Wenn Jesus zu Besuch käme
von Carlo Eggeling am 22.01.2026Lüneburger Gesichter -- in lockerer Reihe stelle unbekannte Bekannte vor (81)
"Ein Geschenk des Himmels"
Das alte Schützenhaus lebt Kirche, der Mittelpunkt der Paul-Gerhardt-Gemeinde ist erst einmal umgezogen. Antje Stoffregen leitet das Haus
Wenn Jesus im Paul-Gerhardt-Laden vorbeikäme, bekäme er einen Kaffee angeboten, vielleicht würde er Zeitung lesen. Lange allein bliebe er nicht, dafür ist zu viel los. Senioren, die ihre Einsamkeit zu Hause lassen, Mädchen mit und ohne Kopftuch, die zusammen spielen oder Hausaufgaben erledigen. Kann auch sein, dass der Herr zugucken würde, wie eine Frau eine Suppe kocht oder ein Mann vorliest. Kirche praktisch und nah. Kirche, das Wort besitzt griechische Wurzeln und meint zum Herrn gehörend, kurz: das Haus Gottes. Hier leben sie es.
Das hat viel mit Antje Stoffregen zu tun. Die Diakonin leitet seit knapp acht Jahren die Kindertafel, sie gehört zu denen, die die Gemeinde in eine Zukunft führen. Bekanntlich soll die Kirche an der Ecke Bunsen- und Bachstraße umgebaut werden, daher ist der Treffpunkt umgezogen an den Schützenplatz. 130 Ehrenamtliche engagieren sich. Hausaufgaben, Mittagstisch, neulich Tanztee mit fünfzig Gästen, Eltern-Kind-Treff, Bewegung, Sprachraum, Andachten -- das Angebot ist riesig.
Das alte Schützenhaus, danach ein Bio-Lebensmittel-Laden, ist eine Herausforderung und ein Segen. Ein gewaltiger Saal, den sie breit nutzen können, dazu Nischen und Ecken, um eigene Projekte laufen zu lassen. Alles in allem rund 600 Quadratmeter Fläche. "Wir lernen, was geht in so einem Raum, und wie nehmen wir Rücksicht?", sagt Antje Stoffregen. Durch die Tür kommen viele. 70 Prozent der alten Gäste seien dem zweiten Zuhause von der Bunsenstraße gefolgt, 30 Prozent des Publikums sei neu: "Die kommen mit der Frage, was gibt es hier?" Neugier verbindet.
Seit dem vergangenen Sommer lebt die Gemeinde hier, sie hat sich gemütlich und hoffnungsfroh eingelebt. Das lag sicher auch daran, dass viele beim Umzug halfen und ihre Ideen in das gemeinsame Fundament gießen konnten. Darauf kommt es der Diakonin an.
Der Kern ist die 1995 von Pastor Jürgen Wesenick gegründete Kindertafel. Birgit von Paris übernahm die Leitung 2001 und führte sie ehrenamtlich bis 2017, schließlich kam Antje Stoffregen -- das Angebot zog und zieht Kinder aus "benachteiligten Familien" an, die Hausaufgabenhilfe und ein Mittagessen erhielten. Dazu gibt es Sprachangebote für Erwachsene.
Aus dem Samenkorn wuchs in drei Jahrzehnten ein Baum mit vielen Ästen. Erst vor allem für die Stadtteile Neuhagen und Schützenplatz, nachdem Paul-Gerhardt und Lüne als Gemeinden 2022 fusionierten als Zentrum für weitere Viertel.
Es braucht Menschen wie Birgit von Paris und Antje Stoffregen, die andere begeistern können, die es schaffen, Konflikte zu moderieren, konträre Positionen in Kompromisse zu wandeln -- oder es eben aushalten, dass manche nicht mehr mitmachen. Das kann nötig sein, damit der Baum weiter wachsen und Früchte tragen kann. Antje Stoffregen sagt: "Was wir machen, schafft Motivation und Engagement." Und gute Laune, wenn Kinder und Erwachsene mit einem Lächeln gehen und sagen: "Bis zum nächsten Mal."
Lernen soll zur Erfahrung werden, findet die Diakonin. Ein Beispiel. Im kleinen Café schmeckt Kuchen. Backen wird zur Mathestunde: Wie viel Butter, Mehl und Zucker braucht es? Was kosten zwei Kaffee und ein Stück Sandtorte?
In der Fahrradwerkstatt geht es selbstredend handwerklich zu. Dazu kommen Bewegungsangebote. Die Diakonin weiß, nicht nur die Jungen lernen, auch die Erwachsenen gehen mit einem Gewinn nach Hause. Kirche bedeutet Gemeinschaft, Nächstenliebe ist alltäglich.
Zum Bauen. Eigentlich sollte bereits vor Monaten in der Kirche an der Bunsenstraße alles losgehen. Doch es dauert, die Baugenehmigung ist da, aber auf endgültige Förderbescheide wartet man noch. Wie berichtet, hat die Gemeinde ein Konzept erarbeitet, dass aus Kirchenraum und Gebäude ein Zentrum wird, in dem die verschiedenen Angebote laufen können, also Kindertafel mit Hausaufgabenhilfe, ein Mittagstisch, Sprachkurse, Gesprächskreise und und und. Zudem wandelt sich der ehemalige Pastorentrakt, dort entstehen sechs Wohnungen. Sie sollen ebenso zur Finanzierung der künftigen Arbeit beitragen, wie Besprechungsräume und Büros, die man vermieten möchte.
Auf gut 3,4 Millionen Euro schätzen die Verantwortlichen die Kosten, einen Puffer haben sie eingeplant. Doch der wird kleiner. Ursprünglich wollten sie ohne Ausweichquartier klarkommen. Das geht nicht, so laut und dreckig werden die Bauarbeiten. Da sie später anfangen können, müssen sie für das Schützenhaus länger Miete zahlen.
Antje Stoffregen sagt, kirchliche Organisationen gäben Bares, dazu diverse Stiftungen, auch städtische, denn Paul Gerhardt erledigt letztlich einen Teil Sozialarbeit für die Stadt. 400 000 Euro will die Gemeinde aus eigener Kraft besteuern. Die Diakonin lächelt froh und stolz: "320 000 Euro haben wir schon zusammen durch Spenden." Den Rest würden sie auch noch schaffen.
Wenn Jesus Einkehrte, er würde wahrscheinlich auf einen zweiten Kaffee wiederkommen. Antje Stoffregen könnte ihm bei einem Schnack sagen, wie sie das Engagement und Leben im alten Schützenhaus empfindet: "Das ermöglichen zu können, ist ein Geschenk des Himmels." Carlo Eggeling
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am 25.01.2026 um 14:33:06 Uhr
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