Abstand zum Fundament
von Carlo Eggeling am 18.07.2026Meine Woche
Parteilos parteiisch
Hannover wollte eine schöne neue Welt schaffen, wenn ein Bürgermeister oder Landrat statt fünf künftig acht Jahre in einem Rathaus schalte könnte, stünden Bewerber vor der Verwaltungstür Schlange. Die Verlängerung sei für die Lebensplanung total schön. Fürs Volk eventuell nicht so, da können selbst fünf Jahre an der Verwaltungsspitze dazu führen, an einem Umzug zu denken.
Was SPD, Grüne und CDU tirilieren ließ, endete desillusionierender als ein Bockflötenkonzert in der musikalischen Früherziehung. Denn statt vor der Kommunalwahl Jubilate anzustimmen, pfeifen Parteien oft aus dem letzten Loch bei der Suche nach Gesichtern.
Dabei galt Bürgermeister lange als begehrtes Amt. Galt. Vergangenheit. In Amelinghausen beispielsweise tritt nur Amtsinhaber Christoph Palesch an, die CDU stellt dem Sozialdemokraten niemand entgegen. In Bleckede will es Dennis Neumann noch einmal probieren, parteiübergreifend. Die AfD hätte dort genug Potential, einen Bewerber ins Rennen zu schicken. Kreisvorsitzender Stephan Bothe sagte mir: "Wir haben das Problem wie andere Parteien auch, wir haben niemanden." In Gellersen soll's ein FDPler für die CDU mitmachen, ihm tritt eine SPD-Frau entgegen. In Dahlenburg möchte Uta Kraake die Frau für fast alle sein, Marei Karge versucht es als Parteilose.
Sogar in Lüneburg dauerte es lange, bis CDU und SPD Kandidaten unter Presswehen ans Licht der Welt brachten. Christdemokrat Patrick Pietruck hatte zunächst erzählt, er wolle nicht. Nach erfolgloser Suche im schwarzen Kosmos leuchtet er als Stern oder Komet am Firmament der Konservativen; er kämpft mit viel Engagement. Das ist so oder so eine Empfehlung, auch für andere Aufgaben. Bundespolitik hat was.
Die Sozis setzten nach ratloser Suche auf Oliver Wozinok. Der schoss nicht wie eine Rakete in den rosaroten Himmel, selbst Genossen fragten: Wer ist das? Er hat sich aus gesundheitlichen Gründen verabschiedet. Es klingt gemein, aber für die SPD wirkt es wie ein Segen, denn jetzt mischt Andrea Schröder-Ehlers mit. Wenn man es genau nimmt, ist sie mit ihrer Biografie die einzige der acht Bewerber in Lüneburg, die Verwaltung kann: gelernte Juristin, Fachbereichsleiterin im Rathaus, Landtagsabgeordnete und aktuell Vize-Präsidentin des Landesrechnungshofs. Die Frontfrau dürfte Statur und Kompetenz für die schwindsüchtige SPD bedeuten.
Wer antritt, will gern als everybodys darling lächeln, über allen schwebend. Die Partei bildet eigentlich das Fundament, doch Kandidaten wollen nicht zu viel Nähe. Denn vielen Bürgern scheint der Klassiker eher bäh bäh. Achten Sie auf Wahlplakate, die Logos fallen kaum in den Blick oder tauchen gar nicht auf wie bei der Grünen Claudia Kalisch in Lüneburg. Die Grünen, eine Partei, die Themen setzte, das Land mit klugen Köpfen nach vorne brachte. Aller Ehren wert.
Doch wie bei anderen auch, soll's irgendwie Fundament ohne Bodenhaftung sein. Frau Kalisch möchte nicht einfach grün sein. Weil sie sich aus dem Amt heraus bewerbe, sei sie Oberbürgermeisterin aller Lüneburger. Das ist selbstverständlich, das Amt als solches schreibt vor, die Chefin soll das Wohl aller Lüneburger im Blick haben. Also von hinten durch die Brust ins Auge: Die Partei spiele keine Rolle, aber natürlich sei sie Grüne.
Parteilos will Heiko Meyer sein, LCM-Vorsitzender und zum zweiten Mal mit guten Chancen am Start. Nun hat er sich aber aus Gründen, Spendenbescheinigungen ausstellen zu können, mit den Unabhängigen im Landkreis zusammengetan. Man könnte sagen, "Einer-von-uns-Heiko" schenkt dem Wahlkampf eine gewisse philosophische Tiefe: Abhängig von den Unabhängigen und gleichwohl unabhängig von den Abhängigen. Oder so ähnlich.
Ist kompliziert. Wie auch bei Wahlplakaten. Die seien überflüssig, lese ich immer wieder, niemand informiere sich so. Papierverschwendung. Allerdings habe ich den Eindruck, dass eine Menge selbstberufener Politikversteher zumeist kaum weiß, was in lokalen Räten besprochen wird und ein Parteiprogramm gelesen hat. Wäre es anders, würde kaum einer die AfD wählen.
Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat Studien ausgewertet und notiert zu Wahlplakaten: Bilder blieben tiefer im Gedächtnis haften als Texte, sie würden "schneller und besser erinnert und als Kommunikationsmittel allgemein eher akzeptiert". Wenn Sie bis hier gekommen sind, haben Sie viel Text hinter sich.
Vielleicht können Sie sich trotzdem ein Bild machen. Es dürfte nicht an der Länge der Amtszeit und Plakaten liegen, um Bewerber zu finden. Eher an der Frage, warum Parteien nicht ausreichend vermitteln, wofür sie stehen und somit Ziele. Ziele könnten Kandidaten locken — und Wähler überzeugen.
Ein gutes Wochenende, Carlo Eggeling
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