Lüneburg, am Freitag den 23.10.2026

Bürgerrat zum Bürgerrat — bitte mehr interfraktionelle Kreativität

von Carlo Eggeling am 16.05.2026


Meine Woche
Bürger. Ratlos

Zweimal haben sich je 30 Lüneburger zusammengehockt, um Konzepte zu entwerfen. Zweimal wurde erkennbar nichts daraus. Die Vorschläge des sogenannten Bürgerrats für das mit Holzschutzmitteln getränkte Glockenhaus liegen hochgelobt in irgendeiner Ablage. Gleiches gilt für den Spielplatz Innenstadt, bei dem der bestens funktionierende Schrangenplatz zu einem konsumfreien Ort mutieren soll, der so anregend wirkt wie ein Handbuch zur Langeweile. Nun soll der Stadtrat grünes Licht für die nächste Aktion geben. Aller konsumfreien Dinge sind drei. Oder so ähnlich.

Eine interfraktionelle Arbeitsgruppe habe sich überlegt, was ein schönes Thema wäre, heißt es in einer Vorlage für den Stadtrat: "Die AG hat sich einstimmig dafür ausgesprochen, dem Rat das Thema „Kurpark“ für den Bürger:innenrat 2026 zu empfehlen."

Mensch Meier, das ist mal was. Wer an einem sonnigen Nachmittag im 24 Hektar großen Kurpark mal ein Eis konsumiert oder am Springbrunnen sitzt, dürfte sich fragen, warum der nach dem Vorbild eines englischen Landschaftsgartens vor 120 Jahren angelegte Park umgemodelt werden sollte -- überall Menschen, die sich sonnen, lesen, Sport treiben und Kinder, die nicht nur auf Spielplätzen tollen. Soll vielleicht die von der Stadt abgeräumte Minigolf-Anlage zurückkehren?

Wenn diese bezaubernde Idee keine Mehrheit findet, könnte ein Bürgerrat sich stattdessen den Sand vornehmen. Den Sand. Der gerade zur alkoholfreien Zone erklärt wurde, auf dem die von der Oberbürgermeisterin aufgestellten Grünen Oasen eine Diskussion zum Kochen brachten, wie Lüneburg künftig Suchtkranke und Wohnungslose vertreibt oder doch zumindest zähmt, der Lüneburg einen Kommunalen Ordnungsdienst mit 13 Stellen plus mehr Sozialarbeit bescherte mit Kosten von nicht weit weg von einer Million Euro pro Jahr. Was will man da noch schöner und sozialverträglicher machen? Straßencafés abräumen für konsumfreie Orte?

Wo ist man interfraktionell noch so unterwegs? Wie wäre es mit einem Bürgerrat zum Thema Bürgerrat? Wie sinnhaft ist es, für das Gremium 25 000 Euro auszugeben und obendrein Personal zu bezahlen, das sich um diese Form folgenloser Bürgerbeteiligung kümmert?

Wie nachhaltig zig Bürgerbeteiligungen sind, erlebt das Kommunalparlament unter dem Tagesordnungspunkt Marienplatz. Es gab mal das Format Zukunftsstadt, das gern ganze bezahlte Zeitungsseiten mit schwer verständlichen angeblichen Erfolgen und Visionen vollschrieb und unter anderem den Marienplatz zu einem furiosen Ort machen wollte, verrostete Klangschale, Holzhackschnitzel, zwischendurch noch Aktivisten, die mit einem Camp dem Oberbürgermeister richtige Umweltpolitik erklären wollten, nach ihrem Abgang zig Gelbe Säcke mit Tetrapaks und ausrangiertem Mobiliar hinterließen, ein wenig kontraproduktiv im Angesicht der Weltenrettung als solcher.

Dieser große Einsatz war übrigens nicht mehr nötig, als die neue, grüne Oberbürgermeisterin ins selbe Büro mit Blick auf den Marienplatz einzog. Bei der war alles in guten Händen, schließlich hatte sie im Wahlkampf die Weltenbewahrer besucht und sich für einen anderen Marienplatz stark gemacht. Wurde alles nichts, trotz weiterer Anläufe.

Das soll wohl jetzt endgültig sein. Die N-Bank, die Fördermittel und günstige Kredite verteilt, hat der Stadt mitgeteilt, da sie letztlich nicht aus dem Quark gekommen sei, werde es keine Kohle für die "anteilige Übernahme der Mehrkosten aufgrund der Asphalt-/ Bodenentsorgung" geben. Schön, dass wir immer wieder mal drüber gesprochen haben.

Übrigens macht CDU-OB-Kandidat Patrick Pietruck gemeinsam mit seinen Mitgeschäftsführern von web-Netz zum Stadtfest einen Beachclub aus dem Platz. Zum zweiten Mal. So ich weiß, ohne Bürgerbeteiligung der entsprechenden Rathausabteilung.

Ich frage mich, ist das ein Beispiel für eine Stadtgesellschaft, die sich bürgerlich und realistisch für die Stadt engagiert? So wie auch Wirte des Mälzer, Wyndberg und Einzigartig, Schausteller und andere, die zum Stadtfest für Bühnenprogramme sorgen, und darauf setzen, dass so viele kommen, dass sie mit ihren Ständen die Kosten wieder reinholen? Übrigens muss niemand etwas konsumieren. Wäre aber hilfreich, wenn man Bands hören möchte. Wäre letztlich Bürgerbeteiligung und nicht der Konsum der Nassauer.

Zwei Punkte zum Schluss. Das Irgendwas aus dem Sozialressort zum Treff an der Schießgrabenstraße für Wohnungslose, Alkohol- und Drogenkranke samt zweier Wohnungen für diese Klientel fuhr im vergangenen Sozialausschuss gegen die Wand.

Mein Kollege Jan Beckmann hat in der Landeszeitung beschrieben, wie er das Gebaren der gemeinhin als selbstbewusst und belehrend empfundenen Sozialdezernentin Gabriele Scholz erlebt hat: "Erklärungsversuche der Dezernentin wirkten hilflos: Dem Verein die WG-Zimmer zu überlassen, weil sich niemand anderes gemeldet hätte, klang schon skurril. Ernsthaft in Erwägung zu ziehen, junge Studenten oder gar alleinerziehende Frauen mit Kindern über dem Treffpunkt der Drogenszene einziehen zu lassen, das hatte schon etwas sehr Naives." Im Feuilleton würde man zu diesem Theater sagen: Totalverriss.

Weil Sozialpolitiker ein weites Herz haben und weil sie sich das Café als Hilfe für die Gescheiterten des punktuell gescheiterten Sozialstaats wünschen, können sie das Projekt im am Dienstag tagenden Verwaltungsausschuss nicht scheitern lassen. Hinter den Kulissen werde verhandelt, wispert es von den Rathausfluren.

Für die Wohnungen solle es eine Ausschreibung geben, das Café solle ein sozialer Träger betreiben und nicht die Stadt, für die nicht vorhandene Barrierefreiheit solle es eine Lösung geben -- sonst fließen keine Fördermittel. Die politische Attacke für aus dem Ruder gelaufene Kosten, Konzeptlosigkeit und mangelnde Kontrolle durch den Kämmerer und schließlich die Oberbürgermeisterin bleibt wohl aus. Hauptsache, es kommt was Soziales.

Aus dem Kreis meiner frauenbewegten Freundinnen höre ich, dass es mit dem Neubau des auf die laaaaange Bank geschobenen Frauenhauses vorangehen soll. Also beim Reden. Es habe sich eine Arbeitsgruppe gebildet, in der unter anderem Kämmerer Rink, Sozialdezernentin Scholz und jemand aus einer Stiftung sitzen sollen. Allerdings niemand aus der Politik, Braucht man die? Bürgerbeteiligung ist relativ, wenn sie eingreifen könnte.

Bleiben wir heiter mit Wilhelm Busch:
Wenn mir aber was nicht lieb,
Weg damit! ist mein Prinzip.

Gutes Wochenende, Carlo Eggeling

© Fotos: ca


Kommentare Kommentare

Kommentar von Hubi
am 18.05.2026 um 10:57:36 Uhr
Danke für den Bericht, der den Ausschüssen und externen Beratungsfirmen zutreffend widerspiegelt:
Viel Papier - wenig realistische Ergebnisse !
Kommentar von Frank Müller
am 18.05.2026 um 20:07:41 Uhr
Vielen Dank für diesen Kommentar zu vielen "Aktivitäten", die häufig so substanzlos sind, dass es fast schon weh tut. Sehr schön beschrieben die Simulation von Aktivität (Bürgerrat, Zukunftsstadt) bis hin zu vollkommen fachlich fragwürdigen (inkompetenten) Konzepten zur Begleitung von Menschen mit Drogenproblematik. Einige Dinge nerven, andere sind verstörend. Die Aufzählung ist aus meiner Sicht noch unvollständig. Vielen Dank für diese präzise Zustandsbeschreibung!
Kommentar von Erwin Habisch
am 19.05.2026 um 11:04:31 Uhr
Der Sand wurde gerade zur alkoholfreien Zone erklärt, ist aber keine. Die Gastronomie Am Sande darf weiter Alkohol servieren - auch in der Straßengastronomie, also eine Mogelpackung.
Wer hat's erfunden? Kleiner Tipp: Nicht die Grünen.
... und Bürgerbeteiligung ist auch nicht dafür verantwortlich.
Deren Wirkungslosigkeit liegt daran, dass eine politische Mehrheit im Rat aus SPD, CDU und FDP seit ein paar Jahren prinzipiell gegen alles ist - sogar gegen selbst auf den Weg gebrachte Vorhaben.
Kommentar von edfe
am 20.05.2026 um 08:04:10 Uhr
Die Ergebnisse des jedesmal einen mittleren 5-stelligen Euro-Betrag verschlingenden Konstrukts sind abenteuerlich. Und werden geprägt von "Ideologie geht vor ernsthafter Prüfung".
Getragen von der einen Aussage in dem "Bewerbungsschreiben" (das ich für den "Glockenhaus-Bürgerrat" bekam): --Expertise nicht erforderlich--.

Da Kenntnisse auch bei jenen Verwaltungs-Leuten fehlten, die die Ratenden Bürger unterstützen sollten, konnte es nur in dem Desaster enden.

Wie kann man "vergessen", dass das EMA und andere Abteilungen der Stadt das hochgradig durch giftige/gesundheitsgefährdende Holzbehandlungs-Mittel kontaminierten Gebäude räumen mussten.

Expertise nicht erforderlich....

Und Ahnungslosigkeit plus Verbohrtheit schreiten fort. Stichwort:Schrangenplatz.

E.-D. Feddern
Lüneburg
Kommentar von Marco Sievers
am 22.05.2026 um 12:12:30 Uhr
Ich habe die Installation dieses sogenannten „Bürgerrates“ von Beginn an kritisch gesehen, schon vor seinem ersten Zusammenkommen und den unverbindlichen Diskussionsergebnissen. Für mich ist dieses Format vor allem eines: ein Feigenblatt für Lüneburgs Bürgerbeteiligung! Sein Teilnehmerkreis wird von Kollege Zufall ermittelt, ausgelost und seine Themen vorgegeben, um der Rathauspolitik dann als Impulsgeber zu dienen und ihr die Entscheidung zu überlassen. Was für eine Farce – mir wäre jede Minute meiner Zeit zu kostbar, um sie dort zu verbringen. Wer politische Mitgestaltung ernsthaft stärken will, sollte bestehende demokratische Wege nicht durch symbolische Beteiligungsformate ersetzen. Es gibt Parteien, Ausschüsse, Beiräte und gewählte Vertretungen – vom Seniorenbeirat über den Beirat für Menschen mit Behinderungen bis hin zum Stadtelternrat. Dort findet Beteiligung mit Struktur, Verantwortung und Verbindlichkeit statt. Mir graut schon vor den Ergebnissen zum Thema „Kurpark“ ...
Kommentar von Christian Meyke
am 21.09.2026 um 17:15:59 Uhr
Ein Bürgerrat verdient eine faire Betrachtung
Wir gehören dem aktuellen Lüneburger Bürger:innenrat an, der sich mit der Zukunft des Kurparks beschäftigt. Deshalb haben wir den Kommentar von Carlo Eggeling vom 16. Mai 2026 sowie die weitere Berichterstattung über die bisherigen Lüneburger Bürger:innenräte mit besonderem Interesse gelesen.
In seinem Kommentar steht der Satz:
„Zweimal wurde erkennbar nichts daraus.“
An diesem Satz nehmen wir Anstoß.
Nicht daran, dass ein Journalist einen Bürger:innenrat kritisch betrachtet. Das muss möglich sein. Auch ein Bürger:innenrat darf und soll hinterfragt werden. Was kostet dieses Beteiligungsformat? Was kommt dabei heraus? Was passiert anschließend mit den Empfehlungen?
Das sind berechtigte Fragen.
Aber Kritik sollte aus unserer Sicht genauso sorgfältig mit den Fakten umgehen wie diejenigen, deren Arbeit kritisiert wird.
Und genau da wird es für uns schwierig.
Der erste Lüneburger Bürger:innenrat beschäftigte sich mit dem Glockenhaus. Seine Empfehlungen wurden nicht einfach in irgendeiner Schublade abgelegt. Die Hansestadt hat sich anschließend erneut und vertieft mit der zukünftigen Nutzung und Revitalisierung des Gebäudes beschäftigt. Ein Förderantrag zur Revitalisierung des Saals wurde gestellt. Dabei wurden zentrale Empfehlungen des Bürger:innenrates aufgegriffen, unter anderem zur Modernisierung des Saals, der Veranstaltungstechnik, der Beleuchtung sowie der Küchen- und Tresenbereiche und zum möglichen Einbau einer Bühne. Die Toiletten wurden bereits saniert. Seit September 2024 finden im Glockenhaus mit dem Luna Music Club wieder Kulturveranstaltungen statt.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass sämtliche Empfehlungen des damaligen Bürger:innenrates umgesetzt wurden.
Eine eigene Koordinationsstelle gibt es beispielsweise nicht. Auch eine umfassende Öffnung des Glockenhauses für Vereine ist wegen der laufenden Modernisierung bisher nicht möglich.
Aber zwischen „nicht alles umgesetzt“ und „erkennbar nichts daraus geworden“ besteht für uns ein erheblicher Unterschied.
Noch deutlicher wird dieser Unterschied beim zweiten Bürger:innenrat.
Dieser beschäftigte sich 2025 mit konsumfreien Orten für Kinder und Jugendliche in der Innenstadt. In sechs Sitzungen wurden neun Empfehlungen erarbeitet. Das Bürgergutachten wurde dem Rat der Hansestadt am 12. Februar 2026 offiziell übergeben.
Der Kommentar von Carlo Eggeling erschien am 16. Mai 2026.
Gut drei Monate später.
Nach diesem Zeitraum bereits zu dem Schluss zu kommen, aus der Arbeit dieses Bürger:innenrates sei „erkennbar nichts“ geworden, halten wir für eine sehr pauschale Bewertung.
Denn ein Bürger:innenrat vergibt keine Bauaufträge. Er beschließt keinen Haushalt. Er entscheidet nicht über Grundstücke, Planungsrecht oder Fördergelder.
Ein Bürger:innenrat erarbeitet Empfehlungen.
Danach beginnt die Arbeit von Stadtrat und Verwaltung. Vorschläge müssen geprüft, beraten und finanziert werden. Gerade bei Veränderungen im öffentlichen Raum können daraus mehrjährige Prozesse entstehen.
Und auch beim zweiten Bürger:innenrat sind die Empfehlungen keineswegs verschwunden. Beim Schrangenplatz sollen die Anregungen in die weiteren Planungen einfließen. Die Hansestadt spricht ausdrücklich von einem mehrjährigen Prozess. Bei weiteren Empfehlungen wird geprüft, ob Flächen zur Verfügung stehen und wie Vorschläge in bestehende Planungen integriert werden können. Auch Empfehlungen im Zusammenhang mit dem Haus der Jugend können in die dortigen Planungen einfließen.
Manches befindet sich also in Prüfung oder Planung. Manches ist noch offen. Und manches wird möglicherweise am Ende auch nicht umgesetzt werden.
Auch das gehört zur Wahrheit.
Uns geht es deshalb nicht darum, Herrn Eggeling „zu widerlegen“ oder Kritik an einem Bürger:innenrat abzuwehren.
Uns geht es um etwas anderes:
Uns ist wichtig, dass Bürgerinnen und Bürger gehört werden und dass echte Bürgerbeteiligung möglich bleibt.
Genau dafür ist ein Bürger:innenrat da. Menschen aus unterschiedlichen Teilen der Stadt, unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichen Erfahrungen kommen zusammen. Sie hören Fachleuten zu, diskutieren miteinander, widersprechen sich und erarbeiten schließlich Empfehlungen für die Politik.
Für uns ist das ein wertvolles demokratisches Beteiligungsinstrument.
Nach dem ersten Testlauf wurde der Bürger:innenrat in Lüneburg verstetigt; inzwischen findet jährlich ein neuer Bürger:innenrat zu einem eigenen Thema statt.
Wir empfinden deshalb den Ton des Kommentars an einigen Stellen als unnötig abwertend und vor allem als entmutigend. Wenn die Arbeit eines Bürger:innenrates bereits nach wenigen Monaten als praktisch folgenlos dargestellt wird, stellt sich irgendwann auch die Frage: Warum sollten sich Bürgerinnen und Bürger überhaupt noch die Zeit nehmen, sich einzubringen?
Und da sehen wir ein grundsätzliches Problem.
Gerade in einer Zeit, in der Vertrauen in Politik und demokratische Institutionen keine Selbstverständlichkeit ist, sollte mit solchen Beteiligungsformen sorgfältig umgegangen werden.
Pauschale Aussagen, die dem dokumentierten Stand nicht entsprechen, können Misstrauen verstärken. Und sie können den Eindruck fördern, Bürgerbeteiligung sei ohnehin wirkungslos oder überflüssig.
Das kann aus unserer Sicht nicht im Interesse einer lebendigen demokratischen Stadtgesellschaft sein.
Ein Bürger:innenrat darf kritisiert werden. Politik und Verwaltung dürfen selbstverständlich ebenfalls dafür kritisiert werden, wenn Empfehlungen zu langsam bearbeitet werden oder am Ende tatsächlich nichts passiert.
Aber dafür muss man ihnen auch die notwendige Zeit geben.
Wer sich selbst ein Bild machen möchte, muss übrigens weder uns noch Herrn Eggeling glauben.
Die Hansestadt dokumentiert die bisherigen Bürger:innenräte, ihre Empfehlungen und den jeweiligen Stand ausführlich. Wer nachlesen möchte, findet hier die offiziellen Informationen:
 Bürger:innenrat der Hansestadt Lüneburg – Übersicht, Empfehlungen und Umsetzungsstand
 Bürger:innenrat 2025 – Konsumfreie Orte für Kinder und Jugendliche in der Innenstadt
Dort kann jede und jeder nachlesen, was bereits umgesetzt wurde, was sich in Planung oder Prüfung befindet und was noch offen ist.
Genau diese Differenzierung wünschen wir uns auch in der öffentlichen Diskussion.
Wir sitzen derzeit selbst im Bürger:innenrat zum Kurpark. Sechs Sitzungen sind bis Anfang November vorgesehen. Auch wir arbeiten daran, Empfehlungen zu entwickeln, die anschließend ihren Weg in den politischen Prozess nehmen werden.
Wir erwarten nicht, dass anschließend am nächsten Morgen die Bagger im Kurpark stehen.
Wir erwarten auch nicht, dass jede unserer Empfehlungen umgesetzt wird.
Was wir erwarten dürfen, ist, dass unsere Arbeit ernst genommen wird, unsere Vorschläge geprüft werden und anschließend nachvollziehbar erklärt wird, was umgesetzt werden kann – und was vielleicht auch nicht.
Bevor also jemand zu dem Urteil „Daraus ist nichts geworden“ kommt, wünschen wir uns vor allem eines: dass man einem demokratischen Beteiligungsprozess die Zeit gibt, die er braucht.

Ulrike Fricke
Frank Niebuhr
Christian A. Meyke
Bürger*innenrat 2026

Lüneburg, 21.09.2026
Antwort von Lüneburg Aktuell
am 21.09.2026 um 15:45:39 Uhr
Zur Erinnerung der Beitrag aus dem Mai, der hier kritsiert wird. Die Stadt erklärt von sich aus, dass in den kommenden Jahren kein Geld da ist, um den Schrangenplatz umzugestalten. Der Vertrag mit dem Betreiber der Eisdiele wurde bis 2028 verlängert.

Bis 2028 kann Lüneburg noch Eis schlecken auf dem Schrangenplatz. Bis dahin hat die Stadt den Pachtvertrag mit dem Eiscafé verlängert. Das bestätigen beide Seiten. Danach könnte es sein, dass statt Spaghetti-Eis und Amarena-Becher ein Spielplatz die Attraktion des kleinen Idylls wird. Nachdem sich Politik und vor allem die Verwaltung dem Konzept sogenannter konsumfreier Orte verschrieben haben, durfte ein Bürgerrat mit dreißig Beteiligten in sechs Sitzungen grübeln, träumen und aufschreiben, wo und wie es in der Stadt vermeintlich lebenswerter werden könnte. Im Februar lag das Ergebnis vor.

Mehrmals geht es in dem Konzept darum, die Stadt mehr zum Spielplatz zu machen. Am Museum soll der Wandrahmpark in Kooperation mit der Historiensammlung zum Toben einladen, an der Neuen Sülze könnte es am Haus der Jugend eine "Aktionsfläche" geben. Spielekisten an diversen Orten wären ebenfalls fein.
Nun gewinnt man als Flaneur nicht den Eindruck, dass der Schrangenplatz gemieden wird – im Gegenteil. Die Straßencafés füllen sich je nach Wetterlage. Mädchen und Jungen wehren sich nicht gegen eine Kugel Schoko oder Vanille. Wer Möhrchen, Stulle mit selbstgekochter Marmelade und die Thermoskanne Kaffee mit Hafermilch mitbringen möchte, findet auf öffentlichen Bänken mühelos einen Platz -- es sei denn, es herrscht Überfüllung all überall.

Der Pächter des Pavillons würde gern langfristig weitermachen. Er sagt, die Stadt habe im zugesichert, dass er bis 2028 bleiben könne -- erst einmal. Doch es bleibe vage: "Wir möchten eigentlich die Sonnenschirme neu bespannen, doch natürlich überlegen wir, ob wir für zwei Jahre noch viel Geld investieren." Es gehe um mehrere tausend Euro.

Doch was will man im Rathaus eigentlich? Die Antwort liefert Sprecher Stefan Ahrens: "Der Bürgerrat hat die Einrichtung eines Spiel- und Begegnungsplatzes empfohlen – mit Entsiegelung, Begrünung, Sitzgelegenheiten und kleineren Spielgeräten. Die Verwaltung begrüßt diese Anregungen ausdrücklich. Neben dem Ziel, konsumfreie Aufenthaltsbereiche in der Innenstadt zu stärken und die Aufenthaltsqualität nachhaltig zu verbessern, wurden die Ergebnisse der Bürgerbeteiligung auch als wichtige Bestätigung der bisherigen planerischen Überlegungen zur möglichen Umgestaltung des Schrangenplatzes aufgenommen."

Ob es überhaupt so kommt, bleibt offen. Es geht ums Geld. Die Antwort aus dem Rathaus klingt nach dem Prinzip Hoffnung: "Voraussetzung für die weitere Planung und Umsetzung ist zunächst die Bereitstellung der erforderlichen Finanzmittel. Hierfür sollen unter anderem Fördermittel aus dem Programm „Zukunftsfähige Innenstädte & Zentren“ eingeworben werden. Zudem wird die Verwaltung entsprechende Mittelanmeldungen in die kommenden Haushaltsberatungen einbringen. Wenn die Mittel bereitgestellt sind, können die weiteren Planungsprozesse beginnen. Über die konkrete Gestaltung sowie die endgültige Finanzierung entscheidet der Rat der Hansestadt Lüneburg im Rahmen der politischen Beratungen und Haushaltsbeschlüsse. Aufgrund der erforderlichen Planungs- und Entscheidungsprozesse und der Finanzierung handelt es sich dabei um einen mehrjährigen Entwicklungsprozess."

Das heißt übersetzt, nach den Kommunalwahlen im Herbst könnte der nächste Rat das Projekt kippen, bleiben die Fördermittel aus, fehlt es weiterhin an Geld, und "mehrjähriger Entwicklungsprozess" hört sich eher danach an, dass es nach 2028 nicht sofort losgehen dürfte.

Wenn der Pavillon weichen soll, zahlt dafür nicht die Stadt. Sprecher Ahrens antwortet nach Rücksprache mit der entsprechenden Abteilung: "Im Pachtvertrag ist geregelt, dass der Pavillon nach Ende der Pachtzeit zurückzubauen ist, damit dann die Umgestaltung beginnen kann. Der Pavillon selbst befindet sich in Privatbesitz. Hier können wir nichts zu einem etwaigen Eigentümerwechsel oder Vertragsinhalten sagen."

Beim Lokaltermin zeigt sich übrigens, dass die Bänke schon jetzt sehr öffentlich genutzt werden, die Lufthoheit liegt bei Tauben, welche die Innenstadt als konsumseligen Ort besetzt halten -- sie lassen fallen, was sie verdaut haben. Der Betreiber des Eis-Häuschens sagt, seine Mitarbeiter machten die öffentlichen Flächen im Sinne der Allgemeinheit regelmäßig sauber -- aus Verantwortung. Die Stadt hingegen erklärt: "Die Bänke werden regelmäßig von der AGL gereinigt. Dabei lässt sich nicht verhindern, dass Tauben oder andere Vögel manchmal schneller sind."

Das Konzept des Bürgerrats, der mehr oder weniger zufällig für bestimmte Projekte zusammengestellt wird, scheint zum zweiten Mal an der Realität zu scheitern. Zunächst hatte so ein Rat ein Konzept für die Nutzung des Glockenhauses entwickelt, obwohl seit zwei Jahrzehnten bekannt ist, dass das Gebälk mit Schadstoffen belastet ist. In einem Papier der Stadt zu Nutzung heißt es, in den Räumen möge man sich nur wenige Stunden aufhalten und das nur einmal im Monat, Schwangere sollten am besten gar nicht in das fünf Jahrhunderte alte Gemäuer kommen.

Auch dort wurde ein Ideenpapier entwickelt, von dem nach zwei Jahren nicht so wirklich was zu hören ist. Wie soll es auch gehen, wenn sich die Nutzungsanweisung anhört wie, konsumfrei ist eine Runde Halma möglich, Schach könnte zeitlich schwierig werden? Ob nach Runde 2 der Bürgerbeteiligung mehr machbar ist, wirkt zweifelhaft. Wenn nun ein neuer Bürgerrat geplant wird, stellt sich die Frage, was kann der eigentlich bewegen? Und angesichts eines Haushalts, der mit Millionendefiziten zu kämpfen hat, könnte man sich zudem die Frage stellen, wofür Stellen für diese Art von Bürgerbeteiligung im Rathaus geschaffen wurden. Aber vielleicht liegt ja hier das Thema für den nächsten Bürgerrat. Carlo Eggeling
Kommentar von Christian Meyke
am 23.09.2026 um 08:58:41 Uhr
Moin Herr Eggeling. Kurze Antwort auf Ihre Reaktion auf unsere Mailzum Thema Bürgerrat an sich.

. Die Fragen nach Geld, Zeitplan und der Zukunft des Eiscafés sind berechtigt. Auch wir wollen wissen, was von den Empfehlungen tatsächlich umgesetzt werden kann.

Aber aus offenen Finanzierungsfragen zu schließen, der Bürgerrat sei „an der Realität gescheitert“, halte ich für unfair. Der Bürgerrat kann Vorschläge erarbeiten. Über Planung, Geld und Umsetzung entscheiden Verwaltung und Stadtrat. Wenn eine Empfehlung nicht umgesetzt wird, muss die Politik erklären, warum – das kann man nicht den Bürgerinnen und Bürgern anlasten, die ihre Zeit und ihre Ideen eingebracht haben.

Und eine Empfehlung für mehr Platz zum Spielen und Begegnen ist noch kein Beschluss, die Eisdiele 2028 durch einen Spielplatz zu ersetzen. Gerade weil die Zukunft des Platzes offen ist, sollten der Betreiber und die Menschen, die den Schrangenplatz nutzen, in die weitere Planung einbezogen werden.

Kritische Nachfragen sind wichtig. Mir geht es darum, dabei fair zu bleiben: Bürgerbeteiligung verdient eine ernsthafte Prüfung ihrer Vorschläge und eine ehrliche Antwort darauf, was möglich ist.


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