Politik auf Abstand
von Carlo Eggeling am 07.02.2026Meine Woche
Volksnah
"Der Revolutionär bewegt sich im Volk wie ein Fisch im Wasser", wusste Mao Tse-tung. Der chinesische Revolutionär meinte damit Volksverbundenheit. Wenn man Interessen der Arbeiter vertreten wolle, müsse man nahe an ihnen seien. Das helfe auch, wenn man Unterstützung brauche. Selbstverständlich war Mao ein übler Genosse. Seine Revolution endete für Millionen tödlich. Hungersnöte, politische Säuberungen. Aber er war erfolgreich.
Mir fiel der Satz ein, als Martin Lühmann seinen Austritt bei den Grünen und ihrer Stadtratsfraktion erklärte. Der Wirt, über den sie sich in eigenen Reihen als Schnitzel-Martin lustig machen, besitzt das, was viele andere im Rat parteiübergreifend so gar nicht vorweisen können: Volksnähe. Hemdsärmelig, rauh im Ton, aber mit offenem Ohr und -- es klingt nach Pathos -- Leidenschaft für Lüneburg. Martin ist einer derjenigen, die viele von denen erreichen, die die Grünen aus nachvollziehbaren oder völlig blödsinnigen Gründen ablehnen.
Die weiterdenken in seiner ehemaligen Partei wissen das. Nicht umsonst erklärte Fraktionschef Ulrich Blanck, dass er bei seinem Freund Martin weiter Billard spielen und sein Bier trinken werde. Im Anno 1900 trifft Blanck auch die, die den Grünen nicht so grün sind -- aber eben trotzdem reden. Mit ihm. Ähnlich wie er es übrigens oben an der Dahlenburger Landstraße bei Nolte erlebt. Lokal-Politik im Wortsinne.
Die Grünen sind nicht alleine. Alten Volksparteien wie SPD und CDU kommt das Volk abhanden. Bundesweit und lokal. Es war für Rote und Schwarze lange selbstverständlich, in Kleingarten-, Kegel- und Schützenvereinen mitzumachen, im Betriebsrat, Arbeitgeberverband, bei Arbeiterwohlfahrt, Arbeitersamariterbund, Rotem Kreuz, Gewerkschaft, Handwerksorganisationen, Kirchgemeinden, Stadtteilrunden. Parteibuch egal, weil Leute wie Gerhard Scharf (CDU), Heiko Dörbaum (SPD) und andere beispielsweise in Lüne. Moorfeld und Ebensberg gemeinsam den Laternenumzug auf die Beine stellten. Die verstanden sich als Bürgervertreter. Ganz demokratisch.
Maos Fisch im Wasser schwimmt nicht gut im Internet. Zumindest nicht bei denen, die im Supermarkt an der Kasse sitzen, die Autos reparieren, die in der Pflege arbeiten. Die wollen ihrem Nachbarn und Kleingartenvorstand mitgeben, was im Stadtteil, in Kita und Schule nicht läuft, damit er es im Rat zum Thema macht -- und hilft. Gemeinsames Grillen oder zusammen Sport machen verbindet und schafft das, was vielen fehlt: Nähe. Und damit Verständnis für das, was Politik und die von ihr beauftragte Verwaltung nicht gleich oder vielleicht gar nicht ermöglichen kann.
Wie man ein Thema vergurkt, zeigt sich an den kreiseigenen Verkehrsgesellschaft Moin. Im Kreistag haben vor Jahren alle dafür gestimmt, dass der Kreis erwartbar zum Verkehrskasper wird. Die Arena konnte die Verwaltung schon nicht richtig bauen, es wurde zwei-, dreimal teurer als angekündigt, dazu ist die Halle so eigenwillig angelegt, dass bis heute Brandschutz- und Fluchtkonzepte – gelinde gesagt – suboptimal umgesetzt wurden.
Dann also Moin, die eher unter dem Motto Gute Nacht gestartet ist. Dass etwas schief gehen würde, war klar, die Konstruktionsfehler allerdings nicht: keine Prepaid-Karten, Anzeigesysteme an Bussen und Haltestellen gehen nicht, die Vernetzung von Fahrplänen, dem HVV-Angebot samt Tickets -- Murks. In Kommentaren Albtraum, doch die Politik hat eben auch gute Nacht gesagt und döst.
SPD-Mann Jakob Blankenburg leitet den Mobilitätsausschuss des Kreises. Am 10. Februar will er eine Bilanz ziehen. Sechs Wochen lang Desaster. Bisschen spät. Wo blieb der Druck auf Landrat Jens Böther (CDU) und den mutmaßlich in irgendeinem ausgefallenen Schulbus verschollenen Moin-Geschäftsführer Nikolas Wenzel -- man hört nichts von dem Mann, der sich vorher gern selber lobte -- zu einer Bürgerversammlung in die Ritterakademie einzuladen? Oder gar eigene Veranstaltungen auf die Beine zu stellen, um sich den Frust der enttäuschten Kunden anzuhören, Prügel zu kassieren und dann Lösungen anzubieten?
Bürgernah? Man ist doch im Internet erreichbar. Was für ein schöner Filter, wenn es heftig wird: Wie will man Volksvertreter sein und gegen die Extremen anstehen, wenn man sich nicht wie ein Fisch im Wasser und im Volk bewegt? Ist ein bisschen wie beim Schriftsteller Bert Brecht: „Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“
Wahrscheinlich zu simpel. Weil online geht alles viel schneller. Vielleicht auch abwärts. Wer nimmt schon die neusten Umfragen ernst, die Volksparteien ohne Volk beschreiben. Die Unzufriedenheit mit Berlin lässt sich mühelos auf die Provinz übertragen.
Aber wer kann diese Welt ernst nehmen? Bleiben wir heiter, wenn es um Experten geht. Wie bei Ober-Fisch Mao. Der hatte 1958 den Plan, sein Land von einem Agrar- in einen Industriestaat umzubauen. Messerscharf schloss die Staatsführung, dass "Vögel öffentliche Tiere des Kapitalismus sind", denn Spatzen vertilgten nach Berechnungen der Kommunistischen Partei pro Schnabel und Jahr rund vier Pfund Getreide. Tod den Spatzen -- Nester zerstören, Tiere mit Krach vertreiben, sie finden keine Ruhe und fallen zu Tode erschöpft vom Himmel.
Die Experten hatten allerdings übersehen, dass die Vögel auf den Feldern Insekten wegpickten. Da ihre natürlichen Feinde fehlten, verputzten nun die Krabbeltiere die Ernten. Es lief am Ende nicht so gut für Mao, die kommunistische Konkurrenz im sowjetischen Moskau half aus und lieferte 250 000 Spatzen ins Bruderland, um die Natur wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Da war Ober-Fisch Mao offenbar weit weg von den anderen Fischen.
Gutes Wochenende, Carlo Eggeling
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