Lüneburg, am Dienstag den 04.08.2026

Auf der Suche nach den Leichen — Ermittler stellen sich anders auf

von Carlo Eggeling am 04.08.2026


1000 neue Spuren

Göhrde-Morde: Neue Kollegen ermitteln in der Cold-Case-Einheit der Polizei. Das private Team um Hamburgs Ex-LKA-Chef Reinhard Chedor verfolgt neue Ansätze



Findet sich in diesem Gebirge von Spuren der entscheidende Hinweis dem mutmaßlichen Göhrde-Mörder Kurt-Werner Wichmann weitere Taten nachzuweisen? Kann sich hier der Treffer verbergen, um Wichmanns möglichen Komplizen dingfest zu machen? Die Polizei hat inzwischen mehr als 2000 Asservate gesammelt. Es gebe gut 2000 Altspuren, es seien 1000 neue samt Ermittlungsaufträgen hinzugekommen, sagt Polizeisprecher Laurits Penske. Aberhunderte Objekte würden auf DNA-Spuren untersucht.


Im Sommer 1989 starben das Ehepaar Reinold aus Bergedorf und das Liebespaar Ingrid Warmbier und Bernd-Michael Köpping in der Göhrde. Im gleichen Sommer verschwand Birgit Meier aus Brietlingen-Moorburg. Einen Zusammenhang sah die Polizei zunächst nicht, die Taten blieben ungeklärt. Erst 2017 kam man auf Kurt-Werner Wichmann, der sich 1993 das Leben genommen hatte: Die Lüneburger Kripo verkündete einen DNA-Treffer in einem Auto der Göhrde-Opfer. Der Bruder Birgit Meiers, Wolfgang Sielaff, fand mit einem privaten Team im September des Jahres die Überreste seiner Schwester unter der Garage von Wichmanns Haus am Lüneburger Stadtrand. Im Team des ehemaligen Chefs des Hamburger Landeskriminalamtes war sein Nachfolger Reinhard Chedor, der als Pensionär weiter auf Wichmanns Spur bleibt.


Laut einer Analyse der Polizei dürfte Wichmann für Gewalttaten im "hohen zweistelligen Bereich" infrage kommen. In der Gruppe Chedors arbeiten Gerichtsmediziner, Psychologen, Juristen, Kriminalisten und Journalisten mit. Einer davon bin ich.


Seit langem gehen Ermittler davon aus, dass Wichmann in der Göhrde und bei weiteren Taten einen Komplizen hatte. Wenn Wichmann die Wagen der Opfer nutzte, muss er zuvor in die Göhrde gekommen sein. Wer fuhr ihn? Im Verdacht steht jemand aus seinem engsten Umfeld. Die Polizei schweigt zur Identität, doch der Mann wurde 2017 vernommen, und ihm wurde eine DNA-Probe entnommen. Liegt ein Gegenstück in den Asservaten?


Die Polizeidirektion stellt die Cold-Case-Einheit neu auf. Leiter Thilo Speich steigt ein halbes Jahr aus, dazu geht ein Kollege in Pension, andere erhalten neue Aufgaben. Vorübergehend steht Julia Westerhoff an der Spitze, eine ihrer vorherigen Positionen war Pressesprecherin der Lüneburger Polizei -- sicher kein Nachteil.


Pressesprecher Penske und die Oberkommissarin berichten, dass weiterhin Hinweise eingingen. Die würden erfasst, abgearbeitet, oftmals ohne juristisch greifbare Ansätze. Wert lege man darauf, Hinterbliebene der Opfer über die Arbeit der Polizei zu informieren.


Neben den Göhrde-Morden geht die Polizei weiteren Fällen nach, zu dreien sagt sie nichts. Bei Gitta Schnieder, die im April 1989 bei Holm-Seppensen in einem Wald erstochen wurde, untersuche man Kleidung der damals 45-Jährigen erneut. Eine ursprünglich angenommene Verbindung zu Wichmann schließt die Polizei nun aus. In Chedors Team ist man sich nicht so sicher, vom Vorgehen und aufgrund weiterer Umstände könnte Wichmann eine Rolle spielen.


Chedor verfolgt bundesweit Ansätze. In Schwerin wurden nach der Grenzöffnung zwei Frauen ermordet. Die „Art“ könnte zu Wichmann passen. Der ehemalige Polizist hat dort eine Frau getroffen, die meint, über Stunden in Wichmanns Gewalt gewesen zu sein, sie entkam. Ähnliche Schicksale hat sich Chedor in der Nähe von Karlsruhe angehört. In Linkenheim-Hochstetten lebte Wichmann mehrere Jahre von 1976 an, sein möglicher Komplize hielt sich ebenfalls dort auf. Meldeunterlagen belegen das. Eine Mordserie beginnt, als Wichmann wegzieht, endet sie.


Chedor geht Anhalterinnen-Morden zwischen Bremerhaven und Cuxhaven nach. Zwischen 1977 und 1986 verschwanden dort sechs junge Frauen, ihre Leichen wurden nicht gefunden. Auch hier haben Frauen von Übergriffen berichtet – und von Wichmann und einem Begleiter.


Während die Polizei Cuxhaven Chedors Recherchen bezweifelt, konnten wir belegen, dass Wichmann 1970 als Auslieferungsfahrer für die Lüneburger Senf- und Essigfabrik Leppert regelmäßig in der Gegend war. Später hatte er dort eine Liaison mit einer wohlhabenden Witwe und weitere Beziehungen.


Chedor ist ein Mann, der überzeugt. An Orten, an denen Frauen möglicherweise von Wichmann bedrängt wurden, fand er mithilfe von Archäologen Munition. Dieselbe Art fand die Polizei in Wichmanns Haus.


Ruhen in diesem Gebiet möglicherweise die Überreste der Tramperinnen? Gemeinsam mit Altertumsforschern und dem ehemaligen Leiter der Hamburger Rechtsmedizin, Prof. Dr. Klaus Püschel, wurde Erdreich ausgehoben. Weitere Funde, aber bisher nichts, was auf die Frauen hindeutet. Die Auswertungen sind noch nicht abgeschlossen.


Sex spielte in Wichmanns Leben offensichtlich eine große Rolle. Er bot sich in Magazinen als bi-sexueller Partner an. Kam er so möglicherweise an Opfer heran? Auf einen meiner Artikel zu diesem Thema meldete sich eine ehemalige Prostituierte bei mir. 1991/92 sei Wichmann regelmäßig in einem Club bei Braunschweig als Kunde erschienen. Sie sei nicht mit ihm "aufs Zimmer" gegangen, er sei zwar nett aber unheimlich gewesen, sein "stechender Blick" habe ihr Angst gemacht.


Die Recherchen gehen weiter. Die Polizei arbeitet, Chedor auch. Ob es reicht, den Mittäter dingfest zu machen? Mord verjährt nicht, Beihilfe auch nicht. Carlo Eggeling


Weitere Informationen unter mordserie.de


Hinweise: carloeggeling@web.de



Die Fotos:


Spurensuche zwischen Cuxhaven und Bremerhaven. An diesem Ort könnte Kurt-Werner Wichmann aktiv gewesen sein. Zeugenaussagen deuten darauf hin. Anfang des Jahres waren wir mit dem Team und weiteren Helfern dort und haben den Boden unter anderem mit Sonden untersucht. Unter anderem fanden wir Rückstände von Munition. Soclhe Kleinkalibergeschosse hat auch Wichmann verwandt.


Vor Jahren meldete sich ein Autohändler bei mir und zeigte mir einen Koffer mit Muntion, Schreckschusswaffen und Wichmanns Führerschein, den er 1976 nach einer Haftstrafe neu machen musste. Den Fund übergaben wir der Polizei.


Teambesprechung: Reinhard Chedor und Klaus Püschel, er leitete drei Jahrzehnte die Hamburger Rechtsmedizin und lehrt weiter an einer Hochschule begleiten die Arbeit und packen mit an.


Das Schwarz-weiß-Bild stammt aus einem Film. Er entstand Ende der 1960er Jahre in der Lüneburger Disco "Straw". Der blonde Mann im weißen Hemd ist nach Aussage mehrerer Zeitzeugen Wichmann.


Eine gute Flasche soll es sein: Wichmann präsentiert seiner Frau Alice den Tropfen in ihrem Haus am Lüneburger Stadtrand.


Wichmanns Kindheit muss hart gewesen sein, der Vater soll einen Hund vor den Augen der Kinder getötet haben. Der Junge kam in Heime, in Berichten der Schule werden desolate Verhältnisse im Elternhaus beschrieben. Schon als Junge wurde er wegen sexueller Übergriffe auffällig.

© Fotos: ca


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