Moin — eigentlich läuft es gut
von Carlo Eggeling am 17.01.2026Meine Woche
Wunder
Wunder erleben nur diejenigen, die an Wunder glauben, wusste Erich Kästner. Diese Woche durften wir staunend auf ein paar Wunder oder zumindest wunderliche Geschichten schauen. Schier Biblisches vollbrachte die Landeszeitung bei ihrer Geburtstagsparty in der Ritterakademie. Gäste liefen auf, die sich schmücken wollten und schmücken konnten im Promi-Reigen der Provinz -- was für eine Selfie-Time. Auf der LZ-Online-Seite erblickten Zuschauer laut Bildunterschrift die Moderatorin im Gespräch mit Landrat Manfred Nahrstedt. Potzblitz, das zeigt die Macht des eigentlich im Siechtum geglaubten Lokaljournalismus, dachte ich. Denn der Sozialdemokrat starb im Mai 2023. Was die LZ so kann. Leise Zweifel beschlichen mich doch.
Einem anderen Wunder lauschten geneigte Berichterstatter am Freitag bei der ersten Bilanzpressekonferenz der kreiseigenen Verkehrsgesellschaft Moin. Kunden erleben seit Beginn öfter ihr blaues Wunder, weil Busse nicht kommen, Anzeigen nicht funktionieren, Bezahl- und Fahrplansysteme nicht digital vernetzt sind. Das erste Wunder: Geschäftsführer Nikolas Wenzel ist gar kein Phantom, er saß am Tisch. Leibhaftig. In den ersten zwei Wochen war der Mann nicht zu erreichen.
Weniger verwunderlich war, dass Landrat Jens Böther, Kreisrat Rainer Müller, Fachbereichsleiterin Mareike Harflinger-Düpow sowie Nikolas Wenzel eine Menge Gründe aufleuchten ließen, die den verpatzten Start in ein milderes Licht tauchen sollten. Anfangsprobleme seien doch zu erwarten gewesen. Und: Unter der KVG sei alles schlimmer gewesen, die habe mehrfach mit Notfallplänen gearbeitet, gestrichene Linien, auch für andere Schwierigkeiten sei das Busunternehmen verantwortlich, schließlich habe es einen Rechtsstreit angezettelt.
Bei der KVG kontert man aus der Arbeitnehmervertretung: Moin habe Fahrer abgeworben, daher gab es am Ende einen Mangel, auf Folgen dieser Aktion habe man Monate vorher hingewiesen -- Moin habe weitergemacht. Die KVG habe das Ausschreibungsverfahren der Moin juristisch hinterfragt und vor Gericht einen Vergleich erzielt. Könnte es sein, dass Landkreis und Moin Risiko und Gesetzeslage falsch einschätzten?
Jetzt erfahre man im Wortsinne, so heißt es aus KVG-Kreisen, dass die Moin der KVG und anderen zugesagte Linien doch nicht überlasse, da die Moin sie selber fahre. Die Folge: Die KVG habe ein Dutzend Busse und rund 20 Fahrer quasi zu viel. Gleichzeitig, so berichtet es ein Insider, frage die Moin die KVG, ob sie nicht Personal und Busse stellen könne, weil man von beidem zu wenig habe. Welt der Wunder.
Fragen zur Geschichte ernten Antworten von Zeichen und Wundern. Landrat Böther sagt, der Beschluss, den Busverkehr zu übernehmen, sei vor fünf Jahren gefallen. Man habe gegenüber der KVG eine Kündigungszeit von drei Jahren abwarten müssen. Wenzel ergänzt: Wegen rechtlicher Auseinandersetzungen konnte die Moin letztlich erst ein Vierteljahr vor dem Jahreswechsel richtig loslegen, alles einzutüten. Aha. Ist Wenzel nur Saisonarbeiter? Eigentlich arbeitet er seit Sommer 2023 für die Moin. Was hat er solange vorbereitet?
Ein Journalisten-Kollege findet in seinem Beitrag, Wenzel schildere Weh und Ach "ungewöhnlich freimütig". Weniger milde Beobachter könnten aus der Erzählung Wir haben kein Glück, dann kommt auch noch Pech dazu eine Rechtfertigungsstrategie ableiten. Das wäre natürlich provokant und kein konstruktiver Journalismus.
Die Erzählung bei der Pressekonferenz: Erst nach der juristischen Auseinandersetzung mit der KVG habe festgestanden, welches Partnerunternehmen welche Kapazitäten erhalte und wie viele Busse man bestellen müsse. Man könnte sich fragen, wenn die Moin ein Konzept besitzt, warum sie dann nicht Busse mit entsprechender jetzt fehlender Technik für alle bestellt und vertraglich regelt, dass ihre Partner die Fahrzeuge aus dem Pool abnehmen.
Denn an der Technik hängt es auch, detailreich erfuhr die Runde in der Pressekonferenz, dass man Busse noch "über die Weihnachtstage verkabeln" musste. Das weiß man nicht vorher? Prepaid-Karten wurden nicht ausgeliefert, da es bei einem Partner des HVV eine technische Panne gegeben habe. Warum ordert man die nicht so, dass sie ein Vierteljahr vor dem Start vorhanden sind und dementsprechend ausgeliefert werden?
Was für ein Wunder ist der Winter, der lässt tatsächlich Filter der Busse der Euro-6-Norm einfrieren und ausfallen. Minusgrade sind so negativ. Weil wir positiv sind, kommen die nicht wieder.
Tragik verträgt ein bisschen etwas Heldenhaftes. Er selber, Wenzel, sei ob Schnee, Eis und aller Widrigkeit hinter das Steuer eines Busses gestiegen und habe Touren übernommen. Hollywood. Im Kinosaal könnten sich mäkelige Zuschauer verwundert die Augen reiben und fragen, hat der Mann als Geschäftsführer keinen Notfallplan bedacht?
Der Mobilitätsausschuss des Landkreises tagt am 10. Februar. Bisschen spät angesichts Hunderter Beschwerden. Sei's drum. Vorsitzender Jakob Blankenburg kündigt an, man wolle sich die Bilanz anschauen. Vielleicht auch die Grundfrage, ob das Konstrukt überarbeitet werden muss? Interessant dürfte sein, ob es bei der Aussage Wenzels bleibt, die Moin würde Pleiten, Pech und Pannen kein Geld kosten, für alles, was nicht klappt, hafteten die Partnerunternehmen. Dies sei vertraglich geregelt.
Na klar, da waren sich Kreis und Moin als Schicksalsgemeinschaft einig, es werde besser, in den nächsten Monaten kämen moderne neue Busse, die Technik funktioniere, die Verbindung zu anderen Systemen der Partner laufe. Herr Wenzel hatte zum Start der Moin gesagt, man habe zum "Betriebsstart das bestmögliche Angebot auf die Straße" gebracht. Na ja, ging eben nicht anders. Aber wird klappen, alles andere wäre ein Wunder.
Gar nicht wundern musste man sich über eine reich bebilderte Meldung aus dem Rathaus. André Novotny von der Stiftung Hof Schlüter wurde mit der Ehrenbürgerschaft der Lüneburger Partnerstadt Bila Zerkwa (Ukraine) ausgezeichnet, weil er sich reichlich engagiert. Glückwunsch. Dazu stellt die Stadt sieben Bilder zur Verfügung. Was glauben Sie, wer ist zweimal und wer sechsmal zu sehen? Richtig, Nototny zweimal, Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch sechsmal. In der Pressestelle weiß man einfach, um wen es geht. Gerade nach einem Seminar zum Thema, wie man Wahlkampf und neutrale Informationspflicht trennen könnte oder war's müsste?
Gewundert habe ich mich am Freitagabend. Mein Kumpel Ralf hatte zu seinem 60. in Ochis Bar eingeladen. Nur Männer hatte er geschrieben. Geht das, nur Kerle? Ja, ging super mit Polizisten, Schlachter, Ingenieuren, Geschäftsleuten und Menschen, die irgendwas machen. Oh, Wunder, keiner musste rumgockeln. Gern mal wieder.
Noch mal zum Wunder des Anfangs. Manfred Nahrstedt ruht weiter friedlich in seinem Grab. Die Macht des Lokaljournalismus bleibt begrenzt. Auf dem Foto war Landrat Jens Böther zu sehen. Später kamen die LZ-Kollegen darauf, dass die Bildunterschrift wunderlich war. Wie schön, dass Medien sich als Korrektiv verstehen. Selbst in eigener Sache.
Wunderbares Wochenende, Carlo Eggeling
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