Lüneburg, am Samstag den 29.08.2026

Auf besuch bei der AfD

von Carlo Eggeling am 29.08.2026


Meine Woche
Die AfD hat schlechte Laune

Wenn ein Politiker etwas erzählt, soll man kritisch sein. Das empfiehlt die AfD, ich habe mir das in Reppenstedt angehört. Die Partei hatte den Bundestagsabgeordneten Stephan Brandner eingeladen. Der sagte, bei den Omas gegen Rechts müsse man aufpassen, die bräuchten Windeln. Bin ich also vorhin auf die Bäckerstraße und habe mir die Frauen angesehen und mich unterhalten. Keine nassen Hosen, keine Windeln, Damen mitten im Leben. Wie soll ich jetzt damit umgehen?

Der Dahlenburger Funktionär Kevin Ballay dröselte das Wort Antifa auf, ich meine, a stünde für arbeitsscheu, n für nutzlos, f für faschistisch. Eine Menge der Leute vor der Tür gehen geregelter Arbeit nach, engagieren sich in Vereinen, bei der Feuerwehr, in der Lokalpolitik, bei der Tafel. Also ich habe Zweifel, an dem, was Herr Ballay sagt.

Faschismus. Im Ursprung meint es Bündel und geht auf das klassische Rom zurück, hohe Beamte trugen Ruten und bündelten sie. Bündnis. Eindeutige Definition. Für Schnellleser reicht wikipedia: "Ab den 1920er Jahren wurde der Begriff für alle ultranationalistischen, nach dem Führerprinzip organisierten antiliberalen und antimarxistischen Bewegungen, Ideologien oder Herrschaftssysteme verwendet, die seit dem Ersten Weltkrieg die parlamentarischen Demokratien abzulösen suchten." Passt nicht zudem, was Herr Ballay sagte. Mag natürlich sein, dass er mehr weiß. Ansonsten Pinocchio oder so?

Redner treibt die Zuwanderung um. Zu viele, zu kriminell, zu teuer, Belastung für die Sozialsysteme. Bestimmt Themen, die man sich anschauen muss. Ganz viele sollen nach Meinung der AfD gehen. Ich habe mal auf die Seite des Statistischen Bundesamtes geklickt. Kann sein, dass die "von oben" manipuliert ist, ausschließen kann man nichts. Gut 30 Prozent der Bevölkerung besitzen einen Hintergrund als Zuwanderer, macht weit mehr als 25 Millionen Menschen in Deutschland aus. Wenn die alle raus sind, haben wir viel Platz. Sinken die Mieten.

Ist aber ein bisschen schade, weil Ärzte, Pflegepersonal, Handwerker, Ingenieure und ganze Döner-Pizza-Gyros-Wok-Branchen wegbrechen. Irgendwas ist immer. Ich will nicht jammern. Ich mag gern Bratkartoffeln mit Spiegelei.

Entschuldigung, mir stellt sich eine Frage. Ich habe in ein Namens-Lexikon geschaut. Ballay findet sich in Ungarn, vor allem aber in den Ardennen in Frankreich. Dort gibt es eine Gemeinde gleichen Namens. Wie deutsch ist Ballay? Gibt es da Überlegungen einer Remigration? Kevin hört sich nicht gerade friesisch oder nach Hunsrück an, spürten Eltern eine gewisse Sehnsucht nach der weiten Welt?

Mir gefällt es ganz gut in Deutschland, nicht alles aber das meiste. Völlig normal, mit Männern und Frauen aus dem Libanon, der Türkei, Afrika und der Ukraine zu trainieren. Ich freue mich, italienische Bekannte bei Felice in der Bar zu treffen, war ein großer Spaß neulich zum Fest bei Eunice und ihren Freunden aus Süd- und Mittelamerika eingeladen zu sein. Immer wieder esse ich beim Wok-Mann Ente und schnacke mit ihm über seine Kinder, eine Tochter ist Lehrerin. Von mir aus können die alle gern bleiben. Herr Ballay auch. Wahrscheinlich ist seine Familie vor Generationen zugewandert.

Verschlossene Türen habe ich übrigens nicht festgestellt bei der AfD. Ich konnte zuhören, filmen, mit Gästen reden. Ein bisschen eigen fand ich die Türsteher, die mich abgeklopft haben. Vor der Tür stand eine Hundertschaft Polizei. Dazu Kollegen des Staatsschutzes in zivil. Aber gut, jeder hat sein eigenes Sicherheitsbedürfnis.

Was mich bei einer relativ jungen Partei verwundert, ist die schlechte Laune. Alles so finster, alle sind gemein zu den AfDlern. Das schlägt aufs Gemüt. Wer neu ist und so viel Zuspruch hat, der müsste doch Begeisterung und Visionen mitbringen. Es dröhnt das Lamento des Abschieds von der Moderne und Kinkerlitzchenkram. Regenbogenfahnen raus aus Klassenräumen. Mein Güte, wen kümmert's, wer wen küsst?

Ich musste an die Grünen denken, als die vor 40 Jahren loslegten. Da fetzte man sich um Atomkraft, um Friedensbewegung, um Klassenkampf. Die hatten komische Leute dabei, übrigens welche, von denen man den Eindruck hatte, Duschen muss nicht oft sein, ein Waschlappen reicht. Der ehemalige grüne Minsterpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, hatte daran erinnert, als bei uns die Gasspeicher fielen. Bei komisch fällt mit der Pionier der Öko-Landwirtschaft ein, der zauselige Baldur Springmann, der grün und gleichzeitig Aktivist mit völkischem und nationalsozialistischem Hintergrund war. Oder Joschka Fischer, linker Steinewerfer aus Frankfurt, Taxifahrer, der es bis zum Außenminister brachte.

Es war anders, machte Spaß, bewegte. Brandner mit seiner Parade der Ordnungsrufe im Bundestag taugt in Reppenstedt für Johlen. Witzig geht anders. Vision auch. Wohin soll es also gehen? Habe ich nicht verstanden. Einer der Herren, warum keine Frau?, sprach über das viele Geld, dass Nicht-Regierungsorganisationen bekommen. Er reihte skurrilerweise das Theater in Lüneburg ein, das mit mehreren Millionen bezuschusst wird. Stimmt. Soll es zumachen? Ziemlich viel Theater im Saal mit schlechter Luft in Reppenstedt. Ich sag mal so, Brandner und Ballay, der TikTok macht, sind nicht unbedingt vergnügungssteuerpflichtig. Johlen, aber komisch?

Dass die Alternativen im Blauen Salon, warum der so heißt, versteht man wahrscheinlich erst nach fünf Bier und vier Korn, so böse waren über den Protest vor der Tür, erschließt sich mir nicht. Die draußen haben das gemacht, was man laut AfD in Deutschland angeblich nicht mehr kann: Ihre Meinung geäußert. Der Rechtsstaat umringte sichernd mit der Polizei die AfD, damit die ihre Meinung sagen konnte. Die Partei ohne erkennbare Alternativen echote durch die Zeitung und die sozialen Medien. Da hätte man doch nicht so eine schlechte Laune haben müssen.

AfD, Danke für die Einladung, aber die Show könnte besser werden: Jeden Zirkus Tingeltangel verlässt man heiterer als nach abgestandenen Späßchen. Gegen schlechte Laune hilft gute: Wochenende mit Rad fahren, Kaffee trinken, spazieren gehen. Himmel, Sonne, Wald oder Stadt genießen und Augen offenhalten, weil es schön ist.

Es hilft die Erkenntnis, warum Deutschland Zuneigung verdient: Dieses Land ist ein gutes Land, weil ich sagen kann, es ist ein scheiß Land. Carlo Eggeling

© Fotos: ca


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