Lüneburg, am Sonntag den 30.08.2026

Behinderung behindert nicht

von Carlo Eggeling am 30.08.2026


Menschen mit Behinderung sollen dabei sein. Können sie doch bei Euch in Nicolai? So geht es Saskia Gelhaus-Rienecker öfter. Sie leitet die Fachstelle für Inklusion des Kirchenkreises Lüneburg und hat ihr Büro neben der Nicolaikirche. Lange habe es geheißen: Geht es um Behinderungen, geh' zu Nicolai. Doch die Diakonin möchte es anders machen: Gemeinden können gern ihren Rat nutzen, doch sie sollen möglichst selbst Menschen mit Handicaps in ihren Gemeinden als Teil empfinden. "Ich muss lernen, die Unsicherheit zu akzeptieren", sagt die 37-Jährige. "Was für mich selbstverständlich ist, ist es für andere nicht unbedingt. Aber gemeinsam können wir sprechen und Wege entwickeln."

In diesen Tagen feiert die Fachstelle ihren 50. Geburtstag. Zu ihren Müttern gehörte Renate Börner, die auch die Lebenshilfe mitgegründet hat. Die verstorbene Mutter eines behinderten Sohns setzte sich mit anderen dafür ein, dass Menschen mit Beeinträchtigungen ein Leben mitten im Leben führen können. Inklusion, Behinderungen sollen möglichst wenig behindern. Dass Saskia Gelhaus-Rienecker sich mit Barrieren in Köpfen beschäftigt, zeigt, wie präsent das Thema noch immer ist. Zuständig ist nicht nur Nicolai für diesen Teil der sozialen und seelsorgerischen Arbeit, sondern alle. Nicolai gewährt quasi das Dach.

Man muss schon fast sagen, natürlich besteht eine Kooperation mit der Lebenshilfe. Anna Cordes aus der Geschäftsführung sagt: "Auch unsere Beschäftigten haben eine Verbindung zum Glauben, einige gehen in den Gottesdienst." Sie brauchen Kirche eventuell ein bisschen anders: Sprache sollte einfacher sein, Gleichnisse aus der Bibel brauchen eine Übersetzung. Wunderbar erleben kann man das beim Krippenspiel in der Weihnachtszeit, wenn Menschen mit und ohne Behinderung zusammen mit der Diakonin Theater machen.

Ein anderes Beispiel ist Trauer. Wenn in einem Wohnheim jemand stirbt, brauchen die "Nachbarn" Trost, die Mitarbeiter möglicherweise Unterstützung und Struktur. Saskia Gelhaus-Rienecker kann Ansprechpartnerin sein. Wie die Zusammenarbeit zwischen Kirchenkreis und Lebenshilfe aussieht, haben beide Seiten in einen Vertrag gegossen. Klar, es geht auch um Geld.

Denn auch wenn die Diakonin fest angestellt ist, bedeutet das nur einen Teil der Finanzierung. Zuschüsse, Spenden und Ehrenamt machen den großen "Rest" aus. Deshalb blickt die Sozialpädagogin mit Sorge auf angekündigte Kürzungen im sozialen Bereich. Weniger Geld, weniger Leistung, lautet ihre simple Gleichung, die Handvoll, die sich engagiert kann nicht noch mehr machen, und Zuwachs ist nicht in Sicht. Auch daher machen Kooperationen Sinn.

Nur Klagen ist eh kein Weg. Das hängt mit der Geschichte der Diakonin zusammen, mit Betroffenheit. Das meint nicht das klebrige vermeintliche Mitfühlen, sondern Schicksal. Saskia Gelhaus-Rienecker lebt mit einer Form der Glasknochenkrankheit, Knochenbrüche kennt sie von Kindheit an. "Die Krankheit wurde spät erkannt", erzählt sie. Das Leben mit Behinderung sollte und soll sie nicht über Gebühr beschränken: Sie lernte Heilerziehungspflege, arbeitete mehrere Jahre im Job, bis sich ein Studium anschloss, seit drei Jahren ist sie für die Fachstelle im Kirchenkreis verantwortlich, übrigens die einzige in der Landeskirche.

Sie kann Eltern verstehen, die vor ihr sitzen und nicht wissen, wie sie Betreuung in den Ferien für ihr Kind organisieren, denn Mutter und Vater müssen arbeiten. Auf einer Freizeit ist es für sie selbstverständlich, einem Menschen die Windeln zu wechseln. Man könnte es so sehen, manche Herausforderung bedeutet eine Chance, etwas anders zu machen. Zum Beispiel, Inklusion in die Gemeinden zu tragen, mit Partnern verschiedener sozialer Organisationen enger zusammenzuarbeiten -- und in Bündnissen für Verbesserungen zu kämpfen.

50 Jahre. Die waren immer gut und schwierig, wie das so ist. Ihre Vorgänger haben einiges erreicht, das Leben geht weiter. So kalenderspruchig es ist. Erst einmal sind Saskia Gelhaus-Rienecker und ihre ehrenamtliche Crew glücklich und stolz, dass sie sich zum Geburtstag ein Magazin mit rund 180 Seiten erarbeitet und geschenkt haben. "Das ging nur mit viel Klinken putzen, um alles zu finanzieren", schildert die Diakonin. Ein halbes Jahrhundert Geschichte, Schicksale, Ausblicke. Das Motto bleibt, ein bisschen Ewigkeit: "Ein Segen für alle." Carlo Eggeling


Das Geburstagsfest:

Samstag, 5. September, 14.00 - 18.00 Uhr:
Jubiläumsfest im Garten und in der Kirche St. Nicolai
• mit vielen Netzwerkpartner*innen und Freund*innen
• Aktionen zum Mitmachen und Erleben
• Popcorn und Pommesbude

Am Sonntag folgt ein Gottesdienst mit Bischöfin Marianne Gorka . Das Programm gestalten die Diakonie und ein Team von Menschen mit Behinderung.

© Fotos: ca / Nicolai


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