Behindert? Na und. Wie man sich für seine Anliegen einsetzt
von Carlo Eggeling am 13.07.2026Demokratie ist eine anstrengende Sache. Meinungen anhören, abwägen, gemeinsam Vertreter wählen, die sich für Interessen einsetzen. Bei der Lebenshilfe Lüneburg-Harburg versuchen sie seit langem, das Prinzip umzusetzen. Und es läuft. Doch man möchte besser werden. „Wir zuerst! Selbstbestimmung von Bewohnern*innen und Bewohnervertretungen stärken!“, heißt der Ansatz, der über die Aktion Mensch in den kommenden fünf Jahren finanziell gefördert wird. Britta Marie Habenicht betreut neben der Aufgabe Ehrenamt im Kreis Lüneburg das neue Projekt, im Kreis Harburg ist ihr Kollege Karl-Heinrich Stöver zuständig.
"Für Menschen mit einer Behinderung ist es oft nicht selbstverständlich die eigene Meinung zu kennen und auszudrücken", sagt die Sozialpädagogin. Wer in einer Betreuung und abhängig von Dienstleistungen durch andere lebe, könne es als schwierig empfinden zu sagen, was er oder sie wolle und was nicht. Dafür brauche es Unterstützung. Und da setzt das neue Projekt der Lebenshilfe an.
Britta Marie Habenicht schildert, wie man Mitbestimmung in den Wohnhäusern lebt. Themen klingen vergleichbar wie in einer Wohngemeinschaft: Wer repariert ein kaputtes Licht, wer ist für was verantwortlich? Jemand Neues möchte einziehen, wen
nehmen wir? Die Bewohner wählen Vertreter für ihre Interessen. Ein Anliegen: Wer von den Mitarbeitern hat wann Dienst, kann ein Arbeitsplan ausgehängt werden? Klären die Vertreter mit der Leitung der Einrichtung.
Mitglieder des Gremiums sitzen in der Gesamtbewohnervertretung, die für alle Wohnhäuser der Lebenshilfe in denLandkreisen Lüneburg und Harburg sprechen. Alles in allem 26 Bewohnervertreterinnen und Bewohnervertreter. Von denen wiederum engagieren
sich vier in landesweiten Gremien der Lebenshilfe.
Wie gesagt, einige brauchen Unterstützung, weil sie körperlich oder kognitiv eingeschränkt sind, um ihre Anliegen vorzutragen oder besser zu verstehen. Einfache Sprache spielt dabei eine zentrale Rolle. Und genügend Zeit, um wirklich zuzuhören. Für Gremiensitzungen setzen die Betroffenen und die Mitarbeiter der Lebenshilfe auf Video-Technik -- so wie andere Unternehmen. Der Ansatz dahinter steht für das Kernanliegen der Lebenshilfe: Inklusion. Menschen mit und ohne Behinderungen agieren auf Augenhöhe miteinander.
Britta Marie Habenicht „pflegt“ einen weiteren Ast am Baum Lebenshilfe, der ebenfalls für die Gemeinschaft weiter wächst: das Ehrenamt. Mehr als 200 Ehrenamtliche engagieren sich in der Lebenshilfe, gut die Hälfte davon für Menschen in Wohnhäusern
und Wohngemeinschaften. Es geht um Ausflüge auf einem Tandem, um eine Walking-Gruppe, um gemeinsames Spazierengehen oder z.B. um eine Ehrenamtliche, die Hocker-Gymnastik mit Senioren anleitet. Beliebt ist es auch, wenn Ehrenamtliche einen eigenen Hund
haben und den mitbringen. Tierliebe verbindet.
Besonders gelingend im Sinne des Inklusionsgedankens ist es, wenn beim Ehrenamt die Grenzen „Wer hat eine Behinderung, wer nicht?“ verschwimmen. Wenn etwa jemand, der in einer Werkstatt der Lebenshilfe arbeitet einen Bewohner einer WG der Lebenshilfe bei Fragen rund um Handy und Laptop unterstützt. Oder wenn Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam bei regelmäßigen Naturschutzaktionen mitanpacken. Beim Heide-Expresse-Verein macht einer mit, er ist dabei, wenn es darum geht, historische Waggons zu restaurieren oder Fahrten mit den alten Zügen zu begleiten.
"Wir erreichen viele", freut sich Britta Habenicht. Die beste Werbung sei "Mund-zu-Mund-Propaganda", also wenn Ehrenamtliche mit Begeisterung von ihrem Ehrenamt erzählen. Dann wird sichtbar: "Vom Miteinander und vom Perspektiv-Wechsel profitieren alle!"
Die Sozialpädagogin macht ihren Job seit elf Jahren, ihre Kollege Karl-Heinrich Stöver ist im Kreis Harburg seit sieben Jahren dabei. Es kann ein großes Glück bedeuten, für das Selbstbewusstsein und das Miteinander von anderen Menschen zu arbeiten. Carlo Eggeling
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