Lüneburg, am Montag den 23.03.2026

Martin Lühmann ist den Grünen nicht mehr grün

von Carlo Eggeling am 05.02.2026


Schnauze voll, Konsequenzen gezogen: Martin Lühmann ist aus der Grünen Partei und der Ratsfraktion ausgetreten. Sein Mandat im Rat will er behalten und „weiter Politik für Lüneburg machen“. Die Kündigung kam per Mail. Für die Partei ist der Austritt ein Verlust, Lühmann ist einer der wenigen, die in der Stadt verankert sind. Der Wirt des Anno 1900 in der Altstadt ist mit fast jedem per Du und erreicht vor allem die, die nicht aus dem universitären und Staatsdiener-Milieu kommen.

Wer Lühmann lange kennt, wunderte sich, warum er überhaupt bei den Grünen gelandet ist. Das Engagement rührt aus seiner kritischen Haltung, das am sogenannten Grüngürtel West geknabbert werden sollte. Dazu kamen persönliche Kontakte zum ehemaligen grünen Landtagsabgeordneten Andreas Meihsies, der die Partei vor Jahren im Streit verlassen hat. Der andere Freund ist Fraktionschef Ulrich Blanck, der bei Lühmann gern ein Bier trinkt und ihn bei seiner Kandidatur unterstützte.

Die Schnauze voll hat Lühmann davon, in seiner Fraktion belächelt zu werden. Man hat ihn hinter vorgehaltener Hand als „Schnitzel-Martin“ verspottet, weil er in seinem Lokal Riesen-Schnitzel anbietet. Sein hemdsärmeliger Umgang und sein Eintreten für wirtschaftliche Interessen beispielsweise für die Schausteller passte nicht zur Öko-Linie der Partei.

Lühmann hatte sich dafür eingesetzt, den Weihnachtsmarkt zu verlängern, damit die Branche Geld verdienen kann und die Weihnachtsstadt ein paar Tage mehr Kunden in die Läden zieht. Den Antrag musste er schließlich, so erzählt er es, der SPD überlassen. Als er ihn mitunterschreiben wollte, habe es Kritik gegeben — Konsum ist doof.

Nicht nur von Lühmann ist zu hören, dass der Ton in der grünen Ratstruppe vor allem von einer linken und als elitär empfundenen Riege gesetzt werde. Es fallen Namen von Frauen, die kompromisslos beispielsweise in Sachen Mobilität und Fahrrad auftreten würden. Kompromisslosigkeit mache aber wenig Sinn, wenn viele, die nicht in grün nahen Organisationen wie ADFC, VCD und Radentscheid unterwegs seien, inzwischen allergisch reagieren, wenn sie nur das Wort Radfahrer hören.

Wie Ideologie in die Hose ging, war im Rat zu besichtigen. Die Ilmenaustraße sollte Teil des ohnehin umstritten Fahrradstraßenrings werden. Dafür hätten Parkplätze weichen und einige anders, nämlich längs angelegt werden müssen. Lühmann sagt, er habe als einziger mit Anwohnern und Geschäftsleuten an der Ilmenaustraße gesprochen, um sich deren Bedürfnisse anzuhören. Streit im Rat, am Ende schwenkten Grüne und Linke auf die Maximalforderung des Radentscheid ein: alle Parkplätze streichen. Es gebe genug Parkhäuser.

Damit war eine greifbare Lösung vom Tisch, ein paar Stellplätze weg und Vorrang für Radfahrer. Die Ratsmehrheit stoppte angesichts des grünen Auftretens das gesamte Projekt. Bei den Grünen empfand nicht nur Lühmann das Vorgehen schlicht als dämlich.

In anderen Fraktionen, aber auch bei den Grünen, ist unter der Hand zuhören, dass eine Nachrückerin in der Fraktion am Stuhl des Vorsitzenden Blanck säge. Die Aspirantin pflege einen als aggressiv empfunden Umgang, der Widerspruch kaum zulasse. Das ist übrigens seit Monaten Grundrauschen rund um den Rat.

Angeblich gibt es bereits ein Gerangel darum, wer künftig die Ausschüsse besetzen kann, die Lühmann als Fraktionsloser verlassen muss. Für das Ticket zum Hansetag, das er wohl nicht wahrnehmen darf, weil es den Grünen zusteht, soll sich schon eine Bewerberin gemeldet haben — eine, die mit „Schnitzel-Martin“ öfter über Kreuz liegt.

Ratspolitik will Lühmann weitermachen. Pragmatisch, wie er sagt. Eben auch wirtschaftsnah, denn die Unternehmen zahlen Steuern, die es brauche, um Ideen umzusetzen: „Lüneburg liegt mir am Herzen.“ Carlo Eggeling

© Fotos: ca


Kommentare Kommentare

Kommentar von Dirk Rotermundt
am 06.02.2026 um 08:38:29 Uhr
Ich habe mich ohnehin schon lange gewundert, ob die Grünen ein passender, politischer Ort für einen Gastronom sind. Natürlich, Umweltschutz, so vermute ich, liegt jedem am Herzen, ABER es kommt darauf an, was man macht und dass man dabei die Wünsche der Bürger nicht aus den Augen verliert und nur noch Politik gemäß blinder Ideologie macht.

Martin, herzlich willkommen zurück in der Realität!
Kommentar von Ralf Stolt (SalzHund)
am 06.02.2026 um 13:37:29 Uhr
Moin zusammen,

wenn ich solche Geschichten lese, denke ich immer dasselbe: Parteipolitisches Geplänkel mag intern irgendwie „spannend“ sein – für die Stadt bringt es selten etwas. Und wenn am Ende vor allem Eitelkeiten, Lagerdenken und Etiketten wichtiger werden als Lösungen, läuft grundsätzlich etwas schief.

Ja: Ich bin begeisterter Radfahrer.
Und nein: Ich stelle mein Radwegebedürfnis nicht über die wirtschaftlichen und kulturellen Folgen für Lüneburg. Eine Stadt funktioniert nicht nach dem Prinzip „entweder–oder“, sondern nach „und“: sichere Mobilität und lebendige Innenstadt, Klimaziele und pragmatische Übergänge, Anwohnerinteressen und Handel, Gastronomie, Schausteller, Vereine, Kultur.

Was an Martins Entscheidung hängen bleibt, ist für mich nicht das Drama, sondern der Kern: Er zieht Konsequenzen, weil er sich nicht ernst genommen fühlt – und er will trotzdem Verantwortung übernehmen und weiter Politik für Lüneburg machen. Ob man ihn nun mag oder nicht: Das verdient Respekt. Gerade, weil es einfacher wäre, sich komplett zurückzuziehen und die Bühne den Lautesten zu überlassen.

Und ganz ehrlich: Dieses Belächeln, dieses Abwerten („Schnitzel-Martin“), dieses innerparteiliche Schubladendenken – das ist nicht nur unprofessionell, das ist auch eine Einladung an alle da draußen, Politik endgültig nicht mehr ernst zu nehmen. Wer Menschen gewinnen will, darf sie nicht von oben herab behandeln. Schon gar nicht die, die in der Stadt verankert sind und mit den Leuten wirklich reden – nicht nur mit den eigenen Milieus.

Für Lüneburg wäre es gut, wenn wir wieder mehr von dem hinbekommen, was Kommunalpolitik eigentlich sein sollte: zuhören, abwägen, Lösungen bauen. Kein maximalistisches „alles oder nichts“, sondern tragfähige Schritte, die die Stadt mitnehmen – auch die, die beim Wort „Radentscheid“ inzwischen reflexartig die Augen rollen, weil sie sich nicht gesehen fühlen.

Martins Kurs „pragmatisch, wirtschaftsnah, kultur- und stadtorientiert“ ist nicht automatisch richtig – aber er ist ein notwendiger Gegenpol zu ideologischen Reflexen. Unternehmen, Gastronomie, Handel, Kultur und Veranstaltungen sind keine Randnotizen. Sie sind das Fundament dafür, dass eine Stadt Einnahmen hat, Menschen sich begegnen, Identität entsteht – und dass wir uns am Ende überhaupt leisten können, gute Ideen umzusetzen.

Unterm Strich:
Weniger interne Grabenkämpfe. Mehr Lüneburg.
Weniger Etiketten. Mehr Ergebnis.
Und vor allem: Respekt im Ton – weil ohne den jede Debatte schon verloren ist, bevor sie überhaupt angefangen hat.
Kommentar von Margitta Paguhl
am 07.02.2026 um 01:49:13 Uhr
Lieber Martin! Du bist ein Mann mit Haltung. Damals und heute. Du lässt dich nicht verbiegen. Dafür Bewundere ich dich.


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