Aus für Sozialarbeit — Streetwork will die Stadt selber machen
von Carlo Eggeling am 18.08.2026Kontrolle und Sozialarbeit ist das von Oberbürgermeisterin und Sozialdezernentin seit Monaten beschworene Paar, mit dem man auf die Verelendung in der Innenstadt reagiert habe. Dabei betonte das Rathaus mehrfach, wie wichtig der Partner Lebensraum Diakonie dabei ist. Doch der ist nun raus. Scheidung? Es sei keine Kündigung, sondern der Vertrag laufe zum 31. Oktober aus, heißt es auf Nachfrage von LA in einer gemeinsamen Erklärung von Diakonie-Chefin Tanja Mainz und Sozialdezernentin Gabriele Scholz. Die Stadt werde die Streetwork zum 1. November übernehmen. Es scheint eine sehr interne Entscheidung der Stadträtin gewesen zu sein, denn Nachfragen bei Mitgliedern des Sozialausschusses von SPD, CDU und Grünen ergaben: "Wir wissen nichts davon."
Es knirscht schon länger im Gebälk zwischen Stadt und Sozialträger, der für die Stadt weitere Aufgaben wie die Unterbringung von Wohnungslosen übernommen hat. Zum Jahreswechsel gab es eine Pause der Streetwork, weil man sich bei einer Vertragsverlängerung nicht einig war. Alles kein Problem, befand damals das Rathaus, habe das Sozialressort nebenher mitbewältigt. Es ging ums Geld, bei Verhandlungen fand das zunächst getrennt Paar wieder zueinander.
Bei der Nachfragen zur aktuellen Trennung stellte sich eine weitere Überraschung heraus. Das Modell der aufsuchenden Sozialarbeit besteht seit rund eineinhalb Jahrzehnten. Seit Jahren beteiligte sich der Landkreis an den Kosten. Doch der ist seit vergangenem Jahr raus. "Wir haben bis 2025 pro Jahr 12.500 Euro gegeben, für 2026 und 2027 wurden von der Stadt keine Anträge auf einen Zuschuss gestellt", sagt Sprecher Dr. Ullrich Mansfeld. Daher wolle man das Ganze nicht kommentieren. Dass die Stadt die Mittel nicht beantragt hat, erstaunt, denn der Haushalt ist bekanntlich tief in den roten Zahlen.
Beteiligte wollen nicht offen über die Reibungspunkte sprechen, die angeblich seit längerem zwischen Sozialressort und Vertretern des Verbands bestehen: Die Verwaltung wolle über die drei Sozialarbeiter einiges über die Klienten erfahren. Das soll aus pädagogischer Sicht ungewöhnlich sein. Man verstehe sich als Anwalt der Menschen auf der Straße, nicht als deren Kontrolleur. Bislang war zu hören, alles laufe wunderbar in der Kombi Sozialarbeit, Kommunalem Ordnungsdienst und Polizei.
Dass der Lebensraum Diakonie keine eigene Stellungnahme abgeben will, verblüfft nur auf den ersten Blick: Er will weiter mit der Stadt zusammenarbeiten, der Bereich Soziales ist der Auftrag- und letztlich Geldgeber. Will man es sich deshalb nicht verscherzen? Kein Kommentar, hieß es auf Nachfrage vom Verband. Es gebe die gemeinsame Erklärung der beiden Chefinnen.
Die lautet so: "Im Interesse der betroffenen Menschen soll die bisherige gute Zusammenarbeit der Aufsuchenden Sozialarbeit mit bestehenden bzw. geplanten Einrichtungen und Diensten (Polizei, SpDi, Wendepunkt, drobs, AWO, Tagesaufenthalt (!), etc.) selbstverständlich ebenso fortgesetzt werden wie die bewährte Zusammenarbeit zwischen der Hansestadt Lüneburg und dem Lebensraum Diakonie e. V. bei der Unterbringung und Unterstützung wohnungsloser und besonders benachteiligter Menschen. Zu diesem Zweck streben beide Seiten einen guten Aufgabenübergang im Interesse der betroffenen Menschen an. Die Hansestadt Lüneburg bedankt sich beim Lebensraum Diakonie e. V. und seinen Mitarbeitenden für die bisherige gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit."
Es macht Sinn, die Trennung gemeinsam mit zwei weiteren Punkten zu sehen. Die Stadt hat heute verkündet, dass sie den Kiosken Bei der Abtspferdetränke /Berge / Auf dem Kauf zwischen 22 und 6 Uhr den Verkauf von Alkohol untersagt. Die Regelung gilt zunächst bis zum 31. Oktober und könne bei Bedarf verlängert werden. Den Zeitrahmen orientiere sich am "Bundesimmissionsschutzrecht zum Schutz der Nachbarschaft sowie der Allgemeinheit vor Lärmbelästigungen", so soll "eine Nachtruhe ab 22 Uhr ermöglicht" werden.
Zwei Imbisse, in denen es ebenfalls Getränke gibt, seien von der Verordnung nicht betroffen. Die Betreiber der Spätis seien im Juli informiert worden, bislang habe keiner Rechtsmittel gegen die Vorgabe eingelegt. Und: "Kontrollen erfolgen durch Personal der Hansestadt, überwiegend durch den Kommunalen Ordnungsdienst."
Hintergrund der Regelungen seien zunehmende Beschwerden von Anwohner über Lärm und andere Belastungen. Die haben Geschäftsleute geschildert: Schlägereien, Hauseingänge, die als Toiletten benutzt werden.
Ob das Vorgehen Erfolg hat, bezweifelt unter anderem der CDU-OB-Kandidat Patrick Pietruck: Alkohol könne zuvor gekauft oder von Supermärkten mitgebracht werden. Die CDU, die zum Thema in den vergangenen Wochen mehrere Anträge im Rat gestellt hat, fordert eine Mischung aus Sozialarbeit und Repression -- also unter anderem mehr Kontrollen durch den Ordnungsdienst.
Zu beobachten ist zudem, dass sich ein Teil der Drogenszene schon vor Monaten das Wasserviertel mit der Ecke Bergström-Komplex und Ilmenaustraße zum neuen Treffpunkt erkoren hat. Es wurde mehr, nachdem der Sand zu alkoholfreien Zone erklärt, es überdies am Karstadt-Parkhaus und an der von Büschen weitgehend befreiten und von der Polizei stärker bestreiften Ilmenaustraße ungemütlicher wurde. Sozialarbeiter sprechen von Verdrängung.
In diesem Zusammenhang soll auch der Tagestreff an der Schießgrabenstraße eine Rolle spielen. Ursprünglich wollte Sozialdezerntin Scholz den Treffpunkt mit einem Partner bespielen. Ihre Ideen fanden keinen Anklang in der Politik, und zudem wollte man einen anderen Kostenträger finden. So kam der Landkreis an Bord, der wiederum Förderung vom Land einstreichen möchte. Ein sogenanntes Interessenbekundungsverfahren hat begonnen, Träger können sich mit einem Konzept bewerben.
Fraglich ist aus Sicht von Fachleuten, ob das Haus an der Schießgrabenstraße überhaupt geeignet ist, es besitzt derzeit keinen barrierefreien Zugang, auch der Zuschnitt der Räume ist ein Kriterium.
Es ist Wahlkampf. Aus der Gemengelage könnten politische Themen hochkochen. Carlo Eggeling
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