Zeitfrage — warum manches liegen bleibt
von Carlo Eggeling am 28.02.2026Meine Woche
Echt keine Zeit
Ein wahnsinnig voller Terminkalender ist eine gemeine Sache. Immer im Einsatz für das Große und Ganze, für Lüneburg. Da bleibt leider, leider zu wenig Zeit fürs Kleinklein. Kann natürlich sein, dass die Basis wichtig ist, wenn es um den städtischen Wandel geht. Ansichtssache. Ich habe neulich Erik Pauly kennengelernt. Mit seinem Partner betreibt er seit eineinhalb Jahren die Schokothek an der Oberen Schrangenstraße. Edelsüß, hochpreisig, erfolgreich. Antje Blumenbach zieht mit einem Teil ihrer Provinzperle, schöner Kleinkleinkram und Wein, bei den Herren ein. Eine Kooperation, die zeigt, wie Handel sich verändert, wohl auch verändern muss bei hohen Pachten und Auflagen.
Erik ist — wenn man will — Basis. Da hat man Wünsche und muss lernen, wünschen kannste dir viel. Er habe gedacht, dass angesichts Dutzender Leerstände in der Innenstadt, die Chefin der Lüneburg Marketinggesellschaft (LMG) und die Oberbürgermeisterin in ein neues Geschäft kämen: "So viele sind das ja nicht über ein Jahr." Wer in Zeiten eines durch Amazon und andere Bringdienste angeschlagenen Einzelhandels in so ein Risiko gehe, der tue etwas gegen die Verödung der Innenstadt.
Doch seit Sommer 2024 hätten weder Gitte Lansmann noch Claudia Kalisch den Weg zu den erlesenen Pralinen gefunden. Wahrscheinlich wegen des vollen Terminkalenders. Anerkennung, Austausch über Sorgen der Händler, ein Kennenlernen -- Erik hatte eine naheliegende Idee, ohne die Erwartung großer Zusagen.
Für mich hat sich das Zuhören gelohnt. Die stabile Seitenlage jenseits der großen Meilen sei gut, bilanziert Erik: Vom Vierorten-Parkhaus schlendern Touristen durch die Straße, an der sich Trödelladen, Rad-Kombinat, Patisserie, Töpferei und und und kuscheln. "Die kommen rein und sind begeistert, was es alles gibt", sagt Erik. Lüneburger wüssten von dem pulsierenden Leben in den Gassen oft nichts -- warum nicht?
Vielleicht erklärt sich so die mögliche Unkenntnis bei Frau Lansmann und Frau Kalisch, nie da, um mal zu Seite zu blicken -- übervoller Terminkalender. Man könnte das Potential allerdings entdecken und lernen. Die Schrangenstraßen-Gestalter überlegen, eine Interessengemeinschaft zu gründen. Spricht für Engagement und Anpacken, anders als zig Gesprächskreise und Dialogräume, die sich so gern mit sich selbst austauschen und ein Stadtbild entwerfen, welches von der Basis ein ganzes Stück entfernt scheint.
So kann's auch an anderer Stelle sein. Auf dem Markt schütteln Händler den Kopf über die LMG. Die plant für April den verkaufsoffenen Sonntag. Allerdings an den Marktleuten vorbei. Sie haben mir einen Plan der LMG gezeigt, der ist sehr konkret. Marktstände sollen ausweichen. Ihr Konzept, bestimmte Wagen mit Essen zu konzentrieren, sodass die einen sich Nudeln, die anderen Bratwurst oder Kuchen schmecken lassen können, interessiere nicht mehr. Anders aufstellen, weil Autohändler Platz auf dem Markt erhalten sollen: "Dabei kommen die Kunden doch zu uns auf den Wochenmarkt."
Die gestandenen Männer und Frauen fragen sich, was sie vom Gerede halten sollen, was für ein Schatz der Markt sei. Sie würden abgedrängt, nicht zum ersten Mal, eine saftige Gebührenerhöhung der Stadt wurde gerade erst eingefangen, als die Pläne durchsickerten und nach einem Beitrag bei LA plötzlich die SPD in Bewegung brachte und den Kämmerer nachdenklich stimmte. Aus dem Vorstand der Marktbeschicker heißt es: "Warum reden die nicht rechtzeitig mit uns?" Zumal der Marktverein zu den Gesellschaftern der LMG gehöre. Ist wieder ein Basis-Problem -- ganz oben blickt man aufs Große und Ganze, das Kleinklein; ich bitte Sie!
Ach ja, Autohändler auf dem Marktplatz. Ich warte auf den grünen persönlichen Parkplatzzähler der Oberbürgermeisterin, der uns so oft Fotos leerer Parkhäuser präsentiert hat. Nicht weil ihm einfiel, dass es an Kunden mangeln könnte, sondern weil Auto abstellen kein Problem sei. Sie erinnern sich: Das anachronistische Blech soll doch für Grüne und ihre vielen Freunde bei den Speichen-Organisationen weitgehend raus aus der Stadt.
Nun präsentiert sich das Konzept „vorvorgestern“, also vier Reifen statt zwei, mitten in der Stadt zu Lasten der Marktbeschicker, der angeblich am besten per Lastenrad zu erreichen ist? Bestimmt liefert uns das Kalische Chefdenker-Büro eine ökologisch zukunftsweisende Begründung. Die LMG natürlich ebenfalls.
Frau Lansmann und ihre Innenstadtgestalter dürften bald ein Füllhorn über Lüneburg ausschütten -- zig neue Ideen, wie man in der Stadt feiern und gut zusammenleben kann. Sie erinnern sich auch hier: Unbedingt sollte die LMG zu 75 Prozent kommunal getragen sein, um Fördermittel einzuwerben. Also mussten Handel, Schausteller, Marktleute Anteile und damit Einfluss abgeben. Dann könne man was erleben. Bislang erleben wir vier verkaufsoffene Sonntage, alle zwei Jahre langweiliger werdende Sülfmeistertage und jährlich ein abgewetztes Stadtfest, das künftig einen Tag länger währen soll. Unglaublich innovativ oder? Einen Tag länger -- Wahnsinn, mehr geht kaum. seit Jahr und Tag.
In Hannover und anderswo erzählt man sich, es brauche zunächst gute Ideen, bevor sich das große Förder-Portemonnaie öffne. Daran mangle es. Die 75-Prozent-Strategie ist sicher richtig. Irgendwann. Wenn man mal wieder Zeit findet, schließlich fordert das Große und Ganze unendlich viel Platz im Terminkalender.
Auch am Mittwochabend, als es um die Entwicklung der Innenstadt ging, Wohnen und so'n Zeug. Die Oberbürgermeisterin kam zur Eröffnung da, dann musste sie gehen -- das ehemalige Lünebuch-Haus war voll mit Bürgern, die hören wollten, wohin es es gehen solle. Kleinklein. Sie verstehen, der Terminkalender.
Erik zog übrigens lächelnd eine melancholische Bilanz: "Lüneburg stirbt qualvoll, wie andere Städte auch. Nur ein bisschen langsamer." Es liegt an Menschen wie ihm, die Zeit zu ziehen. Falls bei Stadt-Chefinnen die Kalender übervoll sind — Mut zur Lücke. Zuhören, machen.
Meine Lücke im Terminkalender war danach gut gefüllt. Neue Blickwinkel. Wie schön. Und die Pralinen sind ein Gedicht. Süßes Wochenende. Carlo Eggeling
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