Wolgazander wandert über Kanäle ein
von Anglerverband Niedersachsen am 02.03.2026Neue Raubfischart bereitet sich in Norddeutschland aus – Angler liefern wertvolle Daten
Eine aktuelle wissenschaftliche Publikation des Anglerverband Niedersachsen e.V. (AVN) präsentiert spannende Erkenntnisse zu einer neuen Fischart in unseren Gewässern.
2010 berichteten Angler von ungewöhnlich aussehenden Zandern, gefangen im Mittellandkanal bei Braunschweig: sehr dunkle, kräftige Streifen bis zum Bauch, eine hohe erste Rückenflosse und keine sichtbaren spitzen Fangzähne. Diese Anglerfänge markieren die ersten Nachweise eines Wolgazanders (Sander volgensis) in Deutschland. Dank eines Citizen-Science-Projektes des AVN kann die rasante Ausbreitung der neuen Fischart anhand von über 1.100 Fangmeldungen bis heute sehr präzise nachvollzogen werden. Und bietet Raum für Spekulationen darüber, welchen Einfluss der neue Räuber auf heimische Fischarten haben könnte. Sämtliche verfügbaren Informationen zum Wolgazander fasst die neue Publikation von Projektleiter Dr. Matthias Emmrich im Wissenschaftsmagazin „Zeitschrift für Fischerei“ zusammen.
Zander ohne Zähne
Wie der Name vermuten lässt, liegt der natürliche Verbreitungsschwerpunkt des Wolgazanders eigentlich im Osten Europas. In etwa vom Ural, über das Schwarze Meer bis nach Ungarn und die Donau aufwärts bis Österreich. Überall überschneidet sich sein Vorkommen mit dem des Zanders (Sander lucioperca), der auch bei uns heimisch ist.
Auf den ersten Blick mögen beide Arten sehr ähnlich aussehen. Doch es gibt eindeutige Merkmale zur sicheren Unterscheidung der eng verwandten Raubfische. Ein Blick ins Maul genügt: Dem Wolgazander fehlen die ausgeprägten Fangzähne des Zanders, auch „Hundszähne genannt. Außerdem hat der östliche Verwandte ein sehr markantes Streifenmuster, das bis weit hinunter zum Bauch reicht, ähnlich dem des Flussbarsches (Perca fluviatilis). Auch die erste der beiden Rückenflossen ist immer höher als die zweite. Und schließlich bleibt der Wolgazander mit maximal 65 cm weit hinter der Größe kapitaler Zander zurück, die z. B. in Elbe und Weser weit über einen Meter lang und über 10 kg schwer werden können.
Anglerfänge liefern wertvolle Daten
„Wir können anhand unserer Daten und ständig neuer Fangmeldungen quasi seit Jahren live miterleben, wie sich eine gebietsfremde Fischart in Norddeutschland ausbreitet“, erläutert Dr. Matthias Emmrich, Fischereibiologe und Raubfisch-Experte beim AVN. „Ohne die Fänge der Angler wäre uns dieser heimliche Eroberungszug komplett verborgen geblieben, denn im Rahmen wissenschaftlicher Fischbestandsuntersuchungen gelingen Nachweise des Wolgazanders bisher nur äußerst selten.“
Schiffbare Wasserstraßen spielen bei der Ausbreitung des Wolgazanders eine wichtige Rolle: Sie verbinden ehemals isolierte Flusssysteme und fungieren quasi als „highways“ für gebietsfremde Arten, so Emmrich weiter.
Ausgehend vom ersten Nachweis bei Braunschweig hat der gestreifte Räuber sein Verbreitungsgebiet in Norddeutschland innerhalb von 15 Jahren enorm vergrößert. „Uns liegen mittlerweile bestätigte Nachweise des Wolgazanders aus elf Gewässern in sechs Bundesländern vor“, berichtet Matthias Emmrich.
Der Mittellandkanal von Rheine bis Magdeburg inklusive seiner Stich- und Verbindungskanäle, der gesamte Elbe-Seitenkanal und die Elbe unterhalb von Hamburg bis nach Bleckede sowie im Bereich Magdeburg gelten mittlerweile sogar als Wolgazander-Hotspots. Einzelnachweise liegen zudem für die Weser bei Bremen sowie für das Havelsystem vor. Eine Besiedlung des Westdeutschen Kanalnetzes und des Rheinsystems in naher Zukunft hält Wolgazanderexperte Emmrich für sehr wahrscheinlich.
Über 1.100 Fangmeldungen ausgewertet
Über eine App konnten Angler ihre Fänge und den Fangort melden, Fotos zur Überprüfung hochladen und gefangene Exemplare zur Untersuchung an den AVN schicken. Zusammen mit seinen Kollegen beim AVN hat Emmrich über 1.100 Fangdaten und über 200 Wolgazander untersucht, um Rückschlüsse auf die Verbreitung, das Wachstum und die Ernährung der neuen Fischart ziehen zu können.
Kumpel oder Konkurrent?
In den ersten Lebenswochen ernähren sich alle Raubfische meist von millimeterkleinem Zooplankton, z.B. Wasserflöhen. Erst mit zunehmender Größe werden sie zu reinen Fischfressern. „Der Wolgazander ist ja nicht die einzige neue Fischart in unseren Kanälen und Flüssen“, erläutert Emmrich und verweist auf Grundelarten, die sich etwa gleichzeitig mit dem Wolgazander bei uns etabliert haben.
Schwarzmundgrundeln, Kesslergrundeln und die kleine Marmorierte Grundel kämen mittlerweile ins fast ganz Niedersachsen vor und seien eine perfekte Beute für Raubfische. Barsch, Zander, Quappe, Aal und Wels und eben auch der Wolgazander profitieren von den neuen Kleinfischarten. Die Raubfische konkurrieren gerade in jungen Jahren um gleiche Nahrungsressourcen, bis die Arten wie Zander und Wels Größen erreichen, die ihnen das Erbeuten auch größerer Fischer ermöglichen. Emmrich geht jedoch davon aus, dass der kleinere Wolgazander in unseren Gewässern keine ernste Gefahr für heimische Raubfische darstellt.
Allerdings ist aus seinem natürlichen Verbreitungsgebiet bekannt, dass sich Wolgazander und Zander kreuzen können, auch wenn diese Ereignisse in freier Natur offenbar sehr selten vorkommen. „Ob diese Hybridisierung eine mögliche Gefahr für unsere Zanderbestände bedeutet, können wir noch nicht abschätzen,“ so Emmrich. Aus deutschen Gewässern sind bislang noch keine Hybriden bekannt.
Aus dem Kanal in die Küche
Die rasante Arealerweiterung in knapp 15 Jahren verdeutlicht, wie gut der Wolgazander auch an unsere heimischen Gewässersysteme angepasst ist. Kanäle, langsam fließende Flüsse – überall in Norddeutschland finden die kleinen Zanderverwandten perfekte Lebensräume. Wie und wo sie etwa im Mittellandkanal laichen, ist allerdings nicht geklärt. Bisher konnten die AVN-Experten noch keine Wolgazanderlarven oder kleine Jungfische nachweisen. Offenbar findet die Eiablage etwa später als beim Zander statt, im Mai/Juni, vermutlich aber an ähnlichen Stellen mit sandigem Untergrund und kleinen Strukturen wie Pflanzenmaterial. Im Gegensatz zum heimischen Zander betreiben Wolgazander-Männchen keine Brutpflege.
Als nicht heimische Art haben Wolgazander in Niedersachsen keine Schonzeit und kein Mindestmaß. „Ich kann jeden nur ermutigen, einen gefangenen Wolgazander für die Küche mitzunehmen. Die Fische schmecken ausgezeichnet!“ schwärmt Matthias Emmrich.
Das Team des AVN wird die weitere Ausbreitung des Wolgazanders weiter mit Spannung verfolgen und hofft dabei auch weiterhin auf die Unterstützung durch Angler. „Die Erfolgsgeschichte des Wolgazanders ist ein Paradebeispiel dafür, wie wichtig Fangmeldungen der Angler-Community sind. Nur mit ihrer Hilfe können wir in vielen Fällen einen ungefähren Eindruck davon gewinnen, was uns sonst unter der Wasseroberfläche verborgen bleibt und daraus ableiten, wie wir unsere Fischbestände fördern und bestmöglich schützen können.“
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