Claudia Kalisch: Damit sich was dreht. Aber wie lange eigentlich?
von Winfried Machel am 14.08.2026Anlass für diese Kolumne ist ein heute von Claudia Kalisch veröffentlichter Social-Media-Beitrag. Darin präsentiert die Oberbürgermeisterin sich und ihre politischen Ziele für eine weitere Amtszeit – für uns ein guter Anlass, einmal zurückzuschauen.
Denn bevor über neue Ziele gesprochen wird, darf auch die Frage gestellt werden: Was ist eigentlich aus den Alten geworden?
2021 hatte Claudia Kalisch einen Wahlkampfslogan, der hängen blieb:
„Echt. Damit sich was dreht.“
Fünf Jahre später tritt die Oberbürgermeisterin erneut an. Diesmal lautet die Devise: „Weiter: Kurs halten!“
Nun gut.
Aber bevor wir den Kurs halten, könnte man vielleicht einmal nachsehen, wie weit das Schiff seit 2021 eigentlich gekommen ist.
Denn Claudia Kalisch hat damals ziemlich genau beschrieben, was sie verändern wollte.
Klimaschutz, Verkehrswende und Bürgerbeteiligung müssten „rasch und konsequent“ angepackt werden, schrieb sie 2021. Sie wollte einen Kulturwandel, einen kooperativen Führungsstil und Kommunikation auf Augenhöhe mit Rat, Verwaltung und Bürgern.
Die Zeit dränge.
Das war 2021.
Heute schreiben wir 2026.
Die Zeit drängt offenbar immer noch.
Bürgerbeteiligung: Wir fragen. Sie antworten. Dann entscheidet der Rat.
Bürgerbeteiligung war eines der großen Themen des damaligen Wahlkampfs – und steht auch 2026 wieder auf Kalischs eigener Themenliste.
Dass Beteiligung allerdings nicht automatisch bedeutet, dass anschließend das geschieht, was die Beteiligten wünschen, zeigte die Diskussion um die Hindenburgstraße besonders schön.
Die Stadt befragte Anfang 2025 Anwohner, Gewerbetreibende und Eigentümer. 58,57 Prozent der Teilnehmer sprachen sich gegen eine Umbenennung aus.
Der Rat beschloss trotzdem mehrheitlich die Umbenennung in Gartenstraße.
Rechtlich vollkommen legitim.
Satirisch allerdings ein Geschenk.
Bürgerbeteiligung auf Lüneburger Art: Wir möchten Ihre Meinung wissen. Bitte erwarten Sie nur nicht, dass wir uns danach richten.
Fairerweise: Eine Bürgerbefragung ist keine Volksabstimmung und ein Stadtrat darf selbstverständlich anders entscheiden.
Aber vielleicht versteht man anschließend besser, warum manche Bürger bei dem Wort „Beteiligung“ inzwischen zunächst nach dem Kleingedruckten suchen.
Verkehrswende: Sie kommt. Stück für Stück. Irgendwann.
2021 sollten Verkehrswende und Klimaschutz „rasch und konsequent“ angepackt werden.
Inzwischen besitzt Lüneburg einen Nachhaltigen Urbanen Mobilitätsplan, kurz NUMP.
Und es wäre unfair zu behaupten, es sei nichts passiert.
Es gibt neue Mobilitätsstationen, Maßnahmen für den Radverkehr, barrierefreie Bushaltestellen und weitere Projekte.
Doch der eigene Evaluationsbericht der Stadt liefert eine bemerkenswerte Zwischenbilanz:
Der NUMP umfasst 30 Maßnahmensteckbriefe.
Bei 13 war Ende 2025 ein Fortschritt festzustellen.
Vier waren noch nicht begonnen.
Weitere 13 sollten überhaupt erst ab 2026 oder später umgesetzt werden.
Nach vier Amtsjahren kann man deshalb feststellen:
Die Verkehrswende ist unterwegs.
Man sollte nur nicht fragen, wann sie ankommt.
Vielleicht steht sie gerade im Stau.
Klimaneutral bis 2030
Beim Klimaschutz wird die Sache ernster.
Lüneburg hat sich das Ziel gesetzt, möglichst bis 2030 treibhausgasneutral zu werden. Die Stadt bezeichnet dieses Ziel selbst als ehrgeizig.
Und auch hier wäre es Unsinn zu behaupten, nichts sei geschehen.
Die kommunale Wärmeplanung wurde beschlossen. Es gibt Klimaanpassungsmaßnahmen, erneuerbare Energien, Projekte an städtischen Gebäuden und weitere Maßnahmen.
Nur:
2030 ist inzwischen nicht mehr irgendeine ferne Jahreszahl auf einem Wahlplakat.
Es sind noch vier Jahre.
Das macht die Sache spannend.
Die Klimaneutralität hat jetzt ungefähr den Status eines Handwerkers, der angekündigt hat: „Ich komme zwischen 8 und 18 Uhr.“
Wir wissen, dass sie kommen soll.
Wir wissen nur noch nicht genau, wann.
Verkehrswende, Bürgerbeteiligung, Klimaschutz – kommt Ihnen das bekannt vor?
Wer heute auf Claudia Kalischs Wahlkampfseite schaut, findet dort unter anderem bezahlbaren Wohnraum, moderne Schulen und Kitas, Bürgerbeteiligung, Digitalisierung, lebendige Quartiere sowie ein klimaneutrales Lüneburg.
Alles wichtige Themen.
Nur kommen einem einige davon merkwürdig bekannt vor.
Denn vieles davon stand sinngemäß bereits 2021 auf der politischen Aufgabenliste.
Das ist ungefähr so, als würde ich am Montag auf meinen Einkaufszettel schreiben:
Milch kaufen.
Am Freitag steht dort:
Milch kaufen.
Und am Sonntag verkünde ich:
„Weiter: Kurs halten!“
Bezahlbares Wohnen
Auch bezahlbarer Wohnraum gehört weiterhin zu den großen Zielen.
Und auch hier gilt: Es passiert etwas.
In Rettmer beispielsweise sollen rund 190 neue Wohnungen entstehen. Die Stadt beschäftigt sich mit Nachverdichtung und neuen Quartieren.
Gleichzeitig schreibt Claudia Kalisch selbst im Vorwort des Lüneburger Mietspiegels:
„Die Kosten für das Wohnen steigen.“
Genau darin liegt das Problem.
Eine Oberbürgermeisterin kann weder Baupreise noch Zinsen noch den gesamten privaten Wohnungsmarkt kontrollieren.
Deshalb wäre es unseriös zu behaupten:
Kalisch hat versprochen, die Mieten zu senken, und hat versagt.
Aber nach fünf Jahren darf man sehr wohl fragen:
Ist bezahlbares Wohnen in Lüneburg heute weniger Problem als 2021?
Wer gerade eine Wohnung sucht, darf diese Frage für sich selbst beantworten.
Und nun also: Kurs halten
Claudia Kalisch schreibt zu ihrer erneuten Kandidatur selbst:
„Denn wir haben einiges, aber noch nicht alles erreicht.“
Das ist wahrscheinlich der ehrlichste Satz des neuen Wahlkampfs.
Natürlich hat eine Oberbürgermeisterin keine absolute Macht.
Sie braucht Ratsbeschlüsse. Sie braucht Mehrheiten. Sie braucht Geld. Sie braucht Personal. Sie braucht Genehmigungen. Und manchmal braucht sie wahrscheinlich auch sehr starke Nerven.
Deshalb wäre es billig, jedes ungelöste Problem Lüneburgs persönlich Claudia Kalisch anzuhängen.
Aber genauso billig wäre es, nach fünf Jahren Amtszeit wieder dieselben großen Themen auf Wahlplakate zu schreiben und so zu tun, als beginne die Geschichte gerade erst.
2021 hieß es:
„Damit sich was dreht.“
2026 heißt es:
„Weiter: Kurs halten!“
Vielleicht sollten die Lüneburger am 13. September deshalb weniger darauf schauen, was für die kommenden Jahre versprochen wird.
Sondern zunächst einmal darauf, was aus den vergangenen Versprechen geworden ist.
Denn Wahlkampf ist bekanntlich die Zeit der großen Ziele.
Eine Amtszeit dagegen ist die Zeit der Ergebnisse.
Und vielleicht lautet die entscheidende Frage deshalb gar nicht:
Hat sich etwas gedreht?
Sondern:
Hat sich genug gedreht?
Das entscheiden die Lüneburger.
Am 13. September.
Satirische Kolumne. Sie gibt die Meinung des Autors wieder. Tatsächliche Angaben wurden anhand öffentlich zugänglicher Unterlagen und Veröffentlichungen der Hansestadt Lüneburg sowie veröffentlichter Aussagen von Claudia Kalisch geprüft.
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