Lüneburg, am Sonntag den 29.03.2026

Notwehr statt Mord? — Alter Fall soll wieder aufgerollt werden

von Carlo Eggeling am 29.03.2026


Ein spektakulären Kriminalfall soll wieder aufgerollt werden: Christian Bogner wurde verurteilt, weil er 2004 den Gärtner Engelbert D. getötet haben soll. Bogner war in Lübeck aus dem Gefängnis ausgebrochen, hatte sich mit D. getroffen. Dessen Leichnam fand die Polizei dann bei Lübberstedt nahe Eyendorf. Bogner hatte gestanden und die Polizei an den Waldrand geführt, wo er den Leichnam verscharrt hatte. Er wurde später wegen dieser Tat zu lebenslanger Haft verurteilt. Doch nun könnte das Verfahren erneut vor Gericht landen. Das berichten die Lübecker Nachrichten. Bogners damaliger Verteidiger Friedrich Fülscher habe beim Kieler Landgericht beantragt, den Fall wieder aufzunehmen. Er kündigt neue Beweise an.
Bogner war auch bei einem anderen Tötungsdelikt ins Visier der Polizei geraten. Im Juni 1995 verschwand Thomas Ranke aus Echem. Die Polizei ging davon aus, dass der damals 38-Jährige ermordet wurde — Bogner geriet unter Verdacht, doch die Lüneburger Ermittler konnten Bogner die Tat nicht nachweisen.
Blicken wir zuerst auf Engelbert D. Bogner, hatte im Prozess eingeräumt, den Eutiner getötet zu haben, es sei ein Unfall gewesen. Der Gärtner habe ihn sexuell bedrängt, durch seine Abwehr habe er D. tödlich verletzt. Das Gericht in Lübeck glaubte Bogner nicht. Denn der hatte die Identität des ihm ähnlich sehenden Opfers übernommen. Mit Namen und Papieren habe er ein neues Leben beginnen wollen. Die Tat habe Bogner geplant, als er im Knast saß. Er habe sich ein Handy beschafft, mit D. Kontakt aufgenommen und sei nach seiner Flucht zu D. gefahren.
Für das Gericht stellte sich der Tattag so dar: Am 26. Oktober 2004 fuhr Bogner mit einem Gabelstapler der Gefängniswerkstatt zur Knastmauer, über eine Leiter, die er selber gebaut hatte, stieg er nach oben. Die Mauer selber, mit Nato-Draht gesichert, überwand er mit einem aus Bettzeug gedrehten Seil. Bogner gilt als Ausbrecher-König — Lübeck war sein achter Ausbruch.
In der Nähe des Knastes hatte Bogners Bruder einen Mercedes geparkt. Mit dem fuhr der Ausbrecher nach Eutin zu D., dem Arbeitslosen soll er eine neue Stelle in Süddeutschland versprochen haben. Tödliches Ende in Lübberstedt.
Der Ablauf sprach aus Sicht des Landgerichts Lübeck für Mord — lebenslänglich mit anschließender Sicherungsverwahrung.
Anwalt Fülscher will laut Lübecker Nachrichten den Mord-Ansatz kippen. Die LN schreiben: "Fülscher bringt einen neuen Zeugen ins Spiel. Ein früherer Mitgefangener soll bezeugen, dass die Schulterverletzung Bogners am Tag vor seinem Ausbruch schwerer war als angenommen. Daher sei dieser, anders als das Gericht urteilte, eben nicht körperlich in der Lage gewesen, sich gegen Annäherungsversuche des Gärtners zu wehren. Deshalb hätte sich die Kammer „mit der Frage auseinandersetzen müssen, ob der Verurteilte in Notwehr handelte“, argumentiert Fülscher, „was einen Ausschluss einer vorsätzlichen Tötung zur Folge gehabt hätte“. Der neue Zeuge habe Bogner bei der Flucht wegen dessen Verletzung geholfen, von diesem aber die Zusicherung erhalten, ihn zu seinem Schutz vor Gericht nicht zu erwähnen. Wegen der Verjährung sei der inzwischen 70-jährige Bogner nun nicht mehr an dieses Schweigeversprechen gebunden.
Der Ex-Zellennachbar ist laut Fülscher inzwischen bereit auszusagen.
Für ein Wiederaufnahmeverfahren wäre das Landgericht Kiel zuständig. Die Kammer sei sehr bebelastet, es sei offen, wann sich die Richter mit dem Fall befassten und entschieden, schreiben die Lübecker Nachrichten.
Nun zu Thomas Ranke. Dessen Fall weist Parallelen zum Schicksal Engelbert D.s auf. Der Frührentner wird seit dem 30. Juni 1995 vermisst. Im Oktober desselben Jahres geriet Bogner ins Visier der Polizei. Zielfahnder des LKA Niedersachsen hatten ihn im Landkreis Harburg aufgespürt.
Er war am 15. Juni aus der Justizvollzugsanstalt Lingen ausgebrochen. Dort hatte er wegen schweren Raubes gesessen. Der inzwischen verstorbene Leiter des zuständigen Fachkommissariats für Kapitaldelikte, Ulrich Gaertner hatte den Tatverdacht damals so umrissen: „Bereits 1989 hatte er Mitgefangenen erzählt, dass er irgendwann einen Bekannten umbringen wolle, um anschließend dessen Identität anzunehmen.“
Die Polizei hatte vor drei Jahrzehnten eine Sonderkommission eingerichtet. Deren Ermittlungen ergaben, dass sich Thomas Ranke am Tage seines Verschwindens mit seinem Jugendfreund Christian B. im Motel „Landwehr“ bei Bardowick verabredet hatte.
Der Echemer hätte im Auftrag Bogners ein Auto nach Berlin überführen sollen. Gaertner sagte: „Seitdem gibt es von Thomas Ranke kein Lebenszeichen mehr.“ Er habe sich gegen alle Gewohnheit nicht mehr bei seiner Familie gemeldet.
Bogner bestritt, dem Freund etwas angetan zu haben. Er habe ausgesagt: "Der lebt in Berlin, wurde von mir finanziell unterstützt.“ Einen Tag vor seiner Verhaftung wollte Bogner gar noch mit Ranke telefoniert haben. Die Polizei fand in Berlin keine Spur des Mannes aus Echem.
Allerdings recherchierten die Fahnder, dass sich Bogner unter der Identität Rankes seit dem 1. Juli in Bad Doberan ein Zimmer gemietet hatte. Der Verlauf erinnert an Engelbert D. Doch die Polizei konnte Bogner nicht nachweisen, dass er für den mutmaßlichen Tod Rankes verantwortlich ist. So bleibt der Fall ungeklärt. Carlo Eggeling

Die Fotos zeigen Thomas Ranke (l.) und Christian Bogner, die hatte die Polizei damals zu Verfügung gestellt. Das zweite Bild ist ein Blick auf die Beiträge der Lübecker Nachrichten.

© Fotos: ca / Polizei


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