120 000 Euro Miete für Leerstand
von Carlo Eggeling am 24.09.2026Der Landkreis hat einen Sozialträger gefunden, der den Tagesaufenthalt an der Schießgrabenstraße betreiben möchte. Um wen es sich handelt, verrät das Landratsamt nicht. Die Organisation soll im Kreis, aber auch landesweit tätig sein in den "Bereichen Jugendhilfe, Suchthilfe und Eingliederungshilfe. Der Anbieter ist damit in der Region gut vernetzt. Darüber hinaus betreibt er an anderen Standorten in Niedersachsen Angebote, darunter auch einen Tagesaufenthalt und niedrigschwellige Treffs." Bei einem persönlichen Gespräch hätten Vertreter des Trägers mit ihrem Konzept überzeugt. Mutmaßlich geht es um eine paritätische Organisation, was aus Kreisen der Verwaltung unter der Hand bestätigt wird.
Noch ist allerdings nicht alles in trockenen Tüchern. Kreissprecher Dominik Gerstl sagt: "Derzeit wird ein Vertragsabschluss bis Ende dieses Jahres angestrebt."
Wie berichtet, wollte die Stadt den Anlaufpunkt zunächst selbst betreiben, um der Drogen- und Alkoholszene parallel zum repressiven Vorgehen des Kommunalen Ordnungsdienstes ein soziales Angebot zu machen. Das klappte nicht, die Politik zerpflückte die Ideen von Sozialdezernentin Gabriele Scholz. Auch finanziell lief es nicht. Der Landkreis übernahm und setzt auf Vorgaben des Landes, das weitgehend die Finanzierung übernimmt. Dafür aber muss das Haus barrierefrei sein -- was es nicht ist. Ein Lift soll die Not beheben.
Die beiden Wohnungen oben drüber wollte das Rathaus nach Ideen des Housing first über einen Anbieter für Bedürftige nutzen. Auch der Ansatz überzeugte nicht unter anderem weil der von der Stadt präsentierte Favorit aus Sicht von Politikern nicht den Anforderungen entsprach. Frau Scholz und ihre Kollegen sind offenbar immer noch auf der Suche nach einem Betreiber, denn auf Nachfrage antwortet das Sozialressort: "Sobald die Verfahren (Ausschreibung für einen Träger und Baugenehmigung) abgeschlossen sind, werden wir die Politik und die Öffentlichkeit informieren." Wann das sein wird, lässt die Dezernentin offen.
Das bisherige Vorgehen kostet Geld. Auf Nachfrage erklärt die Verwaltung, "der Mietvertrag wurde zum 1.3.2026 geschlossen. Zu dem Zeitpunkt war die vorherige Nutzung bereits beendet. Bis einschließlich September/Oktober sind etwa 120.000 Euro an Mietkosten aufgelaufen." Es kommen also weitere Monate hinzu, in denen die Räume leer stehen und weiterhin Miete fressen.
Als ungeeignet hat der Lebensraum Diakonie das Gebäude eingeordnet und will daher den Treff nicht übernehmen. Der Verband betreibt die Herberge und bringt im Auftrag der Stadt Wohnungslose unter. Er führt zudem den Tagestreff an der Salzstraße, der "Wendepunkt" richtet sich an eine Klientel wie es der neue Treffpunkt auch tun soll. Eine Kritik der Diakonie: Es gebe nur eine Toilette, keine eigene für Frauen. Die seien aber öfter von Gewalt betroffen und bedürften eines besonderen Schutzes.
Bekanntlich haben Nachbarn Bedenken angemeldet, sie sorgen sich, wenn das Haus zum Anlaufpunkt für Menschen mit Sucht- und anderen Problemen werden soll. Die Stadt hat daher den hinteren zur Ilmenau gehenden Hof mit einem Zaun abgetrennt. Die Anlage erinnert an einen Käfig, soll aber so bleiben.
Ein anderer Baustein im Ansatz der Stadt soll Streetwork sein. Einen Vertrag mit dem Lebensraum Diakonie, der eineinhalb Jahrzehnte die "aufsuchende Sozialarbeit" übernommen hatte, lässt die Sozialverwaltung zu Ende Oktober auslaufen. Es hatte Reibereien gegeben, Insider berichten, die Sozialarbeiter hätten künftig stark im Sinne des Ordnungsdienstes agieren sollen. Das habe man nicht gewollt. In einer gemeinsamen Erklärung beider Seiten ist davon nichts zu lesen. Man trenne sich. Punkt.
Die Stadt sucht offenkundig noch nach Sozialarbeitern, die die Szene betreuen wollen. Entsprechende Stellenanzeigen finden sich im Netz. Die Bewerbungsfrist wurde zwischenzeitlich verlängert. Vom Verband sei keiner zur Stadt gewechselt. Das Rathaus will das nicht kommentieren. Die Frage nach der Zahl der Bewerbungen lässt Frau Scholz offen. Es scheint also schwierig, einen gemeinsamen Übergang samt Einarbeitung mit den jetzigen Sozialarbeitern und ihren möglichen Nachfolgern hinzubekommen.
Das Thema dürfte nach der Wahl weiter und heißer kochen. Aus SPD, CDU, FDP und Linke ist zu hören, wie unzufrieden sie mit der Entwicklung sind. Im nächsten Rat sitzt ein Mann vom Fach: Thorben Peters von der Linken leitet die Herberge am Kalkberg und die Unterbringung. Der Mann kann seinen Kollegen helfen, unangenehme Fragen zu stellen und so Druck zu machen. Carlo Eggeling
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