Stellen am Standort ausging. Frau Kalisch hat aus ihrer Sicht nichts erreicht, sondern ist ihnen in den Rücken gefallen. Solidarität aus dem Rathaus, wenn es ein Foto gibt? Wie am Anfang: scheißegal.
Die SPD-Abgeordneten Jakob Blankenburg und Philipp Meyn sowie die Linke Marianne Esders haben das benannt. Die Grünen zollen ihrer Oberbürgermeisterin Ehrerbietung. Mal sehen, wie andere Parteien sich positionieren.
Die Presse berichtet. Ist ihre Aufgabe in der Demokratie. Hoffentlich noch lange. Liegt an uns allen. Das ist nicht egal. Gutes Wochenende, Carlo Eggeling
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