„Schöne Insta-Fotos reichen nicht“ — Kritik an OB
von Carlo Eggeling am 29.04.2026Der Industriestandort Lüneburg hat zu kämpfen: Das Eisenwerk hat dicht gemacht, der Automobilzulieferer Yanfeng streicht Stellen, Stapler-Hersteller Jungheirich schließt Anfang nächsten Jahres die Produktion, daran hängen Partnerunternehmen, vom Zulieferer, über den Handwerksbetrieb bis zu Serviceleistungen wie Reinigung. Themen zum Tag der Arbeit am 1. Mai. Hauptredner Lennard Aldag zieht eine bittere und kämpferische Bilanz: Hunderte Jobs gingen beziehungsweise gehen verloren, doch sowohl beim Eisenwerk als auch bei Jungheinrich hätten Gewerkschaft und Betriebsräte einiges für die Kollegen rausholen können. Angesichts der Entwicklungen sei ein Wandel in der Standortpolitik nötig.
Der lokale IG Metall-Bevollmächtigte und sein Kollege Florian Rebstock fordern eine "einheitliche Industrie- und Ansiedlungspolitik von Kreis und Stadt". Es brauche Gewerbeflächen gerade auch für produzierende Branchen, die 150 bis 200 Arbeitsplätze bieten, die Infrastruktur müsse hergerichtet werden, das bedeute unter anderem Strom aus Wind und Sonne hier zu erzeugen und günstig an Firmen zu liefern. Das "Umfeld" müsse lebenswert sein, dazu zähle bezahlbares Wohnen und Bildung für Familien von Mitarbeitern.
Das Eisenwerk hätte beispielsweise durch Energie aus den Windkraftanlagen bei Dahlenburg beziehen können. Gespräche für den Bau entsprechender Leitungen habe es gegeben. Allerdings hätten Eigentümer nicht mehr in den Standort investiert, seit Jahren. Die Einschätzung teilte der Insolvenzverwalters, der den Betrieb und rund 150 Jobs abwickelte.
Die Entwicklung bei Jungheinrich kommentieren die Gewerkschafter mit harten Worten: Es sei um reine Renditeinteressen gegangen. Die profitable Produktion sei bewusst schlecht gerechnet worden, die Gewinne habe konzernintern der Vertrieb verbucht. Die Vermutung: Jungheinrich wolle auch von anderen Standorten Produktion ins vermeitlich günstigere Ausland verlagern. Zwar fallen 200 Jobs weg, doch ein mehrwöchtiger Streik habe den Beschäftigten gute Abfindungen und eine Transfergesellschaft mit Chancen auf neue Arbeitsplätze gebracht.
Massive Kritik geht in Richtung Oberbürgermeisterin. "Die Kollegen erzählen uns, dass sie sich verraten und verkauft fühlen. Sie habe sich am Ende nicht an die Seite der Kollegen gestellt, sondern an die Seite derer, die ihre Renditen verbessern wollen. Alles für schöne Fotos bei Instagram. Das hat sehr viel Wut in der Belegschaft erzeugt", sagt Aldag. Die Aussagen Claudia Kalischs, sie habe 140 Jobs in Lüneburg gerettet, weist Aldag zurück. Von Anfang an sei aufgrund der Planungen Jungheinrichs klar gewesen, dass 125 Arbeitsplätze in der Konstruktionsabteilung bleiben sollten: "Genauso ist es gekommen. 125 Jobs stehen jetzt im Interessenausgleich. Da wurde nichts gerettet.
Die Berliner Politik nehmen die Gewerkschafter ebenfalls ins Visier. Zweifel an der Stabilität der Rentenversicherung, Abstriche an der Krankenversicherung und das in Zeiten, in denen die Angst umgeht, den Job zu verlieren -- was aus der Regierung zu hören ist, sei "demokratiegefährdend". Aldag: "Wollen wir den Sozialstaat künftig nur zur Hälfte bieten? Das ist der falsche Weg. Wer in Unsicherheit lebt, kann an der Wahlurne reagieren." Auch wenn der Name nicht fällt: Von dieser Politik profitiere die AfD.
"Industriearbeit steht in Deutschland stark unter Druck", sagt der IG Metaller. Die Energiepreise seien hoch, in der Vergangenheit seien falsche Entscheidungen in Sachen Infrastruktur getroffen worden, Bahn, Straße und Schiene sind Stichworte, Konzernlenker hätten den Wechsel zur E-Mobilität verschlafen, die müsse ausgebaut werden, es brauche unter anderem mehr Ladestationen. Auch in der Zukunft müsse das Auto wesentlicher Teil der Mobilität sein: "Gerade im ländlichen Raum, da liegt keine U-Bahnstation auf der anderen Straßenseite." Also müsse gerade in Industriearbeitsplätze und nicht nur in Start ups investiert werden: "Nicht alle sind Ingenieure. Wohlstand kommt aus der Produktion, die gut bezahlt wird." Davon profitieren Dienstleistungsunternehmen.
Weitere Sätze in Richtung Kanzler und Wirtschaftsministerin: "Politik muss aufhören, Leuten zu sagen, sie seien faul. In Summe haben noch nie so viele Leute wie heute gearbeitet und zwei Milliarden Überstunden, die Hälfte unbezahlt sprechen eine deutliche Sprache."
Noch einmal zu Demokratie und Freiheit: Wer von Chinas Produktivität rede, müsse auch die Bedigungen sehen, unter denen die Menschen lebten, nämlich in diktatorischen Verhältnissen, wer nicht funktioniere, lande im Zweifel in einem Lager. Zudem tauge dieses angebliche Vorbild nicht, sagt Rebstock: Chinas Gesellschaft überaltere durch die Ein-Kind-Politik, Arbeit werde auch da teurer. Aldag ergänzt. Durch die Staatsform, könnte Unternehmen nicht sicher investieren. Die Strategien wie die der USA -- mein Land zuerst -- sei kontraproduktiv für den Welthandel, Gift für den Export: "Wie leben wir dann in 20 Jahren?"
Klare Kante muss sein am 1. Mai. Aldag: "Den Acht-Stunden-Tag verteidigen wir. Den haben wir vor mehr als hundert Jahren erkämpft, das gilt auch für andere Punkte wie die Rente, für die die Kollegen einbezahlt haben." Es gibt genug, wofür die Arbeiterbewegung noch immer eintreten kann und muss.
Um 10 Uhr treffen sich Teilnehmer des Mai-Umzugs am Theater, der Ummarsch durch die Stadt führt zum Lambertiplatz nahe dem DGB-Haus. Um 11 Uhr beginnen die Reden. Carlo Eggeling
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