Moin sagt tschüss — Busse lassen Kunden stehen
von Carlo Eggeling am 04.01.2026Meine Woche
Schwarzfahren. Mit Karte?
Das Jahr beginnt mit Katastrophen. Weltpolitisch sowieso. Trump fällt in Venezuela ein, um ans Öl zu kommen und verkauft das Ganze als Kampf für politische Freiheit. Erinnert an Putin und seinen Kampf gegen Unterdrückung und Co. in der Ukraine. Wenn China jetzt Taiwan eingemeindet, wäre das kein Wunder. Aber wie teilen die drei Grönland auf? Da fehlt einer wie Reichskanzler Otto von Bismark der 1884/85 bei der sogenannten Berliner Konferenz half, dass die damaligen Mächte Afrika unter sich aufteilten. Kolonialismus. Geschichte entwickelt sich weiter. Nicht unbedingt besser.
Stadt und Land erlebten Katastrophen. Es wurde zu Silvester tatsächlich geknallt. Trotz so vieler Appelle, es sein zu lassen, weil der Goldhamster zu Hause am Rad dreht, nicht alle hinterher kraftvoll zupacken können, weil massig Geld am Himmel verbrennt.
Die Holländer, sonst leuchtende Vorbilder, wenn es ums Rad geht, kamen mit Lastenrädern und Autos ins deutsche Grenzgebiet, um tonnenweise Raketen und Böller zu kaufen. Ist das jetzt guter Tourismus, der die Wirtschaft belebt? Davon habe ich in einer Verlautbarung aus dem Rathaus gelesen. War ein anderer Zusammenhang, räume ich ein. Ich bin mir sicher, auch in diesem Punkt wiederholt sich die Geschichte in elf Monaten.
Der Winter hat den Klimawandel nicht verstanden. Eisig fläzt er sich übers Land. Potzblitz, völlig überraschend. Weichen vereisen, Räumdienste reiben sich verschlafen die Augen, Busfahrer sagen nicht Moin, wie ihre Gesellschaft, sondern Tschüss, weil sie nicht weiter Schlitten fahren wollen und können. Wir merken, es bleiben Herausforderungen. So'n Mist, dass Amazon jetzt keine Schneeschuhe ausliefert.
"Moin" sagt die Moin nicht zu allen. Sie lässt bewusst Fahrgäste stehen. Altmodische Menschen, die aus ihrem Portemonnaie Münzen und Scheine kramen und nicht die passende Karte, können eine Heimstatt an der Haltestelle aufschlagen.
Geschäftsführer Nikolas Wenzel und seine Gesellschafter im Landkreis setzen sich an die Spitze der Geschichte, schlagen Purzelbäume ob der Modernität im Blut: "Wir möchten unseren Fahrgästen von Beginn an ein zeitgemäßes, komfortables Bezahlerlebnis bieten – ohne Kleingeldsuche und langen Standzeiten an der Haltestelle. Bargeldloses Bezahlen sorgt für einen zügigen Einstieg und einen reibungslosen Betriebsablauf im Stadtverkehr.“
"Komfortables Bezahlerlebnis" -- was für eine Wortschöpfung. Was mag der Geschäftsführer sonst so erleben? Reibungsloser Betriebsablauf hat zum Start mal nicht geklappt, lag nicht am Kleingeld, Herr Wenzel und die Seinen sind ausgerutscht, vielleicht weil sie auf den modernen Klimawandel vertraut haben?
Mich wundert, dass der Behindertenbeirat nicht das Bundesverfassungsgericht anruft. Das Gremium plädiert allerorten für Barrierefreiheit und nimmt eine Schwelle hier offenbar einfach hin. Finden Sie überkandidelt? Doch was ist mit dem in Karlsruhe betonten Recht der freien Entfaltung der Persönlichkeit und informeller Selbstbestimmung? Was ist mit dem Grundgesetz, Artikel 1: "Die Würde des Menschen ist unantastbar."
Unzählige Gruppen pochen auf ihren Status als Minderheit wegen Religion, Hautfarbe, Körperfülle oder- dürre, Geschlecht und und und. Politik überschlägt sich zuweilen, das alles zu berücksichtigen und zu schützen. Wenn es um das Leben zwischen 0 und 1 geht, bleibt für Menschen, die etwa mit zitterndem Parkinson geschlagen sind oder mit Sehschwäche, erst einmal die Null-Lösung. Digital ist toll? Wenn man die Tastatur nicht trifft? Ob die alle fröhlich Moin sagen?
Klar, leben wir praktisch und gut mit vielen Selbstverständlichkeiten des Informationszeitalters. Ummelden bei Behörden, Reisen buchen, Geldgeschäfte erledigen. Gleichwohl könnte es eine Frage der Geschichte werden, die des ewigen Klassenkampfes. Neulich habe ich in der "Rheinpfalz" gelesen, Studien belegten, dass Arme und Alte viel weniger im digitalen Sein angekommen sind. Ihnen mangelt es an Können und Mitteln, das binäre Jetzt und Heute anwenden zu können. Wer ein Handy nutzt aber kein Smartphone, muss damit klar kommen, wenn es heißt: "Keine Verbindung."
Geschichten enden immer. Dänemark, noch so ein Vorbild der Moderne, nicht nur beim Radeln, hat jetzt Postkästen abgehängt. Brief, das lohne sich nicht mehr. Ich schreibe noch Ansichtskarten, aber ich verstehe natürlich, dass ein Selfie billiger, schneller und toller ist. Ist nur bei Paketen anders, aber die liefert schließlich AmazonDHLHermesUPS.
Mein Eindruck, viele wünschen sich Beratung und keine Warteschleifen oder Informationsabbrüche, wenn sie mit Behörden, Firmen oder beispielsweise der Sparkasse via Datenleitung zu tun haben. Aber es werden weniger, die in die Welt zum Anfassen gehen, also verschwinden Geschäfte in den Innenstädten, schließen Banken Filialen oder fahren sie auf ein Minimum herunter. Das Land merkt das viel stärker als die Stadt. Und stöhnt ob der Verödung, in der es nicht mal mehr eine Kneipe gibt.
Geschichte und Geschichten. Ich war im hippen Berlin in einer Markthalle essen. Bestellen per Touchscreen, also Knopfdruck, die Bedienung hinterm Tresen spricht englisch, allerdings fast nur mit ihrer Kollegin, Bezahlen per Karte, Trinkgeld ist vorgegeben: 10, 20, 30 Prozent der fälligen Summe. Ich wollte keins geben, für was auch. Der Button ist kaum zu finden. Sind die bescheuert, dem Gast selbst da etwas vorzuschreiben?
Moin. Eine kommunal getragene Busgesellschaft errichtet Barrieren mit Zustimmung der Politik, wo sind die, die sich für Minderheiten, Selbstbestimmung, Soziales einsetzen -- also SPD, CDU, Grüne, FDP, Linke? Selbst die von der AfD, die zurück zur unseligen Geschichte der Volksgemeinschaft wollen?
Portemonnaie ist Geschichte? Bleibt noch die Frage, wenn die Mitarbeiter Herrn Wenzels einen Schwarzfahrer ertappen, darf der mit richtigem Geld bezahlen? Oder gar nicht, weil es heißt: "Nur Karte!"
Heissa. Die Katastrophen gehen weiter. Wie schön. Carlo Eggeling
Kommentare
am 04.01.2026 um 17:19:21 Uhr
am 04.01.2026 um 18:01:13 Uhr
am 04.01.2026 um 19:14:56 Uhr
14 Uhr gefahren war kam kein Bus !
Ebensberg Am Ziegeleiteich
am 04.01.2026 um 19:37:17 Uhr
Aber weitermachen wie gehabt ist ja die große Kunst unserer Geschäftsführungen incl. der Politik 🙄
_Banner_Winsen_und_Lueneburg_Aktuell_Hausverwaltung__.jpg)
_Banner_LA_345x5001.jpg)
_wernieNovember2.jpg)
_ubiMaster1.jpg)
_Mai23.jpg)