Lüneburg, am Mittwoch den 04.02.2026

Zwangsarbeit war alltäglich — kaum einer wollte davon wissen

von Carlo Eggeling am 03.02.2026


Das Rathaus wusste es nicht oder wollte es nicht wissen: Auf eine Anfrage hieß es 1999, die Stadt habe während des Nationalsozialismus keine Zwangsarbeiter beschäftigt. Schon damals gab es Hinweise, dass die Verwaltung ebenso wie zahlreiche Firmen aus der Region Menschen arbeiten ließen, die aus ihrer Heimat an die Ilmenau verschleppt worden waren. Ausgebeutet, unter schlimmen Bedingungen untergebracht, mit zu wenig Essen, einer schlechten bis keiner medizinischen Versorgung. Das Wort Arbeitssklave beschreibt den Zustand und die Lage von Männer, Frauen und Jugendlichen treffend.

Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) zeichnet mit einer Broschüre die "NS-Zwangsarbeit in der Stadt Lüneburg" nach. Selbst Mädchen und Jungen ab zehn Jahre verschonten die Machthaber und ihre Helfer nicht. 221 Kinder aus Polen und der Sowjetunion waren von 1939 an bei der AOK Lüneburg versichert, 41 weitere bei der Innungskrankenkasse und noch einmal 62 bei der Kasse der Saline. Noch mehr Zahlen. Die Autoren haben herausgefunden, dass rund 2500 bis 2800 Zwangsarbeiter bei Behörden gemeldet waren. Doch nicht alle tauchten in der Statistik auf, es dürften Hunderte mehr gewesen. Zum Vergleich: 1939 lebten rund 33 000 Menschen in der Stadt Lüneburg.

Deutschland hatte weite Teile Europas überfallen und mit Krieg überzogen -- Männer kämpften an den Fronten. Sie fehlten in Fabriken, Werkstätten, auf Feldern. Zwangsarbeiter sollten Lücken füllen. Die Broschüre listet reihenweise Unternehmen auf, bei denen die Verschleppten schuften mussten: die Betonfabrik Müller am Ovelgönner Weg, die Leimfabrik Scheidemandel am Schwalbenberg, die Wachswerke an der Roten Bleiche, die Knäckebrotfabrik in der Goseburg, die Fassfabrik Rabe am Bardowicker Wasserweg.

Die Broschüre summiert Handwerksbetriebe: Havemann, den Schuster Bergmann, mehrere Schlachter wie Sander, Heinatz, Müller, den Fahrradhändler Cordes, die Eisenwarenhandlung Schröder, dazu kommen Hotels und Cafés wie Rauno, Rosenkrug, der Lübecker Hof und Privathaushalte.

Zwangsarbeiter gehörten also zum täglichen Anblick. Da so viele in der Stadt vom System der Ausbeutung profitierten, gab es wenig Interesse, nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus dieses düstere Kapitel der lokalen Geschichte nach 1945 aufzublättern. Die Autoren schreiben, wie sich Unternehmer bis in die 1990er Jahre wegduckten, als es darum ging, Geld in einen Entschädigungsfonds einzuzahlen, um das Leid der damals noch lebenden Opfer zumindest finanziell ein wenig zu lindern.

Das Autoren-Team um Peter Asmussen lässt ehemalige Zwangsarbeiter zu Wort kommen, manche besuchten Lüneburg unter anderem auf Initiative der VVN lange Jahre nach dem Krieg Lüneburg, um über ihr Schicksal zu sprechen. Galina Martinowa, die 2006 kam, sagte: "Niemals darf man das Geschehene vergessen, damit es sich nicht wiederholt. Niemals!"

Die Verfasser des 114 Seiten starken Hefts greifen neben Quellen und Interviews unter anderem auf Arbeiten wie von Nils Köhler zurück, der sich bereits Anfang der 2000er Jahre intensiv mit Zwangsarbeit im Nordosten Niedersachsens beschäftigt hatte. Es bleibt das Verdienst, weitere Details gefunden zu haben, den Namenlosen von damals doch einen Namen und ein Schicksal zu geben.

80, 90 Jahre her? Hat mit uns nichts mehr zu tun? Der Nationalsozialismus, durch den Millionen Menschen starben, ein Unfall der Geschichte? Lokalgeschichte zeigt, es passierte nicht weit weg. Es profitierten Familien, die noch heute in der Region leben und arbeiten. Die Häuser, in denen Gewalt geschah, die Straßen, über die die Elenden laufen mussten, die Grundstücke auf denen Lager standen -- alles noch da und Teil unseres -- nun anderen -- Lebens. Geschichte passiert auch heute vor unseren Augen. Carlo Eggeling

Das Heft ist erhältlich im Büro der VVN im Gewerkschaftshaus an der Heiligengeiststraße für sechs Euro oder als Bestellung unter der E-Mail info@vvn-bda-lueneburg.de per Rechnung inklusive Porto für acht Euro.


Das Foto zeigt eine Unterkunft am Pulverweg.

© Fotos: VVN-Broschüre


Kommentare Kommentare


Zu diesem Artikel wurden bisher keine Kommentare abgegeben.



Kommentar posten Kommentar posten

Ihr Name*:

Ihre E-Mailadresse*:
Bleibt geheim und wird nicht angezeigt

Ihr Kommentar:



Lüneburg Aktuell auf Facebook